Rudolf Virchow
Wesen und Wirken von Virchow in Würzburg
Rudolf Ludwig Karl Virchow (* 13. Oktober 1821 in Schivelbein, Pommern, Königreich Preußen; † 5. September 1902 in Berlin) zählt wegen seiner Begründung der Zellularpathologie zu den größten Medizinern der Geschichte. Zwischen seinen frühen und späteren Jahren an der Berliner Charite, trat er damals im Jahr 1849 als 28-järiger die Professur für Pathologie an der Universität Würzburg an und war damit bis ins Jahr 1856 der 2. Amtsinhaber der Pathologischen Instituts. Diese Periode, auch bekannt als die "7 fetten Jahre", gilt als die wissenschaftlich fruchtbarste seines langen Forschungslebens. Er war ein überzeugter Verfechter der Schwann´schen Lehre von der Zellentstehung in einem amorphen Blastem und entwickelte in Würzburg seine epochale Erkenntnis, dass "omnis cellula e cellula" (Jede Zelle aus einer Zelle) stammt. Die von ihm begründete Zellpathologie sollte viele Jahrzehnte die Grundlage der medizinischen Forschung bilden.
Nach seiner Ankunft führte Virchow in Würzburg zunächst seine Berliner Forschungen weiter (z. B. zur Embolie). In der Folgezeit widmete sich der Prosektor immer stärker der mikroskopischen Anatomie und Pathologie und erforschte eine Vielzahl von Themen, für die er in der Zellularpathologie einen gemeinsamen Nenner fand.
Anders als in Berlin, wo er neben der Tätigkeit als Prosektor an der Charite seinen politischen und sozialmedizinischen Neigungen viel Zeit widmete, konzentrierte er sich in Würzburg gezwungenermaßen ganz auf die pathologische Forschung, "in heißem Drang zur schaffenden Tätigkeit und in der lebhaften Opposition gegen die offizielle Fakultätsmedizin". Virchows Zeit nach Würzburg in der Berliner Charite - fast ein halbes Jahrhundert - diente hauptsächlich der Ausdifferenzierung und Verbreitung seiner Würzburger Erkenntnisse.
Gegenwätig erhalten geblieben sind der Gartenpavillon, Virchows 1. Arbeitsstätte, sein für ihn speziell angefertigten Arbeitstisch sowie seine jährlichen Sektionsprotokolle.
Von Berlin nach Würzburg
Dass Rudolf Virchow für sieben Jahre nach Würzburg kam, war nicht ganz freiwillig. An seinem bisherigen Wirkungskreis in Berlin hatte er sich durch sein politisches Engagement während der Märzrevolution 1848 die Sympathien der Obrigkeit verscherzt, so dass er sich gezwungen sah, Preußen vorübergehend zu verlassen. Was zunächst wie ein herber Rückschlag imponierte, erwies sich im Rückblick als Glück im Unglück, in zweierlei Hinsicht.
Zunächst war Virchows wissenschaftliche Karriere in Berlin 1848 gerade so weit fortgeschritten, dass er sich erfolgreich um eine Professur bewerben konnte. Nur vier Monate vor Beginn der Märzrevolution hatte er sich an der Charite habilitiert und anschließend die Zulassung zum Privatdozenten bekommen. Wären die politischen Unruhen auch nur ein Jahr früher ausgebrochen, hätte Virchows wissenschaftliche Karriere wahrscheinlich einen empfindlichen Dämpfer erhalten. So profitierte er von dem ungeheuren Tempo, das er seit Aufnahme seines Medizinstudiums Ende 1839 vorgelegt hatte: Promotion 1843, Habilitation 1847.
Glück hatte Virchow mit dem erzwungenen Wechsel nach Würzburg auch insofern, als er sich dadurch genötigt sah, seine politischen Neigungen, die 1848 seine wissenschaftlichen Interessen in den Hintergrund zu drängen drohten, vorübergehend aufzugeben und sich voll auf die Pathologie zu konzentrieren, denn vor ihm lag seine offenbar kreativste Lebensphase. Das Ergebnis, die sog. "7 fetten Jahre", machten den jungen Professor in der Medizin unsterblich. Nach Berlin zurückgekehrt, nutzte Virchow dann seine fachwissenschaftliche Prominenz erfolgreich als Sprungbrett auf die große politische Bühne, welche der homo politicus nach 1848 für sieben zurückgezogene Jahre meiden musste.
Karriere in Berlin vor 1848
Nach Abschluss seines Medizinstudiums an der preußischen militärärztlichen Akademie (Pepiniere) in Berlin 1843 und - im selben Jahr - der erfolgreichen Verteidigung seiner in lateinisch verfassten Dissertation zum Thema "de rheumate praesertim corneae" (über das Rhema, besonders der Kornea) hatte der erst 22-jährige Rudolf Virchow für zwei Jahre auf einer Assistenzarztstelle in der Charite gearbeitet. Unmittelbar danach begann sein steiler akademischer Aufstieg zum Olymp der Pathologie: nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst avancierte er 1846 zum Leiter der Prosektur der Charite, habilitierte sich im Folgejahr mit einer Arbeit über "de ossificatione pathologica" und gründete - ebenfalls noch 1847 - gemeinsam mit Benno Reinhardt das "Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin", ein Journal, das bis heute - unter leicht verändertem Namen - besteht und damit weltweit die älteste, ununterbrochen erscheinende Fachzeitschrift für Pathologie ist.
Aber schon in diesen jungen Jahren war Rudolf Virchow kein enger Fachwissenschaftler, sondern blickte weit über den Tellerrand seiner Disziplin hinaus bis in das politische Tagesgeschehen, getreu seinem lebenslangen Motto, dass die Medizin eine soziale Wissenschaft sei und die Politik nichts weiter als "Medizin im Grossen". Schon 1948 bekam er Gelegenheit, sein sozialmedizinisches Engagement unter Beweis zu stellen, und zwar als Mitglied einer vom zuständigen preußischen Minister berufenen Kommission, welche die Ursachen einer Typhus- bzw. Fleckfieberepidemie in Oberschlesien eruieren sollte. Virchow prangerte in seinem Untersuchungsbericht als entscheidende Ursache der Epidemie die vorherrschenden desolaten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse an, wofür er die indolente staatliche Verwaltung verantwortlich machte.
Als Virchow während seiner Feldstudien in Oberschlesien von den revolutionären Umtrieben in Berlin hörte, kehrte er am 10. März 1848 vorzeitig in die preußische Hauptstadt zurück, "um an den Bewegungen der Hauptstadt teilzunehmen", wie er im Brief an seinen Vater freimütig bekannte.
Virchow als Revolutionär in Berlin 1848
Im Revolutionsjahr 1848 war Virchow politisch auf Seiten der sozialliberalen Reformer außerordentlich aktiv bis hin zur Teilnahme am Barrikadenbau. Der junge Prosektor der Berliner Charite, der in diesem Jahr ca. 180 Choleraleichen sezierte, wurde sogar als Abgeordneter in die preußische konstituierende Versammlung gewählt, musste jedoch die Wahl wegen zu jungen Alters (unter 30) ablehnen.
Seinen damaligen, mit politischen Aktivitäten gefüllten Tagesablauf schilderte er einem Brief nach Hause wie folgt:
"Teils politische, teils medizinische Beschäftigungen füllen meinen ganzen Tag aus. Vormittags fesseln mich meine Amtsgeschäfte und mein Kurs, und ich kann höchstens noch eine Zeitung lesen; nachmittags habe ich allerlei Kommissionssitzungen, abends Versammlungen aller Art. Dreimal in der Woche hält unser Bezirksverein, der Friedrich-Wilhelmstädtische, Sitzung, wo ich Mitglied des Comites bin; einmal der Bezirks-Zentral-Verein, in dem die Abgeordeneten aller Bezirksvereine sitzen, und wo ich bisher auch Mitglied des Comites war; einmal wöchentlich ist General-Versammlung der Ärzte, wo ich Vizepräsident bin. Dazu kommen Klubs, Handwerker- und Maschinenbau-Arbeitervereine ..."
Auch gegenüber weniger progressiven Kollegen an der Charite verbreitete Virchow seine „radikalen“ Überzeugungen, so z. B. gegenüber seinem Lehrer Lukas Schönlein, der bis zu seiner Vertreibung 1833 in Würzburg gelehrt hatte. Als Virchow Schönlein in einem Disput über die Todesursache eines Patienten, der unter der Symptomatik eines Schlaganfalls gestorben war, von einer embolisch-ischämischen Ätiologie überzeugen wollte, protestierte Schönlein mit der Bemerkung: „Sie sehen auch überall Barrikaden.“
Hatte Virchow sich schon durch die in seinem Oberschlesien-Report ungeschminkt vorgetragene Kritik bei seinen Vorgesetzten unbeliebt gemacht, so brachte seine politische Aktivität während der Märzrevolution 1848 das Fass zum Überlaufen: Virchow wurde (wenn auch nur vorübergehend) seines Amtes als Prosektor der Charite enthoben. Dadurch verlor er gleichzeitig seine Dienstwohnung in der Klinik und musste seine Mutter in Pommern bitten, ihm Bettzeug zu senden: „Da ich ein Schlafsofa besitze, so brauche ich bloß Laken und Überzüge zu Decken.“
Die Entlassung wurde bald zurückgenommen, nachdem Virchow dem preußischen Kultusministerium gegenüber erklärt hatte, auf weitere politische Agitation zu verzichten. Er war jedoch nicht auf die Stelle angewiesen wegen unabhängiger Einkünfte aus Vorlesungen und Publikationen. Da aber das hauptstädtische Pflaster für ihn zu heiß blieb, sah er sich gezwungen, seine preußische Heimat (vorübergehend) zu verlassen und sich im (deutschen) Ausland nach einer anderen Stelle umzusehen, was ihm nicht schwer fiel, da er sich schon einen Namen in der Welt der Pathologie gemacht hatte. Bald stand er in Berufungsverhandlungen, u. a. mit den Universitäten in Gießen und Zürich, folgte aber schließlich 1849 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Pathologie nach Würzburg.
Berufung auf den Lehrstuhl für Pathologie in Würzburg
Würzburg besaß seit 1845 einen Lehrstuhl für pathologische Anatomie, den einzigen neben Wien im deutschsprachigen Raum. Nach dem frühen Tod 1848 des ersten Inhabers, Bernhard Mohr, sprach sich die medizinische Fakultät 1849 als Nachfolger für Virchow aus, dessen Renomme dank seiner zahlreichen Publikationen bis nach Bayern gedrungen war. Während die Fakultät Virchow „Genialität der Auffassung“, „Klarheit der Darstellung“ und „gediegene Gelehrsamkeit“ attestierte, runzelte man im Münchener Kultusministerium die Stirn über die sozial- und medizinreformerischen Ideen des Berliner „Radikalen“, wie sie insbesondere in seinem Bericht über das oberschlesische Notstandsgebiet zum Ausdruck gekommen waren. Der Universitätssenat argumentierte demgegenüber mit dem erwarteten „beträchtlichen Zuwachs von Lehrkraft und Talent“ und bat den bayerischen König um Erlaubnis zur Aufnahme der Berufungsverhandlungen:
„Eure Majestät möge bewilligen, dass mit Dr. Virchow, Privatdozent an der Universität zu Berlin, wegen Übernahme der ordentlichen Professur an der pathologischen Anatomie an hiesiger Hochschule mit einem Jahresgehalt von 1.200 Gulden in Unterhandlung getreten werde.“
König Max II, der den liberalen Neuanfang der bayerischen Universitäten förderte, willigte ein unter der Voraussetzung, dass Virchow sich zum Verzicht auf die öffentliche Verbreitung seiner politischen Überzeugungen verpflichtete, wie er sie als Radikaler während der 48er Revolution in Berlin, in seinem Bericht über die oberschlesische Typhusepidemie sowie als engagierter Herausgeber der Zeitschrift "Medizinische Reform" zum Ärger des preußischen Kultusministers verbreitet hatte. Er solle versichern, „bei sich etwa ergebender Gelegenheit nicht auch Würzburg zum Tummelplatz seiner früher kundgegebenen radikalen Tendenzen“ zu machen. Virchow erklärte sich einverstanden und schrieb einem Kollegen: "Ich habe keine Absicht, Politiker von Profession zu werden. - Bis jetzt habe ich keinen politischen Ehrgeiz". Der sollte erst nach seiner Rückkehr nach Berlin 1856 wieder erwachen.
Im Mai 1849 erhielt Virchow das förmliche Angebot aus Würzburg, in dem es heißt, seine „ausgezeichneten Leistungen im Gebiete der pathologischen Gewebelehre“ hätten die Blicke der Wissenschaft auf ihn gelenkt; der Senat fragt anschließend, ob er „die öffentliche, ordentliche Professur der pathologischen Anatomie mit der Leitung der klinischen Leichenöffnungen übernehmen wolle“. Außerdem erwartete man von ihm, „die pathologische Gewebelehre vorzutragen, welches Kolleg bisher mit 10 Gulden honoriert wurde“. Zusätzlich habe er das Recht zu Privatkursen zur Aufbesserung seines Gehaltes.
Virchow antwortete postwendend, er sei bereit, „zum nächsten Wintersemester in Würzburg einzutreten“. Am 21. August erhielt der Berliner seine Ernennungsurkunde zum ordentlichen Professor. Am 30. Oktober fand der Umzug statt.
Parallel zu Würzburg hatte Virchow Berufungsverhandlungen mit den Universitäten in Gießen und Zürich geführt. Für die Stadt am Main sprachen die größere Attraktivität der durch die Rineckerschen Berufungen verjüngten medizinischen Fakultät sowie das staatliche Juliusspital, eines der größten in Deutschland mit entsprechend hoher Sektionsfrequenz.
Umzug nach Würzburg
Am 30. Oktober 1849 trifft der "Linksradikale" aus Preußen traditionell mit der Postkutsche reisend - der Ausbau der Eisenbahn steht noch am Anfang - in der erzbischöflichen Residenz des bayerischen Frankenlandes ein und verbringt die ersten beiden Wochen in einem Hotel, was den größten Teil der ihm bewilligten Umzugskosten verschlingt. Am 13. Dezember bezieht er sein erstes Privatquartier, eine „kleine, aber freundliche und mäßig warme Wohnung bei dem Schreiner Reppenbacher auf dem Grabenberg“.
Da seine Frau Rose ihm erst im Sommer 1850 nach Würzburg folgte, war er ein halbes Jahr in Würzburg allein. Er kam jedoch auf Anhieb gut mit seinen Kollegen zurecht. Besonders gut verstand er sich mit Albert Kölliker, dem Anatom und Physiologen, mit dem er seine Arbeitsstätten teilte, sowie mit dem Gynäkologen Kiwisch von Rotterau, bei dem er anfangs zum Mittagessen eingeladen war.
Das Einzige, was der Berliner in der friedlichen Idylle am Main vermisste, war - außer seiner Frau - die hektische Unruhe der vorangegangenen Revolutionsmonate. Seinen Eltern im ostpommerschen Schivelbein, die auch nichts anderes gewöhnt waren, schilderte er die Verhältnisse in der Provinzstadt: "Politisch ist Stagnation; geistig Stilleben."
Würzburg um 1850
Würzburg war um die Mitte der 19. Jahrhunderts eine friedliche Provinzstadt von ca. 30.000 Einwohnern. Seinen jahrhundertelangen Charakter als Residenzstadt (Sitz der Fürsterzbischöfe) hatte es mit der Säkularisation zu Beginn des Jahrhunderts verloren. Zum Königreich Bayern gehörend, wurde es seitdem vom 300 km weit entfernten München regiert. Da auch die Industrialisierung noch kaum Einzug gehalten hatte, ging es in Würzburg damals ausgesprochen friedlich zu. Nach seiner Ankunft im Herbst 1849 schrieb Virchow an seine Eltern in Pommern: "Politisch ist Stagnation, geistig Stilleben." Sein Schüler Ernst Haeckel berichtete seinen Berliner Eltern: "Was hier überhaupt zusammengeläutet wird, das glaubt Ihr gar nicht ..."
Auch nach dem Verlust seiner weltlichen Macht prägte der Katholizismus das Leben der Bevölkerung in einer Weise, die einem Protestanten bzw. Atheisten wie Virchow Unbehagen bereitete. Tonangebend im gesellschaftlichen Leben war der wohlhabende Mittelstand, welcher ein reges kulturelles Leben entfaltete mit Theater, Oper, Konzerten und Bällen, an denen Rudolf Virchow mit seiner Frau häufig teilnahm, ebenso wie an lustigen Landpartien, welche Professoren mit befreundeten Studenten und Doktoranden organisierten.
Einziger Unruheherd im beschaulich-frommen Leben der unterfränkischen Stadt war ihre Universität. Besonders an der medizinischen und naturwissenschaftlichen Fakultät regte sich liberales Gedankengut. Im Sommer 1849, ein Jahr nach der 48er Revolution, demonstrierten die Studenten "wegen Excessen des Militärs" mit einem Auszug in das nahe gelegene badische Wertheim.
In seinen statistischen Untersuchungen kam Virchow bald nach seiner Ankunft für Würzburg zu einer relativ niedrigen durchschnittlichen Lebenserwartung von 33 Jahren (Männer 32, Frauen 34). Als Haupttodesursache erkannte er die Lungenschwindsucht. Die Säuglingssterblichkeit war so hoch, dass die Stadtbevölkerung nur durch Zuzug vom Lande langsam wuchs.
Würzburger Universität vor 1849
Wie alle bayerischen Universitäten litt auch die Würzburger Alma mater vor 1848 unter dem autokratischen Regime König Ludwigs I und der Vorherrschaft des Katholizismus, der Assistenten u. a. zum Gottesdienstbesuch zwang. Eine reaktionäre Politik hatte mehrere bekannte Würzburger Professoren aus ihren Ämtern getrieben. Aus der medizinischen Fakultät waren das u. a. Gottfried Eisenmann, der sogar eingekerkert wurde, und ab 1851 gemeinsam mit Virchow und Scherer die "Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten Medizin" herausgab, sowie Lucas Schönlein, der über die Schweiz nach Berlin flüchtete, und vor 1848 einer von Virchows Lehrern wurde.
Wegen ihrer progressiven Burschenschaften galt die Julius-Maximilians-Universität im Vormärz in der Hauptstadt München als besonders unzuverlässig. Mit den durch die Revolution von 1848 bewirkten Änderungen und dem Regierungsantritt von Max II besserten sich die Verhältnisse. Der neue König verfügte eine allgemeinpolitische Liberalisierung, welche auch und besonders der Universität zugute kam. Auch förderte er erfolgreich die Wissenschaften. In der Folge kamen, u. a. dank treffsicherer Berufungen des Dekans der medizinischen Fakultät, Franz Rinecker, eine Reihe renommierter Forscher aus dem bayerischen Ausland nach Würzburg, für die sich im Volksmund die Bezeichnung „Nordlichter" einbürgerte (u. a. Virchow). Dank ihrer Arbeit erlebte die früher unter Döllinger und Schönlein so berühmte medizinische Fakultät in den 50er Jahren eine neue Blüte.
Würzburger Universität als medizinische Hochburg
Mit Virchows Berufung 1849 entwickelte sich die medizinische Fakultät der Universität Würzburg zur beliebtesten medizinischen Hochschule, nachdem die Wende von 1848 eine allgemeinpolitische Liberalisierung eingeleitet hatte, welche die Universität mit treffsicheren Berufungen nach Kräften zu nutzen verstand.
Virchows Lehrveranstaltungen sowie die von Albert Kölliker und anderen namhaften Medizinern übten nach der Mitte des Jahrhunderts eine große Attraktion auf angehende Ärzte aus. Zahlreiche Studenten zogen in die Mainmetropole, um den berühmten Pathologen zu hören. Die Mehrzahl von ihnen stammte nicht aus Bayern, sondern aus anderen deutschen Provinzen. Unter den Ausländern fanden sich Schweizer, Skandinavier, Engländer und Russen am häufigsten.
Rasant war der Anstieg der Medizinstudenten: Von knapp 100, davon weniger als die Hälfte Nichtbayern, in Virchows Berufungsjahr 1849 auf knapp 300 nur 2 Jahre später (1851) und, nach vorüber gehendem Absinken 1853, bis auf knapp 400 (davon ca. 2/3 Nichtbayern) bis zum Weggang Virchows aus Würzburg.
In einem Brief an seine Eltern am 05.11.1853 beschrieb Virchows Schüler Ernst Haeckel die Gründe für einen vorübergehenden Rückgang der Zahl der Medizinstudenten an der Universität Würzburg trotz der hohen Anziehungskraft Virchows:
"Die Würzburger sind ... außer sich, dass in diesem Semester so wenig "Herrn Doktors" kommen, kaum halb soviel als im vorigen Semester, nicht einmal 300 Mediziner! Es liegt dies daran, dass die beiden Hauptstellen im Juliusspital, die Professuren der Therapie und Chirurgie und der damit verbundenen Kliniken, immer noch von den alten, ziemlich untauglich gewordenen Leuten ... besetzt sind, welche jetzt endlich ganz abgesetzt werden sollen. Nun haben diese aber doch noch bleiben müssen, da Dietrich aus Erlangen und Ried aus Jena die Stellen abgelehnt haben. Deshalb kommen die Leute jetzt nur noch her, um Virchow (der wirklich in seiner Art ganz einzig und isoliert dasteht) und höchstens Kölliker zu hören, nicht aber wegen des schlecht besetzten Juliusspitals, das sonst die allermeisten anzog. Auch von meinen Bekannten sind viele nicht wiedergekommen ..."
Dagegen studierten im Wintersemester 1855/1856 in Berlin nur 261 Studenten Medizin; erst 1882 löste die Hauptstadt des neugegründeten Deutschen Reiches Würzburg als beliebteste deutsche medizinische Hochschule ab.
Der Aufschwung des Medizinstudiums in Würzburg hatte zur Folge, dass die Mediziner in manchen Semestern fast die Hälfte aller Studenten ausmachten. Bei den Promotionen wurde das Übergewicht der medizinischen Fakultät erdrückend, in dem sie bis zu 10 mal mehr Doktoranden promovierte als alle anderen Fakultäten zusammengenommen.
Arbeitsalltag
Als der Berliner Pathologe Ende 1849 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Pathologie in Würzburg folgte, fand er keineswegs wohlgeordnete Verhältnisse als Grundlage für eine fruchtbare Forschungstätigkeit vor. Nach der Schaffung des Lehrstuhl 1845 waren dem 1. Amtsinhaber, Bernhard Mohr, nur drei Jahre des Wirkens vergönnt gewesen, so dass organisatorisch noch vieles im argen lag. Virchow schaffte es jedoch, innerhalb kurzer Zeit geordnete Verhältnisse als Voraussetzung für seine schöpferische Tätigkeit herzustellen.
Die Problematik begann mit einer über 100 Jahre alten, beengten Arbeitsstätte, welche sich die Pathologie mit der Anatomie teilen musste. Erst 1853 besserten sich die räumlichen Verhältnisse mit dem Umzug in das neugeschaffene Kollegiengebäude.
Auch die finanzielle Ausstattung des Pathologie-Lehrstuhls war denkbar schlecht: ohne eigenen Etat - anfangs stand Professor Virchow noch nicht einmal ein Assistent zur Seite - war er finanziell von der Anatomie abhängig.
Was die Lehre betrifft, so war er zwar vertraglich verpflichtet, eine Vorlesung über pathologische Anatomie zu halten. Seine Lehrstelle verfügte jedoch über keinerlei Lehrmittel (z. B. Präparate), da die bestehende Sammlung nach Ablösung der Pathologie bei der Anatomie verblieben war. An weitergehende Lehrveranstaltungen, wie z. B. einen Mikroskopierkurs, war zunächst nicht zu denken.
Dass Virchow unter diesen Umständen nicht scheitete bzw. das Handtuch warf, lag zum nicht geringen Teil an seinem Kollegen Albert Kölliker, des kurz zuvor berufenen Inhabers des Lehrstuhls für Anatomie, zu dem Virchow auf Anhieb ein gutes Verhältnis entwickelte, was die genannten Abhängigkeiten hinsichtlich Arbeitsstätte, Finanzen und Lehrmittel entschärfte und Grundlage für eine fruchtbare Kooperation in Forschungsbelangen bildete.
Arbeitsstätte
Nach seinem Amtsantritt in Würzburg 1849 arbeitete Virchow zunächst vier Jahre lang in einem barocken Pavillon im Garten des Juliusspitals, der heutigen Poliklinik der Universität. Der architektonisch ausgewogene, langgestreckte Bau gliedert sich in einen mittleren Saal mit zwei symmetrischen, kuppelgekrönten Flügeln. Virchow musste sich das Gebäude mit dem Anatom Albert Kölliker teilen, dem nach ihm wohl renommiertesten Würzburger Mediziner. Virchow regierte im Südtrakt (rechts), Kölliker im Nordtrakt der von ihm als "finstere Spelunke" apostrophierten Behausung.
Im Mitteltrakt dazwischen befand sich das Theatrum anatomicum, in dem die Vorlesungen stattfanden, sowie, davon durch eine Bretterwand getrennt, Heizmaterial für die Öfen der Institute in Form von gehacktem Holz, das sich bis unter die Decke stapelte. Am 16. Juli 1851 stürzte die Bretterwand unter dem Druck des Holzes ein, während Virchow gerade seine nachmittägliche Vorlesung hielt. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.
Die Epidode unterstrich die Unzulänglichkeit der räumlichen Unterbringung des Pathologischen Instituts, das seit Virchows Amtsantritt mit dem steilen Anstieg der Studentenzahlen aus den Nähten platzte. Die beengten Verhältnisse besserten sich 1853 mit dem Umzug in einen Neubau, das sog. "Kollegiengebäude".
Mikroskopier- und Schreibtisch
Dass es sich bei dem dafür gehaltenen Schreib- und Arbeitstisch tatsächlich um Virchows handelt, lässt sich aus der Übereinstimmung der Beschreibung seines Arbeitstisches in zeitgenössischen Quellen mit dem heutigen Museumsstück schließen. Das Besondere an dem ca. 1,5 m breiten und 1 Meter tiefen Arbeitstisch ist das höhenverstellbare Mittelteil. Sein Mechanismus mit Zahnstange und Kurbel findet sich auch in vielen Apparaturen zur Wurstherstellung, vermutlich auch der Würzburger Metzger. Mit ihnen ist Virchow möglicherweise im Rahmen seiner Trichinenforschung in Kontakt gekommen.
Die Höhenverstellbarkeit der mittleren Tischplatte erleichterte Virchow den Gebrauch des Mikroskops. In den zu seiner Zeit gängigen Modellen waren Objektträger, Objektiv, Tubus und Okular linear angeordnet und senkrecht ausgerichtet. Deswegen konnte man praktisch nur im Stehen mikroskopieren, indem man sich von oben über das Okular beugte, eine ziemlich mühsame Angelegenheit, die garantiert Rückenschmerzen auslöste, insbesondere wenn man, wie Virchow, „mikroskopisch dachte“ und entsprechend täglich stundenlang mikroskopierte. Mit dem Mechanismus zur Höhenverstellung der mittleren Schreibtischfläche konnte er diese in eine optimale Position für seine unterdurchschnittliche Körpergröße bringen, wobei er beim Blick von oben in das Mikroskop den vorgebeugten Oberkörper mit durchgedrückten Armen auf der Tischplatte abstützen konnte.
Demselben Zweck diente auch die konkav ausgeschnittene Form der vorderen Arbeitstischkante. Das war aber noch längst nicht alles: Der Tisch war ein Multitalent. Durch Herunterkurbeln des Mittelstücks ließ er sich in einen ganz normalen Schreibtisch mit durchgehend ebener Oberfläche verwandeln.
Entstanden sein dürfte der Arbeitstisch um 1850, d. h. zu Beginn von Virchows Tätigkeit in Würzburg, nach seiner speziellen Vorgabe das höhenverstellbare Mittelteil betreffend. Er hat also nicht, wie wir das heute zu tun pflegen, einen vorkonfektionierten Arbeitstisch gekauft, sondern sich von einem Schreiner eine Maßanfertigung nach eigenem Gusto machen lassen. Über den Auftragnehmer ist nichts sicheres bekannt. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass es sich dabei um Virchows ersten Vermieter handelt, den Schreiner Reppenbacher auf dem Grabenberg. Dieser dürfte sich Zahngestänge und Kurbel für das höhenverstellbare Mittelteil in einer Schlosserei besorgt haben, welche sich dank ihrer Metzgerkunden mit diesem ingeniösen Mechanismus auskannte. Über ihre Identität herrscht völlige Unklarheit.
Der ca. 80 kg schwere Arbeitstisch präsentiert sich heute in einem abgenutzten, aber funktionsfähigen Zustand. Er besteht überwiegend aus furnierter Eiche, die beiden Seitenteile habe oben ausziehbare Schubladen aus Kiefer und unten eine Kammer mit Tür; selbst das höhenverstellbare Mittelteil funktioniert noch.
Dass Schreiner Reppenbachers Auftragsarbeit fast 170 Jahre überlebte, ist ein außergewöhnlicher Glücksfall. Wie so vieles andere auch in Würzburg, wäre der Arbeitstisch am 16. März 1945 inmitten des von Brandbomben getroffenen Pathologieinstituts um ein Haar ein Opfer der Flammen geworden. Doch auch danach hing sein Schicksal zeitweise am seidenen Faden.
Anfangs der über sein letztendliches Schicksal entscheidenden Jahre von 1965 bis 1975 befand sich der Tisch nach dessen eigener Erinnerung und Aussage in der Obhut des damaligen Institutsschreiners Hans Öchsner, zunächst in dessen Werkstatt als Ablage, vollgepackt mit „1000 Dingen“. Dem pragmatischen Handwerker gefiel das schäbige Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert so wenig, dass er es wegschmeißen bzw. „zusammenhauen“ wollte. Da man aber noch nicht in einer Wegwerfgesellschaft lebte, sondern weiterhin die Sparsamkeit der Nachkriegsjahre praktizierte (bis hinauf zum Institutsdirektor), blieb der Tisch erhalten. Dann wollte er ihn wenigstens aufhübschen, d. h. anstreichen. Doch aus wirtschaftlichen Erwägungen (zu viel Aufwand für altes Holz) sei auch dies unterblieben, so Öchsner.
Die Werkstatt wurde ca. 1970 in ein Labor umfunktioniert. Damit begann für Virchows Schreibtisch eine Odyssee durch das ganze Gebäude. Weil man für ihn aufgrund seiner sonderbaren Konstruktion keine vernünftige Verwendung hatte (außer als Ablage), wurde er häufig umgestellt, vom Aufbahrungsraum im Tiefgeschoss bis zum Dachgeschoss (Öchsner sind fast 10 wechselnde Standorte erinnerlich).
Erst Anfang der 70er Jahre habe sich das Bewusstsein für die antiquarische Kostbarkeit entwickelt, gefördert durch den Besuch von Filmteams aus Italien und Japan, die Virchows Tisch fotographierten. Angesichts der Geringschätzung seines Eigentümers habe man sogar, so Öchsner, ein Kaufangebot unterbreitet. Glücklicherweise sei das abgelehnt worden, obwohl keine Behörde zum Schutz nationaler Kulturgüter intervenierte.
Dagegen veranlasste das internationale Interesse an dem alten, zerschlissenen Arbeitstisch den Institutsdirektor Altmann zur Anordnung einer Restauration. Unter der Aufsicht des Oberarztes Klinge machte sich der Hausschreiner Öchsner 1974 an die Arbeit.
Da die zentrale Platte weitgehend kaputt gewesen sei, habe er sie vollständig erneuern müssen. Ihren heute alt-ehrwürdigen Aspekt verdankt sie einer chemischen Behandlung nach Anweisung des aus England stammenden Institutschemikers Robin Wacker. Dagegen seien die Seitenteile in einem besseren Zustand gewesen und nur teilweise restauriert worden.
Virchow und das Mikroskop
Virchow unterschied zwischen der diagnostischen und wissenschaftlichen Bedeutung des Mikroskops. Letztere erschien ihm als Grundlagenforscher wichtiger:
"Denn man muss sich das klar machen, dass es außer der angewendeten (diagnostischen) eine wissenschaftliche Mikroskopie gibt, und dass diese letztere es ist, welche das Urteil endgültig bestimmen muss. In der Entwicklung der Medizin wird es am Ende darauf ankommen, ob das Mikroskop nur ein diagnostisches oder ein wirklich reformatorisches Mittel war."
Um mit dem Mikroskop die Medizin zu reformieren, muss man nach Virchow "mikroskopisch denken" lernen:
"Nur wenige sind soweit gekommen, dass sie wirklich mikroskopisch denken gelernt haben, und das ist es eben, was wir verlangen. Für die meisten, namentlich der älteren Ärzte ist es mit der Mikroskopie, wie mit einer fremden Sprache, wo man freilich fremde Wörter gebraucht, aber in der eigenen Sprache denkt. Es ist für sie etwas Fremdes, das sie nur gebrauchen ... zur Diagnose, ... als dem einzigen praktischen Gesichtspunkte."
Den Wert des Mikroskopes für die Diagnostik schätzte Virchow erstaunlicherweise gering:
"Wie ich ... schon vor so langer Zeit erklärt habe, besitzt das Mikroskop nicht den diagnostischen Wert, den man vorausgesetzt hatte. Ich will damit nicht sagen, dass es keinen oder auch nur einen geringen Wert bei der Feststellung der Diagnose habe, allein ... es keineswegs nötig ist, um diese oder jene Geschwulst als dies oder jenes zu erkennen, jedesmal das Mikroskop zu Hilfe zu nehmen. Auch ich glaube bei den meisten Geschwülsten, die zu Tage liegen, ohne mikroskopische Untersuchung eine zuverlässige Diagnose stellen zu können."
Bei dieser Einstellung wundert es zwar nicht, dass Virchow mit seiner Auffassung von der Tumorgenese gewaltig irrte. Insgesamt jedoch ist sein Einfluss auf die Ausbreitung der wissenschaftlichen Mikroskopie, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert unglaubliche Triumphe feierte, kaum zu überschätzen. Virchow sah voraus, "dass unsere Anschauungen um ebensoviel vorrücken, als sich unsere Sehfähigkeit durch das Mikroskop erweitert hat", und postulierte: "Die gesamte Medizin muss den natürlichen Vorgängen mindestens um dreihundertmal näher treten." Anschaulich verglich er die Bedeutung des Mikroskops für den Biologen mit der des Teleskops für den Astronomen:
"Denke man sich nur einen Augenblick in die Stelle eines Astronomen. Dieser ist ja in allem das umgekehrte von einem Biologen. Wie die Biologie mikroskopisch, so ist die Astronomie teleskopisch. Was würde man heutzutage von einem Astronomen sagen, der kein Teleskop zu handhaben verstände, oder vielmehr, wie könnte man überhaupt nur jemand als einen Astronomen bezeichnen, der nicht die sorgfältigste Erforschung des Himmels vermittelst seiner Vergrößerungsgläser angestellt hätte! Allerdings sieht man Sonne, Mond und Sterne ... auch mit bloßem Auge, allein bekommt man auch nur die entfernteste Vorstellung von dem Wesen dieser Dinge, wenn man sich auf die Betrachtung mit bloßem Auge beschränkt? Löst sie nicht der Astronom ... in eine große Zahl teleskopischer Bilder auf? Derselbe Mond, dieselben Sterne, ... die jedermann wahrnimmt, werden für den Astronomen etwas ganz anderes, als für den einfachen Betrachter... Unter dem Mikrokop des Biologen (bzw. Pathologen) ... löst sich alles Lebende in kleine Elemente auf, die ... einen so feinen Bau besitzen, dass eine deutliche Einsicht in denselben ohne mikroskopische Anschauung ganz und gar unmöglich ist."
Mit dem Blick durch das Mikroskop erkannte Virchow, "dass diese kleinen Elemente, die Zellen, die eigentlichen Herde des Lebens und demnach auch der Krankheit, die wahren Träger der lebendigen, pflanzlichen oder tierischen Funktion sind, an deren Existenz das Leben gebunden ... ist."
Mit der Konzeption der Zellularpathologie verwirklichte Virchow seinen Anspruch, das Mikroskop als "reformatorisches Mittel" zu nutzen, in hervorragender Weise. Zahlreiche Schüler seines einzigartigen Würzburger Mikroskopierkurses lernten bei ihm "mikroskopisches Denken" und entwickelten sich zu prominenten "Medizinreformern".
Besoldung
Mit seinem anfänglichen Würzburger Jahresgehalt von 1.200 Gulden konnte Virchow zufrieden sein, denn zusätzlich erhielt er - neben Einkünften aus Kolleggeldern und Publikationen in Höhe von ungefähr der Hälfte seines Gehaltes - noch jährlich 2 Scheffel Weizen und 7 Scheffel Korn, wobei 1 Scheffel dem Jahresverbrauch eines Erwachsenen entsprach. Naturalien als Teil der Beamtensolds dienten als Absicherung gegen Notzeiten, in denen der sonst übliche 50 %-Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel – durchaus auch bei gehobenen Einkommen – drastisch steigen konnte.
Die Lebenshaltungskosten lagen in Würzburg relativ niedrig. Virchows Assistent Haeckel berichtete, dass man mit 250 Gulden bequem durch ein Semester komme. Die Monatsmiete für Studenten betrug 5-6 Gulden, ein Semesterkolleg kostete 5-9 Gulden je nach Bekanntheitsgrad des Dozenten; für Sezierübungen bezahlte der Student 10 Gulden. Ein 5-Gänge-Menu in einer Gaststätte bekam man für knapp 1/3 Gulden.
Als Virchow 1852 schon zum zweiten Mal einen attraktiv ausgestatteten Ruf der Universität Zürich auf den ehemals (1833-1839) von seinem Berliner Lehrer Schönlein besetzten Lehrstuhl bekam, boten die Würzburger alles auf, um ihr medizinisches Zugpferd am Main zu halten; u. a. wurde sein Gehalt von 1.200 auf 1.400 Gulden angehoben. Aus Dank für sein Bleiben in Würzburg veranstalten die Würzburger Medizinstudenten Virchow zu Ehren einen großen Fackelzug, organisierten zwei große Musikchöre und feierten anschließend gemeinsam bis in die frühen Morgenstunden in einer Würzburger Kneipe.
Virchows Schüler und späterer Assistent Ernst Haeckel in einem Brief an seine Eltern vom 20.01.1853 berichtet über den Fackelzug:
„Nun hätte ich Euch noch eine Hauptgeschichte zu erzählen, nämlich von dem großartigen solennen Fackelzug, den wir am Mittwoch, den 12. Januar, dem hochgefeierten Virchow dargebracht haben. Der Grund dazu war teils eine Anerkennung seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen Wirksamkeit überhaupt, teils ein Dank dafür, dass er einen ehrenvollen Ruf nach Zürich (der ihm auch viel materielle Vorteile geboten hätte) nicht angenommen hatte. Vorher waren natürlich mehrere große Studentenversammlungen, in denen die Sache beraten und arrangiert wurde. Übrigens beteiligten sich nur 150 am Fackelzug; die meisten andern wollten nicht soviel Geld opfern. (Es kostete jeden 1,5 Gulden.) Wir hatten 2 große Musikchöre...
Der Zug fiel übrigens ganz prächtig aus, denn die Umstände waren günstig: die Nacht stockfinster und ein frischer Wind, in dem die Flammen herrlich hin und her flatterten ... Zuerst wurde ein großer Ring gebildet und Gaudeamus igitur gesungen, und dann flogen mit einem Male alle 150 Fackeln hoch, hoch in die Luft und beschrieben, wie Raketen, eine schöne Parabel, worauf sie in weitem Bogen niederfielen ... Vor Virchows Haus standen wir fast eine Stunde. Es wurde eine Delegation, die in einer Kutsche fuhr, zu Virchow hineingeschickt, um ihm unsre Sympathien (die bei uns grade nicht sehr groß sind, obwohl ich seinen kalten, festen, fast starren Charakter sehr bewundre) auszudrücken; dann kam er heraus und hielt eine ziemlich lange Rede, voll edlem Selbstgefühl und Eifer für die Wissenschaft, der er ganz angehöre!“
Nach dem Fackelzug feierten alle - Virchow inklusive - in einer Kneipe bis in die frühen Morgenstunden, was der berühmte Pathologe nicht ohne gewisse Folgen überstand:
„Um 11 Uhr ging ich noch eine Stunde lang auf die große Kneiperei, wo fast die gesamte medizinische Studentenschaft zusammen war (denn hier fehlten auch die Nichtfackeltragenden nicht!), und wo zugleich mit mir alle medizinische Dozenten, Virchow selbst an der Spitze, eintraten.
Anfangs war es recht nett, es ging sehr lustig her und wurde tüchtig musiziert und Burschenlieder gesungen. Bald fing aber die Sache an, etwas gar zu toll und bunt zu werden, und selbst bei den Professoren stellten sich gelinde Begriffsverwirrungen ein. Kölliker, der immer der Gescheiteste ist, drückte sich deshalb nach einem Stündchen, und ich folgte seinem Beispiel. Die anderen sind noch bis zum andern Morgen beisammen geblieben, bis sich zuletzt der ganze Wirrwarr in einem allgemeinen Katzenjammer aufgelöst hat. Virchow selbst ist nach 3 Uhr nach Hause gekommen; wie?, weiß er wohl selbst am wenigsten! Die nächste Folge war, dass am nächsten Tag kein Kolleg gelesen wurde, außer bei Kölliker, wo nur 25 da waren. Virchow ist 8 Tage wegen "Grippe" zu Haus geblieben. Das ist das End vom Lied! - ...“
Die ganze nächste Woche musste der berühmte Gelehrte seine Vorlesungen ausfallen lassen, offiziell wegen Grippe. Nach eigener Aussage hatte er sich an besagtem Morgen zufällig eine besonders hartnäckige Erkältung zugezogen..."
Akademischer Lehrer in Würzburg
Wegen seines kalten, strengen und gelegentlich an Starrheit grenzenden Charakters war Virchow als akademischer Lehrer bei seinen Schülern nicht besonders beliebt. Um so höheres Ansehen genoss er jedoch auf Grund überragender Sachkenntnis. Dementsprechend berühmt und gut besucht waren seine Lehrveranstaltungen, insbesondere das Kolleg (Vorlesung) über spezielle und pathologische Anatomie, sowie sein Mikroskopierkurs der pathologischen Anatomie.
Ein so erfahrener praktischer Arzt wie Kußmaul gab seine Praxis auf, um 2 Semester lang die Vorträge und Übungen Virchows zu besuchen. Er urteilte: „Unübertrefflich waren die Demonstrationen und Vorträge Virchows; jeder Tag brachte Neues und Lehrreiches.“
Virchows populäre Lehrveranstaltungen zogen so viele Medizinstudenten nach Würzburg, dass die Fakultät während seiner Zeit (1849-1856) zur medizinischen Hochburg Deutschlands aufstieg.
Handschriftliche Vorlesungsankündigung
Nach seiner Ankunft in Würzburg kündigte Rudolf Virchow im Dezember 1849 mit diesem Anschlag seine Vorlesung über Pathologische Anatomie an.
Übersetzung:
Die Vorlesungen über pathologische Anatomie werde ich Montag, den 2. Decbr. beginnen und dieselben täglich Nachmittags von 3-4 Uhr halten. Die Herren Commilitionen werden mich vorläufig am besten Morgens bis 9. Uhr im Rußischen Hof No. 17 antreffen. Rud. Virchow.
Virchows Pathologievorlesung in Würzburg
Virchows Würzburger Vorlesung über spezielle und pathologische Anatomie, die er 5-stündig jedes Wintersemester zu halten pflegte, ist durch insgesamt 14 Mitschriften und zahlreiche Beschreibungen gut überliefert.
Die Vorlesung war sehr breit angelegt und behandelte auch allgemeine medizinische Phänomene wie Bewusstsein und Schmerz, um sich dann im weiteren Verlauf auf die spezielle Pathologie zu konzentrieren. Die Mitschriften sind medizinhistorisch interessant, weil sie Virchows Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen, noch durch naturphilosophisches Denken geprägten Medizin widerspiegeln und die schrittweise Entwicklung seiner eigenen Vorstellungen auf dem Wege zur Geburt der Zellularpathologie. Die Vorlesungen fanden anfänglich noch im alten Anatomiepavillon statt; nach der Fertigstellung des Neubaus ab 1853 dann im sog. Kollegiengebäude.
Wegen seiner relativ hohen, wenig tragenden und klangarmen Stimme hatte der spätere Atheist das in frühen Jahren erwogene Berufsziel eines Pfarrers aufgegeben. Dagegen konnte er ungewöhnlich gut formulieren, was ihm in seinen Vorträgen sehr zugute kam, die als rasch, fließend und wortreich beschrieben werden, allerdings auch als etwas monoton. Um so abwechslungsreicher war dagegen ihr Inhalt: Was Virchow vortrug, war zum erheblichen Teil neu und erneuerte sich zudem Jahr für Jahr.
Tempo und Anspruch von Virchows Vortrag verlangten vom Zuhörer volle Konzentration. Trotzdem haben ihm seine Studenten oft nicht zu folgen vermocht, zumal er im Rahmen seines fachmedizinischen Vortrags zu häufigen philosophischen Exkursionen neigte und sich wahlweise kritisch-witzige oder süffisant-sarkastische Randbemerkungen zu allen möglichen Themen erlaubte. Pausen entstanden nur gelegentlich, wenn sich der Meister eine Prise Schnupftabak gönnte.
Der Student Carl Gegenbaur - er schenkte der Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft zu ihrer Gründung den Backenzahn eines fossilen Nashorns - dürfte mit seinem Eindruck repäsentativ für seine Kommilitonen gewesen sein: „Es war auch bei gespanntester Aufmerksamkeit nicht leicht, einem Vortrag Virchows zu folgen. Man sagte, er trüge unvorbereitet vor. Um so größer war unser Gewinn. So hatte ich keine Ursache, eine andere Universität zu besuchen."
Der junge Ernst Haeckel berichtete, dass „alle älteren Studenten und Dr. med., welche jenen Kurs (Virchows) gehört haben, ihn für das beste Kolleg halten, das es hier gibt, mit einem Wort ganz entzückt davon sind“. Seine eigene Begeisterung kommt in der ausführlichen Vorlesungsschilderung seines Elternbriefes vom 16.11.1853 zum Ausdruck:
"Das Hauptkollegium in diesem Semester ist die allgemeine pathologische Anatomie bei Virchow weswegen (sowie wegen der Sezieranstalten) ich auch allein hier geblieben bin.
Dies Kolleg ist so einzig in seiner Art ... Es behandelt größtenteils Sachen, die noch gar nicht gedruckt und von Virchow selbst erst neu entdeckt sind. Aus diesem Grund ist auch der Andrang dazu ein ganz ungeheurer. Der sehr große, amphitheatralische Hörsaal mit weit über 100 Plätzen ist vollständig gefüllt. Während die anderen Kollegien meist periodisch geschwänzt werden, sucht hier jeder womöglich auch nicht einmal zu fehlen, weil er hier Dinge hört, die er sonst nirgends erfährt und liest.
Trotzdem aber fast alle hier anwesenden Mediziner das Kolleg fleißig besuchen, möchte ich doch dreist behaupten, dass kaum der 10. Teil ihn nur einigermaßen versteht. Wenigstens gilt dies von der überschwenglich philosophischen Einleitung, die er jetzt gegeben hat, und die das Phänomen des Lebens, der Krankheit und des Todes behandelt. Der Vortrag Virchows ist nämlich schwer, aber außerordentlich schön; ich habe noch nie solche prägnante Kürze, gedrungene Kraft, straffe Konsequenz, scharfe Logik und doch dabei höchst anschauliche Schilderung und anziehende Belebung des Vortrags gesehen, wie sie hier vereinigt sind.
Aber andererseits ist es auch, wenn man nicht gespannteste Aufmerksamkeit, eine gute philosophische und allgemeine Vorbildung mitbringt, sehr schwer, ihm ganz zu folgen, den roten Faden, der doch so schön durch alles hinzieht, zu behalten; namentlich wird das klare Verständnis erschwert durch seine Masse dunkler, hochtrabender Ausdrücke, gelehrter Anspielungen, allzu häufigen Gebrauch von Fremdwörtern, die oft überflüssig sind usw. Die meisten Kommilitonen schauen nur starr und wie vernichtet dieses Wunder an; freilich fällt von so einem Reichtum für jeden ein Bissen ab; aber wieviel Kleinodien gehen da verloren.
Mir selbst wird es nur mit der größten Anstrengung und auf eine Weise möglich, das in der Stunde mit fast stenographischer Eile ... Wort für Wort fast sinnlos und mechanisch Nachgeschriebene nachher einigermaßen zu ordnen, zu verdauen und anzueignen. Ich setze mich nämlich, sowie ich um 5 Uhr aus dem Kolleg komme, hin und suche mit Anspannung aller mir zu Gebote stehenden Geisteskräfte durch sorgsames Durchdenken und Ausarbeiten des empfangenen Stoffs mir Verständnis und Vertrautheit mit diesem Reichtum tiefer Gedanken zu erwerben. Freilich kostet das viel Schweiß und Zeit; unter 3-4 Stunden werde ich nicht mit der einen Stunde fertig, und oft kaue und verdaue ich den ganzen Abend bis um 11 daran."
Mikroskopierkurs
Von allen Lehrveranstaltungen Virchows in Würzburg war sein pathologisch-anatomischer Mikroskopierkurs sicherlich der berühmteste. Aus nah und fern strömten Medizinstudenten nach Würzburg, um an den einzigartigen Demonstrationen teilzunehmen.
Mit Adolf Kussmaul, dem späteren Internisten (Kussmaul´sche Atmung) aus Südbaden, vertauschte sogar ein wohlbestallter Arzt 2 Semester lang seine Praxis im Schwarzwald mit dem Hör- bzw. Kurssaal in Würzburg. Er urteilte: "Unübertrefflich waren die Demonstrationen und Vorträge Virchows; jeder Tag brachte Neues und Lehrreiches."
Anders als sein großer Wiener Pathologierivale Karl von Rokitansky, der sich auf die Makroskopie (Sektionen) beschränkte, konzentrierte sich Virchow auch auf die Histologie. Entsprechend war das Mikroskop sein hauptsächliches Forschungsinstrument. Seine Studenten erzog er zum "mikroskopischen Denken".
Zum Kurs, der ab 1853 im neugebauten sog. Kollegiengebäude stattfand, wurden maximal 40 Personen zugelassen wegen der beschränkten Zahl an Mikroskopen, die - mit den von Virchow präparierten Schnitten - auf kleinen Wägelchen montiert waren und auf Schienen von Teilnehmer zu Teilnehmer fuhren.
Virchows Schüler Ernst Häckel war begeistert vom "Praktischen Kurs der pathologischen Anatomie und Mikroskopie" und schilderte diese konkurrenzlose Veranstaltung seinen Eltern anschaulich in einem Brief vom 17.05.1855:
„Wir sitzen zu 30-40 an zwei langen Tischen, in deren Mitte in einer Rinne eine kleine Eisenbahn verläuft, auf der die Mikroskope auf Rädern rollen und von einem zu anderen fortgeschoben werden. Da bekommt man denn oft in einer Stunde die merkwürdigsten und seltensten, sorgfältig für das Mikroskop zurecht gemachten pathologischen Präparate in Menge zu sehen, während Virchow dabei ganz ausgezeichnete Vorträge (natürlich dem grade in die Hände kommenden Material von der Klinik angepasst) hält. Diese setzen dann meist die Fälle, die man vorher auf der Klinik lebend beobachtete, ins klarste Licht, wie dies auch die abwechselnd mit dem Kursus von Virchow gehaltenen Lektionen tun, bei denen er zuweilen auch seine Schüler selbst die Obduktion ausführen lässt. Gerade dieser Zusammenhang zwischen dem klinisch-pathologischen, anatomischen und mikroskopischen Befund, wie man ihn so auf die klarste und bequemste Weise als ein ganzes, einheitliches Krankheitsbild erhält, ist äußerst interessant, lehrreich und wichtig. Und so etwas sucht man in Berlin, wo überhaupt an pathologische Anatomie nicht zu denken ist, ganz vergebens! Das ist nur hier.“
Virchow als Prosektor
Schon vor seinem Amtsantritt in Würzburg 1849 hatte Virchow einige Jahre als Prosektor an der Berliner Charite gearbeitet. Auch während seiner Würzburger Zeit stand die Leichenschau mit fast 1.000 Sektionen im Mittelpunkt seiner amtlichen Tätigkeit. Dabei war er zu diesen Sektionen nicht etwa verpflichtet. Seziert hätten gerne auch andere Mediziner, so etwa Anatomen oder Chirurgen, welche diese Aufgabe vor der Institutionalisierung der Pathologie wahrgenommen hatten. Jedoch besaß Virchow den ersten Zugriff auf die Leichen, weil seine Stelle als ordentlicher Professor der Pathologie ihm ausdrücklich das Recht auf die klinischen Sektionen, d .h. der im städtischen Juliusspital verstorbenen Patienten, einräumte.
Die ersten drei Jahre sezierte Virchow allein. Ab 1852 bewilligte man ihm einen Assistenten. Die meisten Leichen stammten aus dem großen Juliusspital; zusätzlich sezierte er städtische Leichen auf dem Friedhof.
Anders als damals üblich, machte Virchow überwiegend Totalsektionen. Die dabei von ihm aufgestellten sektionstechnischen Postulate verbesserten die bisher herrschenden Gepflogenheiten und wurden später allgemein verbindlich. Eine in Würzburg angefangene Publikation über die Sektionstechnik wurde erst 20 Jahre später im Jahr 1876 in Berlin veröffentlicht.
Trotz ausgedehnter Zerstörungen des Würzburger Pathologischen Instituts kurz vor Ende des 2. Weltkriegs am 16. März 1945 blieben glücklicherweise sämtliche 7 Protokollbücher erhalten.
Sektionstechnische Postulate
Im Verlauf von nahezu 1.000 Sektionen während seiner Zeit in Würzburg bildete sich bei Virchow ein sektionstechnisches Schema heraus, das sich schließlich in Deutschland allgemein durchsetzte und 1875 in Preußen vom zuständigen Kultusminister per Verfügung zur Vornahme der Leichenschau amtlich vorgeschrieben wurde.Von besonderer Bedeutung waren Virchows Forderungen bzgl. Vollständigkeit, Reihenfolge und Protokoll der Sektion.
Vollständigkeit
Die bei der Leichenschau zu untersuchenden Organe bestimmte nach der damals gängigen Praxis der Kliniker. Folglich konnten Erkrankungen übersehen werden, wenn der behandelnde Arzt keinen diesbezüglichen Verdacht hegte. Solange sich die Pathologen daran hielten, war der Nutzen ihrer Autopsien für die Klinik begrenzt. Deswegen verlangte Virchow die Vollständigkeit der Leichenschau. Er hielt die Pathologen dazu an, die Leiche so gründlich wie möglich zu untersuchen. Mit dieser Forderung stieß Virchow bei seinen Kollegen vielfach auf wenig Gegenliebe. 1858 beklagte er sich in der „Vierteljahresschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin“, dass auch künftig die Leichenschau auf die klinisch als krank erkannten Organe beschränkt bleibe. Noch 1864 lehnte der Chirurg Theodor Billroth in einem Brief an seinen Kollegen Friedrich Esmarch Virchows ausführliche Standardsektion ab. Ihr Ablauf ist mit humorvoller Poesie in einem Gedicht beschrieben, das 1894 in Straßburg am Pathologischen Institut des Virchow-Schülers Friedrich von Recklinghausen entstand.
Reihenfolge
Damals war die Reihenfolge der Herausnahme und Untersuchung der Organe noch nicht standardisiert. Virchow übernahm von Handwerkern, die routinemäßig mit Kadavern arbeiteten, wie z. B. Metzgern, die Gewohnheit, bei der Aufarbeitung stets eine feste Reihenfolge einzuhalten, die er dann als allgemein gültiges Postulat für die Leichenschau aufstellte.
Protokoll
Ergänzend zu seiner Forderung nach vollständiger Autopsie setzte sich Virchow für detaillierte Protokolle ein, welche auch nicht-pathologische Befunde festhielten. Im Gegensatz dazu verzeichneten die dürftigen Protokolle vor seiner Zeit meist nur den Befund erkrankter Organe.
Virchows Würzburger Sektionsprotokolle
Während seiner Sektionen legte der Berliner großen Wert auf detaillierte Protokolle, in denen nicht nur die Hauptbefunde festgehalten wurden, sondern auch die (scheinbar) unauffälligen Befunde der übrigen Organe.
Insbesondere die Protokolle der ersten Jahrgänge, als er noch ohne Assistent auskommen musste (bis 1952), wurden überwiegend von Virchow selbst handschriftlich verfasst. Die Handschrift des Meisters ist zwar höchst charakteristisch, jedoch ebenso schwer leserbar, so dass sie nur von wenigen Spezialisten entziffert werden kann. Zur schwierigen Lesbarkeit tragen auch die häufig verwendeten Abkürzungen bei, offenbar eine Folge des Umstandes, dass sich Virchow anfänglich mangels Sektionsassistenz dazu gezwungen sah, die Protokolle selbst zu schreiben. Die zahlreichen orthographischen Fehler insbesondere der späteren Protokolle deuten darauf hin, dass Virchow während der Sektion einem Sektionsgehilfen diktierte.
Assistenten von Virchow in Würzburg
Bei Virchows Amtsantritt in Würzburg 1849 hatte er keine Assistentenstelle. Als Prosektor war er für die Durchführung der zahlreichen Sektionen allein verantwortlich. Die Würzburger Pathologie war also anfangs ein 1-Mann-Betrieb, ab 1852 verstärkt durch einen ohne Bezahlung arbeitenden "Privatassistenten", den einzustellen man Virchow großzügigerweise konzediert hatte.
Immerhin fiel es dem Ordinarius nicht schwer, seine Faktultät von der Notwendigkeit einer regulären Assistentenstelle zu überzeugen. Diese begründete den Bedarf gegenüber dem Senat wie folgt, wobei der offizielle Antragstext insofern interessant ist, als er von Virchow formuliert sein dürfte und einen Überblick über die Tätigkeiten gibt, die er ohne Assistent selbst durchzuführen hatte:
- Die Geschäfte der pathologischen Anatomie sind in ihrer ganzen Ausdehnung nicht durch einen einzelnen auszuführen, sondern setzen zum Theil eine gleichzeitige Täthigkeit einer zweiten Person voraus; dahingehend insbesondere das Führen der Protokolle bei den Sectionen.
- Führung der Cataloge, Herrichtung der aufzubewahrenden Präparate, Aufsicht über richtigen Verschluss der Gläser, insbesondere den zum Zweck der Vorlesung geöffneten. Führung der Listen über den Zugang an Leichen, Präparaten etc.
- Assistenz des Lehrers bei Kursen u. Vorlesungen über pathologische Anatomie und Microscopie.
Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Ablehnung eines Rufes nach Zürich wurde der Antrag vom Senat der Universität Würzburg bewilligt, so dass Virchow ab dem Wintersemester 1852/1853 ein staatlich besoldeter Assistent zur Verfügung stand. Die Bewilligung geschah auch in Anerkennung der enormen, maßgeblich durch Virchow bewirkten Steigerung der Studentenzahlen.
„Königlich bayerischer Assistent an der pathologisch-anatomischen Anstalt zu Würzburg“ mit einem Arbeitstag von 06-19 Uhr und einem Jahresgehalt von 150 Gulden (zum Vergleich: Virchows Professorengehalt betrug bei seinem Amtsantritt 1.200 Gulden) wurde gewöhnlich ein älterer Student, und zwar i. d. R. jeweils für 1 Jahr, um möglichst vielen die Gelegenheit zum Lernen zu bieten. Die Assistentenstelle wurde öffentlich ausgeschrieben. Vorraussetzung für die Einstellung war eine Mindeststudienzeit von 5 Semestern und das Bestehen einer, aus einem theoretischen und praktischen Teil bestehenden Prüfung vor einer Kommission der medizinischen Fakultät.
Als Assistenten arbeiteten für Virchow in Würzburg folgende vier Medizinstudenten:
- Cand. med. Koch, Mitarbeiter Virchow ab 1952, begann seine Assistenzdienste noch unentgeldlich als Privatassistent. In Anerkennung seiner guten Dienste über mehrere Semester hinweg bekam er nachträglich den halben Lohn seiner Nachfolger auf der offiziellen Stelle.
- Emil Hoffmann (1827-1877), Mitarbeiter Virchows vom Sommersemester 1853 bis Sommersemester 1854, war der erste über die offizielle Ausschreibung eingestellte Assistent.
- Friedrich Grohe (1830-1886) assistierte Virchow vom Sommersemester 1854 bis Sommersemester 1856. Aus seiner ungewöhnlichen langen Assistentenzeit - mit zwei Jahren doppelt so lange wie üblich - darf geschlossen werden, dass Virchow mit ihm sehr zufrieden gewesen sein muss. So ist es nicht verwunderlich, dass er zu den zahlreichen, später prominent gewordenen Virchow-Schülern zählt (er leitete später den Lehrstuhl für Pathologie an der Universität Greifswald).
- Ernst Haeckel wurde im Sommersemester 1856, ein Semester vor Virchows Rückkehr nach Berlin, dessen letzter Würzburger Assistent.
Virchows Kollegen in Würzburg
Gleich nach seiner Ankunft in Würzburg im Herbst 1849 fand Virchow guten Kontakt zu seinen Kollegen an der medizinischen Fakultät, besonders zu den jüngeren Forschern, die erst kürzlich nach Würzburg berufen worden waren. Das 1850 entstandene Gruppenbild zeigt Virchow im Kreise von 4 Kollegen, die zusammen als Zugpferde der medizinischen Fakultät maßgeblichen Anteil am Aufstieg Würzburgs nach 1848 zur medizinischen Hochburg Deutschlands hatten.
Rudolf Albert Kölliker (1817-1905)
Kam kurz vor Virchow als Anatom und Physiologe nach Würzburg. Er wurde als Histologe berühmt und harmonierte mit Virchow während ihrer sieben gemeinsamen Würzburger Jahre. Nach Virchows Rückgang nach Berlin war er der größte Studentenmagnet der Medizinischen Fakultät.
Schon zur Zeit Virchows in Würzburg galt Albert Kölliker neben dem Pathologen als der bekannteste Forscher der medizinischen Fakultät. In den Jahrzehnten nach Virchows Rückgang an die Charite 1856 war es vor allem Kölliker, der als Studentenmagnet seiner Fakultät zu großer Blüte verhalf und sie zu einer der größten im Deutschen Reich machte.
Kölliker begann seine Karriere Anfang der 40er Jahre als Embryologe in Zürich. 1849 wurde er nach Würzburg berufen und zum Professor für Anatomie und Physiologie ernannt. Er diente seinem Institut, das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts einen ausgezeichneten Ruf hatte, über 50 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung 1903.
Berühmt wurde Kölliker vornehmlich als Histologe. Er entdeckte nicht nur die glatte Muskelzelle und zahlreiche weitere feingewebliche Strukturen, sondern systematisierte sie auch als Autor des 1. Handbuches des Histologie. Insofern gilt er zu Recht als Begründer der modernen, mikroskopischen Morphologie. Während seiner langen Lehrjahre in Würzburg versammelte er eine Schar bedeutender Schüler um sich wie z. B. Haeckel, Leydig, H. Müller, Heidenhain und Cohn.
Kölliker verstand sich während ihrer gemeinsamen Würzburger Jahre gut mit Virchow, mit dem er nicht nur das neue, naturwissenschaftliche Credo der Medizin teilte, sondern darüberhinaus eine Fülle weiterer Gemeinsamkeiten:
- Zeitgleiche Ordination in Würzburg im Sommer 1849
- Gemeinsame Arbeitsstätte: Als solche fungierte bis 1853 zunächst der alte Anatomiepavillon, danach das neugebaute Kollegiengebäude.
- Liberale Geisteshaltung: die beiden großstädtisch geprägten Forscher - Kölliker wirkte vorher in Zürich, Virchow in Berlin - galten im katholischen Würzburg als politische Radikale, was ihr gutes persönliches Verhältnis förderte.
- Medizinische Gesellschaft: Die Würzburger Gesellschaft wurde auf Initiative Köllikers gegründet. Virchow machte sie zu einem wichtigen Forum der Verbreitung seiner neuen Erkenntnisse.
- Medizindidaktik: Sowohl Virchow als auch Kölliker revolutionierten die Ausbildung in ihren Fächern mit einem praktischen Mikroskopierkurs.
- Histologie: Sowohl Virchow wie Kölliker vollzogen in ihrer Forschung den Übergang von der Makroskopie zur Mikroskopie und wurden als Histologen berühmt.
- Zellentheorie: Kölliker führte schon 1844 die Zellenlehre in die Embryologie ein und kam Virchow beinahe zuvor mit der Erkenntnis der "alleinigen Zellvermehrung durch legitime Succession", einer Grundidee der Zellularpathologie.
- Gemeinsamer Schüler: Ernst Haeckel wurde während seines Würzburger Medizinstudiums von beiden Forschern gleichermaßen geprägt.
Der später als Zoologe und Embryologe berühmt gewordene Ernst Haeckel lernte Kölliker während seines Medizinstudiums in Würzburg (1852-1856) gut kennen. Sein erster Eindruck, geschildert in einem Elternbrief vom 09.11.1852, ist ausgesprochen positiv:
"Ich habe jetzt ziemlich viel zu tun, da ich wieder seziert habe; Kölliker hilft auch hierbei dem einzelnen sehr und sucht es ihm möglichst angenehm zu machen; dabei unterhält er sich auch sehr freundlich mit den Studenten. Die zweite Frage, die er an mich tat, nachdem ich ihm die erste beantwortet hatte, war: "Sie sind wohl aus Sachsen?"
Zu Beginn des Sommersemesters 1853 leitete Kölliker seine physiologische Vorlesung mit einer grundsätzlichen Bemerkung zur naturwissenschaftlichen Methodik ein, über die Haeckel seinen Eltern im Brief vom 04.05.1853 berichtete:
"In der Physiologie hielt er eine sehr anziehende philosophische Einleitung, worin er sehr klar und scharf den Standpunkt des Naturforschers feststellte und ihn vollständig von dem des Menschen trennte. Der Naturforscher muss rein empirisch-kritisch verfahren; er darf nur objektive Forschungen, Beobachtungen und Versuche anstellen und höchstens aus den gefundenen Resultaten allgemeine Gesetze aufstellen und ableiten. Nie darf er teleologisch, nie idealistisch oder dynamistisch, nie, mit einem Wort, naturphilosophisch werden."
Johann Joseph Scherer (1814-1869)
War als Biochemiker für seine medizinischen Kollegen unverzichtbar, da sie für die Überwindung der romantischen Naturphilosophie zugunsten naturwissenschaftlicher Prinzipien kämpften. Entsprechend beteiligte er sich mit Virchow an der Herausgabe der "Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten Medizin".
Johann Joseph Scherer zählte um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit Virchow und Kölliker - von Ernst Haeckel zusammen als das "Würzburger Kleeblatt" bezeichnet - zu den berühmtesten Forschern der medizinischen Fakultät. Von Hause aus Mediziner, hatte er bei Justus Liebig in Giessen von 1840-1841 gearbeitet und war anschließend mit glänzender Empfehlung des Vaters der chemischen Wissenschaft in Deutschland als außerordentlicher Professor nach Würzburg gekommen. 1847 zum Ordinarius für organische Chemie in der medizinischen Fakultät ernannt, konzentrierte er sich in den folgenden zwei Jahrzehnten bis zu seinem Tod 1869 auf die klinische bzw. physiologische Chemie und erforschte den Zusammenhang der Chemie mit der medizinischen Praxis, was auch deutlich im Titel seines Hauptwerkes zum Ausdruck kommt: "Lehrbuch der Chemie mit besonderer Berücksichtigung der ärztlichen und pharmazeutischen Bedürfnisse."
Für Virchow, der die noch stark naturphilosophisch geprägte deutsche Medizin auf eine empirisch-wissenschaftliche Grundlage stellen wollte, war der medizinisch kompetente Chemiker Scherer eine ideale Ergänzung, zumal Virchow schon vor seiner Würzburger Zeit in Berlin mit biochemischen Forschungen hervorgetreten war, wie z. B. zum Hämatoidin. Bei seiner Untersuchung des von ihm so genannten Amyloids hätte eine engere Zusammenarbeit mit Scherer ihn möglicherweise vor dem Irrtum bewahrt, im Amyloid, wie schon der gewählte Name sagt, eine stärkeartige Substanz zu sehen, galt Scherer doch zu recht als unumstrittener Meister der Proteinanalyse. Ihm gelang es als erstem, aus dem Hämoglobin mittels Schwefelsäure das Eisen abzutrennen und so die Gallenfarbstoffe (Bilirubin etc.) zu erhalten.
Virchows Kooperation mit Scherer betraf vor allem die gemeinsame Herausgabe der "Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten Medizin", wobei Scherer naturgemäß die Redaktion der chemischen Beiträge oblag.
In den Briefen von Ernst Haeckel an seine Eltern finden sich zu seinem Chemielehrer Scherer mehrere lobenswerte Passagen. Vom ersten Kontakt mit Scherer war er sehr beeindruckt und schrieb in seinem Brief vom 11.01.1853:
"Gestern nachmittag habe ich bei Scherer in der medizinischen Chemie hospitiert ... Sein Vortrag ist sehr anziehend, Scherer ist, wie auch Virchow und Kölliker, mit denen er das berühmte Würzburger Kleeblatt bildet, noch sehr jung. Alle drei stehen noch im Anfang der Dreißiger. Und was werde ich in diesem Alter getan haben? Wahrscheinlich nichts!"
Auch inhaltlich begeisterte sich Haeckel über Scherer. Im Brief vom 16.11.1853 schrieb er:
"Sehr geistreich ist die Vorlesung von Scherer (einem der berühmtesten organischen Chemiker) über medizinische Chemie, wo er die fabelhaftesten physiologischen und pathologischen Vorgänge im Leben des menschlichen Körpers auf die anorganischen, chemischen Gesetze zurückführt."
Franz von Rinecker (1811-1883)
Er, gleichermaßen versiert als Polikliniker, Dermatologe und Pharmakologe, verzichtete auf eine fachwissenschaftliche Karriere. Er erwarb sich als Dekan der medizinischen Fakultät der Würzburger Universität besondere Verdienste durch die Berufung bekannter "Nordlichter" an die medizinische Fakultät, wobei er es mit großem Geschick verstand, die Skepsis im Münchener Kultusministerium zu zerstreuen. Indem er so berühmte Forscher wie Kölliker und Virchow nach Würzburg holte, bahnte er maßgeblich den Aufstieg der Provinzstadt zur deutschen Medizinhochburg.
Franz von Rinecker verzichtete trotz seines gewaltigen Wissens - er glänzte gleichermaßen als Polikliniker, Dermatologe und Pharmakologe - auf eine fachwissenschaftliche Karriere. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine Funktion als Leiter der Berufskommission der medizinischen Fakultät. Dank seiner treffsicheren Berufungen - zu den ersten gehörten Kölliker und Virchow - trug er maßgeblich bei zum Aufstieg Würzburgs zur deutschen Medizinhochburg. Folgende Kriterien leiteten ihn bei der Auswahl geeigneter Kandidaten:
- Stern erster Größe
- in hohem Maße redegewandt
- wissenschaftlich ausgezeichnet
- im Umgang verträglich
- offen an den Tag gelegte konservative Gesinnung
Ebenso wie Virchow bemühte sich Rinecker nach Kräften, die alten naturphilosophischen Vorstellungen in der Medizin zu überwinden und diese auf eine verlässliche, naturwissenschaftliche Basis zu stellen.
Den Medizinstudenten Ernst Haeckel beeindruckte Rinecker mit seiner pharmakologischen Vorlesung, über die er seinen Eltern in einem Brief vom 16.11.1853 ausführlich berichtete:
"Die materia medica oder Heilmittellehre höre ich bei einem gewissen Rinecker. Das einzige Gute an dem Kolleg ist, dass es sogleich in der ersten Stunde vollkommen geeignet ist, dem künftigen Arzt vollständig alle ... Illusionen zu vertreiben, die er sich etwa über seinen künftigen Beruf als Messias der leidenden Menschheit, über die Medizin als Kunst zu heilen, machen könnte. Herr Rinecker erklärt gleich bei Eröffnung des Kollegs mit einer wirklich erstaunlichen ... Offenheit, dass sich doch niemand einbilden möge, die Ärzte seien dazu da oder beschäftigten sich damit, die Zahl der Krankheiten zu vermindern und sie zu vertreiben. Im Gegenteil, je höher die Medizin rationell steige, desto mehr vermehrten und vergrößerten sie sich. Die ganze Behandlung der Kranken sei eigentlich nur ein ganz unsystematisches Experimentieren, ein irrationales Versuchen mit dem menschlichen Organismus, ein unnützes und wenigstens sehr zweideutiges Probieren, Hin- und Herraten usw. "Geht´s mit dem Mittel nicht, geht´s mit dem!" usw. Dabei erzählt er die gräulichsten Zoten und Geschichten, wie junge, nicht ganz sattelfeste Ärzte durch unüberlegte Dosen gesunde Leute krank und unglücklich gemacht haben, kurz, dass mein Herz und Gewissen schlägt, wenn ich daran denke."
In einem weiteren Brief am 04.12.1853 über dieselbe Vorlesung berichtet Haeckel seiner Mutter, Rinecker beginne "fast jede Stunde mit einer ähnlichen Apostrophe wie die folgende, fast wörtlich nachgeschriebene:
Meine Herren! Wir kommen heute zur konstitutionellen Anwendung des Quecksilbers! Auch hier, wie überall in der Heilmittellehre, fehlt es durchaus an bestimmten Vorschriften und an gewissen Erfahrungen über die Anwendung, den Gebrauch und Nutzen desselben. Jeder Arzt macht sich vielmehr seine Regeln erst selbst und probiert erst an seinen Kranken heraus, wieviel von dem und dem er geben kann, ohne die Krankheit bis zum Tode zu verschlimmern. Ja, meine Herren, das ist grade das Schöne und Anziehende an der ärztlichen Kunst, dass sie so ganz ohne feste und allgemeingültige Basis, Regel und Ordnung dasteht, dass jeder Arzt seine Kranken behandeln und ruinieren kann, wie es ihm beliebt. Gäbe es ein corpus materiale medicinae ... wonach jeder Arzt seine Kranken unfehlbar kurieren könnte, dann möchte ich um Himmels willen beileibe kein Arzt werden; das wäre wirklich langweilig und die Krankheiten verschwänden am Ende ganz oder vielmehr die edle Zunft der Ärzte, weil dann jeder Kranke nach solchen allgemeinen Vorschriften sich selbst heilen könnte! Aber so! Wie schön ist das! Kein Arzt kann den andern zur Rechenschaft ziehen, da nie zwei oder drei über eine Behandlungsweise einig sind, sondern jeder auf seine Faust kuriert. Der eine gibt das, der andere das! Man schreibt ellenlange Rezepte, welche nach etwas aussehen und im besten Falle nichts schaden, und schließlich, wenn der Kranke trotz der Apotheke durch seine eigne Naturheilkraft wieder gesund wird, wer hat die Ehre und den Nutzen davon? - Allein der Arzt, der doch im Grunde meistens nicht weiß, mit was für einer Krankheit er es zu tun hat, was er geben soll usw. Ist so die Arzneikunst nicht eine schöne Wissenschaft?!"
Franz Kiwisch von Rotterau (1814-1852)
Der Würzburger Gynäkologe genoss einen ausgezeichneten Ruf und galt als Vater der modernen Gynäkologie in Deutschland. Er war mit Carl Mayer bekannt, dem Vorsitzenden der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe und zukünftigen Schwiegervater Virchows. Kiwisch setzte sich zusammen mit Rinecker für Virchows Berufung nach Würzburg ein.
Physikalisch-Medicinische Gesellschaft
Sofort nach seiner Ankunft in Würzburg Ende November 1849 beteiligte sich Virchow an der auf Köllikers Initiative hin erfolgenden Gründung der „Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft". Diese wählte den zugereisten Berliner sofort zum ersten Sekretär sowie in ihre Redaktionskommission, der die Publikation von Vorträgen und Forschungsergebnissen oblag. Dieser Tätigkeit widmete Virchow in der Folge einen Großteil seiner Arbeitskraft, weshalb sich die Gesellschaft erfolgreich entwickelte. 1849 von 23 Mitgliedern gegründet, stieg die Zahl ihrer (einheimischen und auswärtigen) Mitglieder bereits im folgenden Jahr auf 56 und 1851 auf 76. Ein Jahr später wurde Virchow in Anerkennung seiner Verdienste um die "Physiko-Medica" - in Köllikers Worten ihr "Spiritus und Repräsentant" - schließlich zum Vorsitzenden gewählt.
Nicht weniger als die "Förderung der gesamten Medizin und Naturwissenschaften und Erforschung der naturhistorisch-medizinischen Verhältnisse in Franken" hatte sich die Gesellschaft vorgenommen. Sie verfolgte ihr Ziel mit wissenschaftlichen Vorträgen, Kommissionen - es gab ihrer fünf; Virchow leitete die statistisch-epidemiologische, Kölliker die zoologische - und Forschergruppen für aktuell auftauchende Fragen. In diesem Rahmen entstand u. a. Virchows Studie über den Kretinismus in Unterfranken.
Die wissenschaftlichen Vorträge der "Physiko-Medica", zu denen auch Studenten Zutritt hatten, waren beliebt und gut besucht. Meistens fanden sie im 2-wöchigen Turnus samstagsabends in einem Hotelsaal von 18-21 Uhr statt. Dabei wurden alle Themen von naturwissenschaftlichem Interesse angesprochen. Ein Teilnehmer berichtete begeistert:
„Was mir besonders angenehm auffiel, war die ungeheure Gemütlichkeit und Zwanglosigkeit, mit der die Professoren sowohl untereinander als mit den anderen Leuten verkehrten, und von der man in Berlin, namentlich unter Professoren, keinen Begriff hat.“
Virchow nutzte die "Physiko-Medica" nach Kräften zur Verbreitung seiner Erkenntnisse in Wort und besonders Schrift. So stammt denn auch schon der erste Beitrag ihrer publizierten „Verhandlungen“ aus seiner Feder. Neben ausführlichen Kasuistiken veröffentliche er in ihnen hauptsächlich die Resultate seiner speziellen pathologisch-anatomischen Studien zu einer Vielzahl von Forschungsthemen.
Die "Physiko-Medica" war für alle Beteiligten ein voller Erfolg, nicht zuletzt für Virchow selbst und die Medizin bzw. Pathologie als Wissenschaft, was Albert Kölliker in seiner Laudatio auf Virchow nach dessen Rückgang nach Berlin 1856 treffend zum Ausdruck brachte.
46 Jahre später erlebte die Gesellschaft ihre wissenschaftliche Sternstunde, als am Abend des 23.01.1896 - sechs Jahre vor Virchows Tod in Berlin - der Würzburger Physikprofessor Wilhelm Conrad Röntgen in einem Vortrag über die von ihm entdeckten Strahlen berichtete und dabei eine Röntgenaufnahme der Hand des Anatomen Kölliker anfertigte, desselben Kölliker, mit dem Virchow nach seiner Berufung an den Main die Gesellschaft gegründet und auf Erfolgskurs gebracht hatte.
Forschungsthemen
Die "7 fetten Jahre" in Würzburg waren für Virchow wissenschaftlich die ergebnisreichsten seines langen Forscherlebens. Was er hier herausgefunden zu haben glaubte, behielt für ihn auch später Gültigkeit. Das gilt für seine Einsichten und Entdeckungen ebenso wie für seine Irrtümer und Fehler.
Zu den zahlreichen publizierten Forschungsthemen seiner Würzburger Jahre gehören u. a. Embolie, Hämatoidin, Amyloid, Myelin, Entzündung, Bindegewebe, Schädelwachstum, Rachitis und Osteomalacie, Knochen- und Knorpelkörperchen, Echinococcus, Papillome und Cancroid. Auf Virchows diesbezügliche Ergebnisse und Einschätzungen näher einzugehen, würde den Rahmen dieser Webseiten sprengen. Kommentiert werden hier lediglich Virchows Ansichten zu Kretinismus, Tuberkulose, Tumoren sowie seine Ansichten zur Puerperalsepsis.
Weitaus bekannter und einflussreicher jedoch als seine Beiträge zu diesen Spezialthemen wurde seine "Zellularpathologie".
Virchow konzipiert die Zellularpathologie
Bei seiner Ankunft in Würzburg 1849 glaubte Virchow noch an die Schwann´schen Theorie der Bildung neuer Zellen aus einer amorphen Masse. In den sieben folgenden Würzburger Jahren konzipierte er die Zellularpathologie. In den Jahrzehnten nach seiner Rückkehr an die Charite 1856 verbreitete er die neue Lehre und wurde weltberühmt.
Theodor Schwann (1810-1882), der im Labor von Virchows Berliner Doktorvater Johannes Müller arbeitete, gilt als einer der Väter der Zellenlehre, die in Virchows Zellularpathologie ihre Vollendung fand. Er postulierte die Möglichkeit der Bildung neuer Zellen aus formlosem, zellfreien Keimgewebe analog einem Kristallisationsprozss. Diese Vorstellung ähnelte dem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls verbreiteten Konzept der "generatio spontanea", nach dem Mikroorganismen unter geeigneten Bedingungen aus toter Materie entstehen können (Urzeugung). Virchow hatte Schwanns Theorie in Berlin kennenlernt und übernommen, als er 1849 nach Würzburg wechselte.
Zwar verdrängte er sie mit seiner Zellularpathologie in ähnlicher Weise, wie Pasteur die "generatio spontanea" ins Reich der Fabeln verwies. Dennoch scheute er sich nicht, ihre große wegbereitende Rolle anzuerkennen, wenn er 1855 in seinem berühmten Artikel "Cellular-Pathologie" schrieb:
"Wir wir uns auch drehen und wenden, wir kommen zuletzt auf die Zelle zurück. Das unsterbliche Verdienst von Schwann liegt nicht in seiner Zellentheorie, die so lange im Vordergrunde gestanden hat und die vielleicht bald aufgegeben sein wird, sondern in seiner Darstellung von der Entwicklung der einzelnen Gewebe und in dem Nachweise, dass diese Entwicklung, demnach alle physiologische Tätigkeit zuletzt auf die Zelle zurückführt."
Die Zellularpathologie kombiniert die schon von Vorgängern vermutete These der Abstammung der Zellen ausschließlich von anderen Zellen mit der Erkenntnis der grundsätzlich zellulären Organisation des (menschlichen) Körpers. Der erste Teil (Sukzessionslehre) lieferte mit dem berühmten Motto "omnis cellula e cellula" den Schlachtruf für das ganze Konzept. Der zweite Teil wog schwerer, indem er die Zelle als kleinste lebende Einheit des Organismus definierte - analog zum Atom, das ungefähr zeitgleich als kleinste unteilbare Einheit der Materie erkannt wurde - und damit zur Grundlage allen ärztlichen Denkens und Handelns machte, und zwar, wie man damals glaubte, "für alle Zeiten".
Die Zellenlehre als grundsätzliches Ergebnis der Mikroskopie des 19. Jahrhunderts erreichte mit Virchows Zellularpathologie (omnis cellula e cellula) ihre Vollendung. Unter ihren Vorläufern ragen folgende heraus:
- Matthias Schleiden beschrieb 1833 die Pflanze als zellulär aufgebauten Organismus.
- Jakob Henle (1809-1885, Henlesche Schleife) zählt auch zu den frühen Vätern der Zellenlehre.
- Theodor Schwann (1810-1882, Schwann´sche Myelinscheide) entdeckte die Zellen im tierischen Organismus und konzipierte eine einflussreiche Theorie der Zellneubildung aus einem amorphen Blastem.
- John Goodsir formulierte schon 1845 das berühmte zellularpathologische Motto "omnis cellula a cellula".
- Robert Remak (1815-1865) war 1852 so sehr von der Kontinuität zellulären Lebens überzeugt, dass er sie auch für Tumorzellen postulierte. Er arbeitete während Virchows Würzburger Jahren an der Charite in Berlin als Pathologe und konkurrierte nach dem Tode des Anatomen Meckel 1856 zusammen mit Billroth und Virchow um den vakanten Lehrstuhl, den dann schließlich der Schöpfer der Zellularpathologie bekam.
- Albert Kölliker, Virchows Freund und Kollege in Würzburg, hatte die Zellenlehre bereits 1844 in die Embryologie eingeführt. Seine Studien führten ihn zur Überzeugung "alleiniger Zellvermehrung durch legitime Succession". Nur mit Mühe konnte ihn Virchow, damals noch Anhänger der Schwann´schen Theorie der Zellneubildung, dazu überreden, in seinem Handbuch der Gewebelehre die Urzeugung neuer Zellen als Möglichkeit einzuräumen.
Früher und klarer als seine Vorgänger und Mitstreiter erkannte Virchow jedoch die ungeheure Tragweite der neuen Zellenlehre, die mit der Überwindung der Jahrtausende alten Humoralpathologie für die Medizin eine kopernikanischen Wende bedeutete; er sorgte mit großem publizistischen Engagement für ihre weltweite Verbreitung und Akzeptanz.
Die Zelle war für Virchow das "letzte eigentliche Form-Element aller lebendigen Erscheinung". Er fand in ihr das einheitliche Prinzip, das allen Lebensvorgängen zugrunde liegt, ihren natürlichen Äußerungen ebenso wie ihren krankhaften. Sie ist somit das Fundament der von ihm propagierten, naturwissenschaftlichen Krankheitslehre.
"... die Krankheit hat keine andere Einheit als das Leben, von dem sie eine besondere Art darstellt, nämlich die einheitlich lebende Zelle. Sie ist gewissermaßen die Person des Lebens im Gesunden sowohl als auch im Kranken, und wenn Paracelsus vorahnend von einem Leib der Krankheit gesprochen hat, so können wir jetzt sagen, die Zelle sei dieser Leib."
Praktiker wie Billroth konnten mit Virchows Zellularpathologie zunächst nicht viel anfangen.
Theodor Billroth (1829-1894) schwankte zunächst zwischen einer pathologischen und chirurgischen Karriere. Nachdem er Virchow bei der Bewerbung um den Pathologielehrstuhl des verstorbenen Meckel 1856 in Berlin an der Charite unterlegen war, entschied er sich für die Chirurgie und wurde später in Zürich und Wien berühmt.
Billroth stimmte grundsätzlich mit Virchows pathologischen Auffassungen überein. Insbesondere lobte er dessen "Zellularpathologie" und nannte sie "in Form und Darstellung ein Meisterwerk". Als Chirurg hatte er jedoch Probleme mit der praktischen Anwendung der Virchowschen Theorie, nach der jede Krankheit in den Zellen residiert. Infolgedessen kritisierte er Virchow insofern:
"Doch redet er nur von der Pathologie der Zellen und nicht von der Pathologie des Organismus; er prätendiert die völlige Gleichartigkeit der Zelle mit dem Organismus. Die lokalen morphologischen Vorgänge haben ihn völlig dumm gemacht für die Auffassung allgemeiner Krankheitsprozesse; er löst alles in Lokal-Pathologie auf. Was soll der Arzt ... mit diesen Anschauungen! Wenn ihm hier gesagt wird, in den Zellen steckt die Krankheit, die Zellen müssen behandelt werden, wie wird er sich wundern, wenn er ans Krankenbett kommt."
Die tiefe Einsicht verdankte Virchow seiner unermüdlichen Mikroskopie. Er gewann sie jedoch nicht etwa bei der Beschäftigung mit Tumoren, wo sie mit Händen zu greifen war, sondern an einem dafür eher untauglichen Objekt, nämlich Bindegewebe, vor allem Knorpel und Knochen. Der Gang seiner Erkenntnis lässt sich aus seinen diversen Äußerungen und Publikationen gut rekonstruieren:
- 1852: Virchow liebäugelt erstmalig in einer Vorlesung mit dem strengen Abstammungsprinzip
- 1853: Virchow forciert in seinen Vorlesungen die Zellentheorie und überzeugt den Studenten Haeckel
Im Wintersemester 1853/1854 hörte der Student Ernst Haeckel die Ausführungen Virchows zu diesem Thema und war so begeistert, dass er seinen Eltern in einem Brief vom 21.12.1853 darüber berichtete:
"Die Abende verbringe ich mit Ausarbeiten des geistreichen Virchowschen Kollegs ... Ja, über die Zellentheorie geht mir nichts! Ich weiß nicht, was für eine sonderbare Anziehungskraft diese sonderbare Tatsache, dass die Zelle Ursprung und Konstituens aller organischen Körper ist, für mich speziell hat; aber es ist faktisch, ich betrachte dies wirklich als das größte Schöpfungswunder, über das ich mich gar nicht satt wundern und freuen kann. Eigentlich ist auch diese Zellengenese das, was alle Menschen am nächsten angeht, denn wir alle, wie alle Pflanzen und Tiere, bestehen und entstehen ja nur aus Zellen. Das Ei ist ja nur eine einfache Zelle. Wie unbegreiflich stumpf und gleichgültig verhalten sich die meisten Menschen gegen diese wunderbare Tatsache, das Wunder aller Wunder. Für mich ist es das Anziehendste, was es gibt, und dem Studium und der Erforschung der Zelle möchte ich alle meine Kräfte widmen."
- 1954: Virchow erklärt in seinem Pathologiehandbuch das Abstammungsprinzip zum wahrscheinlichsten Vermehrungsmodus
- 1855: Virchow bekennt sich erstmalig ohne Vorbehalt zum Abstammungsprinzip in seinem berühmten Aufsatz über die Zellularpathologie (8. Band seines Archivs) und definiert es griffig als "omnis cellula a cellula"
- 1858: Virchow verkündet, nach Berlin zurückgekehrt, die Zellularpathologie in 20 Vorlesungen, die noch im gleichen Jahr veröffentlicht werden
Den 8. Band des von ihm selbst herausgegebenen "Archiv für pathologische Anatomie" eröffnete Virchow 1855 mit einem Artikel über "Cellular-Pathologie", seiner 1. Publikation über ein Thema, das die folgenden 50 Jahre nicht nur sein Denken beherrschte, sondern auch theoretischer Mittelpunkt der naturwissenschaftlichen Medizin wurde. Es folgen Zitate aus diesem Artikel in chronologischer Reihenfolge:
Wir müssen nun einmal auf das Einfache, Ursprüngliche zurück, ... und dieses Einfache ist nicht der Hohlkolben, ... die Zotte, die Papille, die Granulation, die Warze, sondern es ist und bleibt die Zelle.
Wie wir uns auch drehen und wenden, wir kommen zuletzt auf die Zelle zurück.
Ist nun aber die Pathologie nur die Physiologie mit Hindernissen, das kranke Leben nichts, als das durch allerlei äußere und innere Einwirkungen gehemmte gesunde, so muss auch die Pathologie auf die Zelle zurückgeführt werden.
Meine Pathologie ist eine Pathologie der Zukunft.
Unter dem Mikroskop des Biologen löst sich alles Lebende in kleine Elemente auf. ... haben wir gezeigt, dass diese kleinen Elemente, die Zellen, die eigentlichen Herde des Lebens und demnach auch der Krankheit, die wahren Träger der lebendigen, pflanzlichen oder tierischen Funktion sind, an deren Existenz das Leben gebunden ist ...
Das Leben residiert also nicht in den Säften als solchen, sondern nur in den zelligen Teilen derselben ...
Rücken wir bis an die letzten Grenzen vor, an denen es noch Elemente mit dem Charakter der Totalität oder, wenn man so will, der Einheit gibt, so bleiben wir bei den Zellen stehen. Sie sind das letzte konstante Glied in der großen Reihe einander untergeordneter Gebilde, welche den menschlichen Leib zusammensetzen. Ich kann nicht anders sagen, als dass sie die vitalen Elemente sind, aus denen sich die Gewebe, die Organe, die Systeme, das ganze Individuum zusammensetzen.
Ich formuliere die Lehre von der pathologischen Generation, von der Neoplasie im Sinne der Zellularpathologie einfach: Omnis cellula a cellula.
Ich kenne kein Leben, dem nicht eine Mutter oder ein Muttergebilde gesucht werden müsste. Eine Zelle überträgt die Bewegung des Lebens auf die andere ...
So kann eine wirklich wissenschaftliche und praktisch nutzbare Pathologie gewonnen werden, aber wir sind auch überzeugt, dass nur das der Weg zu der Pathologie der Zukunft ist.
Virchow beendete mit seinem Konzept die Jahrtausende alte medizinische Kontroverse zwischen Humoral- und Solidarpathologie, deren beider Akzeptanz als übergeordnete Theorie unter der Flut neuer Erkenntnisse arg gelitten hatte, und ersetzte sie im Sinne einer Hegelschen Synthese durch ein modernes, die gesamte Medizin bzw. Biologie integrierendes Konzept.
Virchow beendete mit seinem Konzept der Zellularpathologie die Jahrtausende alte medizinische Kontroverse zwischen Humoral- und Solidarpathologie. Nach Art einer Hegelschen Synthese - der in Berlin lehrende Philosoph starb 8 Jahre bevor Virchow dort das Medizinstudium begann - fand er beide dialektisch aufgehoben in der Zellularpathologie, die postulierte, "dass sowohl in den Säften als in den festen Körperteilen nur die Zellen das Lebende ... sind". In seiner berühmten Erstpublikation über die Zellularpathologie (Archiv, Band 8, 1855) erläuterte er seine Synthese:
"Das Leben residiert also nicht in den Säften als solchen, sondern nur in den zelligen Teilen derselben, und es sind nicht bloß aus dem Bereiche des Lebenden die zellenlosen Säfte, z. B. die Sekrete und Transsudate auszuschließen, sondern auch die Interzellularsubstanzen der zellenhaltigen, z. B. der Liquor sanguinis, das vielgerühmte Plasma des Blutes. Insofern die Zellen im Gegensatze zu den reinen Säften, immer noch etwas, wenn auch nur sehr bedingt Festes sind, stehen wir bei der Solidarpathologie. Allein nicht alles, was fest ist, kann als Sitz des Lebens betrachtet werden. Die festen Interzellularsubstanzen verhalten sich, wie die flüssige Interzellularsubstanz des Blutes. Man kann zugestehen, dass ihnen noch ein Rest lebendiger Wirkungsfähigkeit inhäriere, der ihnen von den Zellen, aus denen und durch sie sie hervorgegangen sind, geblieben ist, aber keine sichere Tatsche spricht dafür, dass dieser Rest groß genug ist, um sich ohne fortwährende Einwirkung von Zellen unversehrt zu erhalten oder um die Bewegung des Lebens weiter fortzusetzen oder zu übertragen. Sie sind höchstens imstande, in lebenden Teilen andere Richtungen des Lebens zu erregen. Unsere Solidarpathologie ist daher eine sehr beschränkte im Sinne der älteren Schulen und sie schließt nirgends die Humoralpathologie in ihrer geläuterten Form aus."
Damit befriedigte die Zellularpathologie ein tiefes Bedürfnis der Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Angesichts einer beispiellosen Wissensvermehrung wegen zunehmender Spezialisierung in unterschiedlichste Forschungsrichtungen und einem Zerfall der alten humoralpathologischen Einheitslehre, sehnte sich die Medizin nach einem wieder geschlossenen Weltbild, um sich als sinnvolles Ganzes zu fühlen. Die Zellularpathologie erfüllte diesen Wunsch mit ihrer Definition der Zelle als morphologischer und funktioneller Lebenseinheit.
Die Zellularpathologie blieb viele Jahre eine verlässliche Basis ärztlichen Denkens und Handels und bremste als einheitliche, alle Einzeldisziplinen überwölbende Theorie ihr Auseinanderdriften. Nicht jedoch, wie man damals vorschnell glaubte, "für alle Zeiten". Mit dem Vorstoß auf subzelluläre Strukturen bis hin zur Molekularbiologie hat sich die Zelle als kleinste Einheit von Leben und Krankheit längst verflüchtigt und eine unübersichtliche Situation hinterlassen, die auf eine neue Einheitstheorie wartet.
Das allmähliche Reifen der Zellularpathologie in Virchows Gedanken während seiner Würzburger Zeit spiegelt sich schön in den erhalten gebliebenen studentischen Vorlesungsmitschriften, weil der Forscher seine neuen Erkenntnisse und Einsichten sofort an seine Schüler weiterzugeben pflegte.
Virchows Fehlurteile in der Pathologie
Seinen hohen Rang in der Geschichte der Medizin verdiente sich Virchow vor allem mit seinem Konzept der Zellularpathologie. Der weltberühmte Wissenschaftler war jedoch keineswegs unfehlbar. Vielmehr ist die Liste seiner spektakulären Irrtümer erstaunlich lang. Das allein ist jedoch nicht weiter verwunderlich; schließlich war er Naturforscher und kein Hellseher.
Erstaunlich mutet vielmehr an, mit welcher Hartnäckigkeit Virchow jahrzehntelang an seinen Irrtümern festhielt, selbst angesichts sich häufender, gegenteiliger Befunde. Das eigenartige Phänomen scheint mit seinem ungeheuren Selbstbewusstsein zusammenzuhängen. Während Virchow seine eigenen Hypothesen mit einer fast lutherischen Selbstgewissheit verteidigte, hatte er große Mühe, bahnbrechende Ergebnisse anderer großer Forscher anzuerkennen. Dabei hat man manchmal den Eindruck, dass Virchow deren Erfolgsideen durchaus enthusiastisch akzeptiert und missionarisch verbreitet hätte, wären sie nur seiner eigenen Einsicht entsprungen.
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Bakteriologie: Virchows Verhältnis zur Bakteriologie, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre spektakulären, alles andere in den Schatten stellenden Triumphe feierte, blieb zeit seines Lebens ambivalent. Wenn er sie auch nicht offen bekämpfte, so überrascht doch seine übertrieben skeptische und zögerliche Haltung.
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Evolutionstheorie: Kritisch blieb Virchows Einstellung auch zur wissenschaftlichen Großtat von Charles Darwin, dessen "Origion of Species" 1859 herauskam, ein Jahr nach Virchows "Zellularpathologie".
Unter Virchows fachspezifischen Fehlurteilen treten folgende besonders hervor:
Schon vor der Entdeckung des Erregers durch Robert Koch 1882 hatte Laennec zu Beginn des Jahrhunderts mit seiner, Tuberkel und Phthise zusammenfassenden Lehre den einheitlichen Charakter der tuberkulösen Pathologie erkannt. Virchow lehnte dieses Konzept ab. Für ihn blieb die Tuberkulose ausschließlich durch Knötchen charaktersiert. Davon säuberlich getrennt, sah er in der mit Eiter oder Nekrosen einhergehenden Phthise eine eigenständige Krankheitsentität.
Virchow interpretierte den Tuberkel als primäre Zellproliferation und damit ähnlich wie einen Zelltumor. Tatsächlich war er überzeugt, dass Tuberkulose wie Karzinom das Ergebnis der Vermehrung ortsständiger Zellen sind, vor allem des Bindegewebes, welchem er bis zur Pluripotenz so ziemlich alles zutraute.
Da Virchow die Tuberkulose mit dem Tuberkel als postulierter zentraler pathologischer Veränderung ausschließlich anatomisch-morphologisch charakterisierte, beruhte sein Fehlurteil offenbar auf einer einseitigen Überbewertung des mikroskopischen Befundes, dem gegenüber für ihn ätiologische Überlegungen, die letztlich mit dem Erregernachweis die Laennec´sche Auffassung bestätigten, keine Rolle spielten.
Während Virchows Berliner Kollege und Konkurrent Robert Remak schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts Karzinome als Umbildung ortsständigen Epithels interpretierte, hielt Virchow sie für Abkömmlinge von sog. Bindegewebskörperchen. Deswegen können Karzinome seiner Meinung nach nur tief im Bindegewebe entstehen und nicht vom Oberflächenepithel ausgehen, obwohl ihm z. B. bei Papillomen die deutliche Zellvermehrung in der Deckschicht nicht entgangen war. Folgerichtig hielt er oberflächliche Zellproliferationen grundsätzlich für gutartig.
Auch mit seinen Überlegungen zur Genese von Metastasen, die er z. B. im Knochen oder Lymphknoten beobachtete, befand sich Virchow auf dem Holzweg. Er vermutete, dass die Zellen des Primärherdes einen "krankhaften Saft" bilden, der über die Blutbahn entfernte Körperregionen erreicht und die ortsständigen Bindegewebszellen "katalytisch-contagiös" proliferieren und dem Primärherd ähnlich werden lässt. Dementsprechend hielt Virchow saftreiche Karzinome für besonders bösartig und metastasenbildend.
Nach Virchow ist dieser "krankhafte Saft" nicht nur für Metastasen verantwortlich, sondern auch für das Wachstum des Primärtumors. Dieser vergrößert sich seiner Meinung nach nicht etwa durch Proliferation ortsständiger Krebszellen. Entscheidend dafür ist vielmehr die Proliferation von umgeprägten benachbarten Zellen wegen humoraler Induktion durch besagten "krankhaften Saft".
Die ortsständigen Zellen spielen für Virchow also eine untergeordnete Rolle in der Tumorgenese. Deswegen ist es auch von keinem großen Interesse, sie sich genauer anzusehen. Entsprechend verzichtet er auf eine detaillierte zytologische Tumordifferenzierung. Virchow hält das Mikroskop in der Tumordiagnostik für entbehrlich und scheut sich nicht, diese Überzeugung sogar in einem Leitartikel seines "Achiv für pathologische Anatomie" zu verkünden.
Diese im krassen Gegensatz zur heutigen Praxis stehende Fehleinschätzung will so gar nicht zu Virchows immer wieder erhobener Forderung passen, die Pathologen müssten lernen, zellulär und mikroskopisch zu denken. Der Irrtum überrascht auch deswegen, weil die Tumoren eigentlich ein Musterbeispiel für die zentrale These der von Virchow formulierten Zellularpathologie sind, derzufolge die Zelle der Sitz der Krankheit ist.
In die Irre führte Virchow wahrscheinlich, neben einer Vernachlässigung des offenkundigen mikroskopischen Tumorbefundes, eine mangelnde gedankliche Trennung von der auf Theodor Schwann zurückgehenden Vorstellung der Zellbildung aus einem formlosen Blastem, die möglicherweise bei Virchows Vorstellung vom Bindegewebe als Mutterboden aller zellulären Neubildungen gedanklich Pate stand.
Virchows Verhalten gegenüber Semmelweis´ Entdeckung des ursächlichen Zusammenhangs zwischen der Durchführung von Autopsien in Verbindung mit nachfolgender geburtshilflicher Betätigung und dem massenhaften Auftreten der Puerperalsepsis ist aus mehreren Gründen von besonderem Interesse:
- Er war als Pathologe ein Vertreter derjenigen Fachrichtung, deren fortschrittliches Wirken tragisch mit einer der größten iatrogenen Katastrophen des 19. Jahrhunderts verknüpft war.
- Sein Schwiegervater, Prof. Carl Mayer, war Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe.
- Der Leiter der damals renommierten Würzburger Frauenklinik, Ritter Kiwisch von Rotterau, war ein guter Bekannter Virchows.
Die iatrogene Katastrophe in der Wiener Gebäranstalt um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich parallel zur Blüte der sog. Neuen Wiener Schule unter Führung des berühmten Pathologen Karl Rokitansky, der den Sektionssaal ins Zentrum des Medizinstudiums rückte.
Semmelweis kam dem Zusammenhang kurz vor Virchows Berufung nach Würzburg auf die Spur. Die sensationelle These breitete sich rasch aus und war Virchows gynäkologischen Kollegen in Würzburg durchaus geläufig. So fuhr Kiwisch von Rotterau, bei dem Virchow in den ersten Wochen seiner Würzburger Tätigkeit zu Mittag aß, im Winter 1848/1849 nach Wien, um sich vor Ort ein Urteil zu bilden, das allerdings negativ ausfiel.
Natürlich kannte auch Virchow das Phänomen. Unter den zahlreichen Leichen, die der Prosektor damals in Würzburg sezierte, waren auch an Kindbettfieber gestorbene Frauen, z. B. "Anna Maria Keller, 22 Jahre alt, von Rieden, wurde am 22. Februar 1853 normal entbunden, erkrankte am 26. an Puerperalfieber, wurde am 28. von der Gebäranstalt in das Juliusspital gebracht und starb daselbst am 2. März, nachmittags 3 Uhr."
Als Wissenschaftler war Virchow zu klug, um die Ablehnung der Semmelweis´schen Hypothese durch seine gynäkologischen Kollegen unbesehen zu übernehmen. Er blieb ihr gegenüber jedoch lange Zeit skeptisch und bezweifelte, dass jeder Fall von Kindbettfieber auf „Leichengift“ zurückgehe. Offenbar konnte auf diesem für Pathologen heiklen Gebiet selbst ein so genialer Mediziner wie Virchow, der sich gerade auch in der Sozialmedizin große Verdienste erworben hatte, die Empirie nicht vorbehaltlos und bereitwillig akzeptieren. Der Tenor seiner Stellungnahme kommt gut zum Ausdruck in der Vorlesungsmitschrift eines seiner Würzburger Studenten sowie in seinem Vortrag 1858 vor der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe:
„Die Wiener Schule hat in neuester Zeit den Puerperalfieberprozess auf eine kadaveröse Infektion zurückzuführen gesucht, indem sie behauptete (Semmelweis), dass durch das Touchieren der medizinischen Studierenden, die vom Sektionstisch in die Gebäranstalt zu Explorationsübungen kamen, die Infektion ... der Gebärenden ... bewerkstelligt worden sei. Wenn aber auch durch diese Erfahrungen die Entstehung vieler Fälle von Puerperalfieber als kadaveröse Infektion erklärt worden ist, so folgt doch keineswegs, dass das Puerperalfieber immer durch solche Veranlassungen eingeleitet wird. Das Puerperalfieber steht vielmehr unzweifelhaft auch unter epidemischen Einflüssen, deren nähere Wirkungsweise wir freilich nicht kennen.“
Noch 1858 - also etwa elf Jahre nach Semmelweis´ Entdeckung - bewies der 2 Jahre zuvor nach Berlin zurückgekehrte Virchow wenig Einsicht, als er sich in einem Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe zu dem immer noch kontroversen Thema äußerte:
„Zwischen Herbst 1856 und März 1858 – 18 Monate – waren in der Charite 83 Todesfälle von Puerperalfieber vorgekommen. Man sieht also, dass es nicht dem Wundfieber an die Seite zu stellen ist, dass diese gegenteilig in den Sommermonaten ihre Höhe erreichen, und möchte der Grund vielleicht darin zu suchen sein, dass die Wochensäle, in dem Bestreben, jede Erkältung zu vermeiden, zu ängstlich geschlossen gehalten werden, und somit einen geeigneten Boden für die Ansammlung eines intensiveren Miasmas bilden.“
Verärgert über seine weitgehende Ablehnung durch das medizinische Establishment, kritisierte Semmelweis in seiner epochalen, 1860 erschienenen Publikation „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ unter seinen zahlreichen Gegnern auch den mittlerweile dank der Verbreitung seiner Zellularpathologie zu großer Berühmtheit gelangten Virchow:
Virchow stand, wie auch viele andere Vertreter des medizinischen Establishments, dem von Semmelweis aufgedeckten Zusammenhang zwischen Sektionsübungen und Kindbettfieber skeptisch bis ablehnend gegenüber. Der "Retter der Mütter" kritisierte ihn deswegen massiv in seinem 1860 publizierten Werk „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“:
„Mit welchem Rechte leiht Virchow diesem Ausspruch die Autorität seines Namens, derselbe Virchow, welcher zwar meine Lehre noch nicht angegriffen, weil er selbe in seiner Überhebung ignoriert, und deshalb in solcher Unwissenheit über die Entstehung, den Begriff und die Verhütung des Kindbettfiebers steckt, dass er im Jahre 1858 in der Gesellschaft für Geburtshilfe in Berlin einen Vortrag über Puerperalerkrankungen in der Charite halten konnte, in welchem er die Epidemie im Monate November mit 20 Toten die höchste Höhe erreichen lässt, ohne auch nur zu ahnen, welche erschreckende und zugleich welch verbrecherische Sterblichkeit dies sei, nachdem diese Sterblichkeit sich ereignete elf Jahre später, als man in Wien die Sterblichkeit des Puerperalfiebers auf nicht eine Tote unter 100 Wöchnerinnen zu beschränken lehrte.
Seit 1847 gibt es für mich nichts Erschreckenderes als den trostlosen Zustand, in welchem sich noch immer der geburtshilfliche Unterricht in Betreff des Kindbettfiebers an der überwiegend großen Anzahl der geburtshilflichen Lehranstalten befindet ...
Von meinen Schülern, von den Medizinern und den Chirurgen gar nicht zu sprechen, üben bis jetzt 823 Schülerinnen von mir als Hebammen die geburtshilfliche Praxis in Ungarn aus, welche besser wissen als Virchow, warum die größte Anzahl der Puerperalfieberepidemien im Winter vorkommen, welche besser wissen als Virchow, was zu tun, um nicht gleichzeitig Puerperalfieber zu haben, wenn Kranke mit ... jauchigen und eitrigen Entzündungen ihrer Pflege anvertraut werden; und welche aufgeklärter als die Mitglieder der Gesellschaft für Geburtshilfe in Berlin, Virchow auslachen würden, wenn er ihnen einen Vortrag über epidemisches Puerperalfieber halten würde.“
Sozialhygienische Probleme
Virchows Interesse für Sozialhygiene, das in seinen späteren Jahren in Berlin einen breiten Raum einnahm und sich in zahlreichen Publikationen niederschlug, die er 1879 in einem zweibändigen Sammelband über "Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre" zusammenfasste, war schon sehr früh in seiner Karriere geweckt worden, als er 1848 im Auftrag des Preußischen Medizinalministeriums die sog. Huntertyphus-Epidemie in Oberschlesien zu untersuchen hatte. Auch nach seinem Wechsel nach Würzburg blieb dieses Interesse lebendig. Es äußerte sich u. a. in seinen Studien über den Kretinismus in Unterfranken sowie über die "Not im Spessart".
Virchow untersucht die "Not im Spessart"
Um die Jahrhundertmitte war die wirtschaftliche Situation in Deutschland relativ schlecht, besonders in Mittelgebirgen wie dem Spessart. Als dort im Winter 1851/1852 Typhusfälle auftraten, sorgte sich die bayerische Regierung und beauftragte Virchow, der schon 1848 im Auftrag der preußischen Verwaltung das oberschlesische Notstandsgebiet bereist und darüber einen aufsehenerregenden Bericht verfasst hatte, offiziell mit der Erkundung der Verhältnisse vor Ort.
Also reiste der Pathologe im Februar 1852 mit einer ministeriellen Kommission im Schlepptau durch das bergige Waldland. Dabei legte er ein solches Tempo vor, dass ihm seine Münchener Begleiter kaum zu folgen vermochten. Nach acht anstrengenden Tagen war die Expedition beendet. Seinen ausführlichen, 56 Druckseiten umfassenden Ergebnisbericht hatte der arbeitswütige Professor 2 Wochen später fertig. In für ihn typischer Weise begann er mit einer ausführlichen Einleitung über Geologie, Geschichte und Kultur, wobei er im Abschnitt über die lokale Dichtung sogar das Nibelungenlied streifte.
Als Ursache der Notlage erkannte Virchow die schlechte Ernährungs- und Wohnsituation, die er in seinem Bericht eindringlich schilderte.
Anlässlich seiner offiziellen Expedition zur Erkundung der "Not im Spessart" erkennt Virchow als primäres Problem die schlechte Ernährungs- und Wohnsituation. Über sie schreibt er in seinem Ergebnisbericht:
„Wohin man kommt, sieht man im Spessart relativ kleine Häuser, die über einem Keller ein einziges Wohnzimmer mit engem Kämmerlein und eine kleine Küche enthalten... Im Innern einer solchen Wohnung haust eine fast immer sehr zahlreiche und mit Kindern gesegnete Familie. Zuweilen sind mehrere Generationen gleichzeitig, zuweilen auch mehrere fremde Familien zusammen darin vorhanden. Insbesondere häufig ist es aber, dass Seitenverwandte mit Kindern zugleich dieselben Räume mit bewohnen. Die meist sehr schmutzigen ... Betten stehen in geringer Zahl sowohl im Zimmer selbst als auch in dem oft dunkeln und dumpfen Kämmerchen, so dass es gewöhnlich ist, wenn zwei bis drei Personen, selbst von verschiedenen Geschlechtern, in dem selben Bette schlafen.“
Anders als seinerzeit in Oberschlesien traten demgegenüber spezifische Infektionen wie Typhus und Verwahrlosung als Ursache zurück, weswegen er die bayerische Regierung, die seinen Bericht mit gemischten Gefühlen erwartete, mit Kritik verschonte.
Auf seiner offiziellen Erkundungsreise 1852 in den Spessart, wo Typhusfälle aufgetreten waren, entdeckte Virchow einige Fälle familiärer Übertragung. Er beschrieb sie in seinem Bericht über die "Not im Spessart":
„Zuerst erkrankte die Mutter der Familie, Margaretha, 53 Jahre alt, die bis dahin bis auf einen alten, beweglichen Bruch ganz gesund gewesen sein sollte. Nach einer Wäsche, die sie im Dezember vorigen Jahres besorgte, erkrankte sie unter Frost, klagte über den Leib und legte sich. Sie hatte jedoch weder Erbrechen, noch Durchfall oder Verstopfung ... Sie starb nach 8 Tagen am 26. Dezember, nach der Aussage ihres Mannes besinnlich.
Ihre Schwester, Katharina, 48 Jahre alt, besorgte bald nach dem Begräbnis die Wäsche der hinterlassenen Bett- und Kleidungsstücke und benutzte dann auch diese Betten selbst. Schon acht Tage nach dem Tode ihrer Schwester erkrankte sie ihrerseits unter Frost, Hitze, Kopfweh, fröstelte stets, hatte sehr viel Abweichen ... Sie sprach nicht irre, soll bis zuletzt besinnlich gewesen sein, und nur ihr Gehör habe gelitten. Sie starb am 25. Januar.
Schon vor ihr hatte sich Johann Hermann, der zweite, 13-jährige Sohn, gelegt, obwohl seine erste Erkrankung ziemlich gleichzeitig mit der seiner Tante erfolgt zu sein scheint. Er soll immer elend gewesen sein und eine böse Farbe gehabt haben. Schon während des Herbstes klagte er oft über Leibweh und entleerte einige Mal Würmer. Gehustet hat er selten. Die gegenwärtige Krankheit entwickelte sich ohne bestimmten Anfangspunkt, namentlich ohne Schüttelfrost. Er fühlte sich matt, sah elend aus, klagte über den Bauch, fröstelte, hatte große Hitze und Schmerzen im Kopf, wurde schwerhörig, unbesinnlich, ... Lichtscheu und Ausschlag wurden nicht beobachtet. Tod am 26. Januar, nachdem er etwa einen Monat krank gewesen war.“
Zu seiner Überraschung musste er sogar konstatieren, dass trotz endemischen Hungers und verbreiteter Armut die Sterblichkeit in dem abgelegenen Waldgebirge geringer war als im vergleichsweise wohlhabenden Würzburg.
Am Ende seines Berichts über die Not im Spessart wiederholte Virchow das Fazit seiner Erkundungsreise nach Oberschlesien 4 Jahre zuvor, das zu seiner sozialmedizinischen Grundüberzeugung wurde:
„Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes.“
Kretinismus in Unterfranken
Unter Virchows Studien zu regionalspezifischen Problemen gehört die über die Verbreitung des Kretinismus in Unterfranken zu den bekanntesten. Sie entstand im Rahmen seiner Tätigkeit für die "Physikalisch-Medicinische Gesellschaft", welche sich u. a. die "Erforschung der naturhistorischen und medizinischen Verhältnisse in Franken" zum Ziel setzte.
Virchow hatte sich schon früher für Kretinismus interessiert und auf seiner Hochzeitsreise in die Schweiz das berühmte helvetische Kretinenhospital besucht. Zur Untersuchung des Kretinismus in der Umgebung von Würzburg fuhr er kreuz und quer durch Mainfranken, um die häufig der Öffentlichkeit entzogenen Kretins aufzuspüren. Ihre Prävalenz gab der statistisch sehr interessierte Pathologe mit 1:4500 an.
Virchow beschrieb anschaulich die nicht selten menschenunwürdigen Lebensverhältnisse von Kretins und veranlaßte Zeichnungen (vgl. Bild) von besonders typischen oder auffallend veränderten Patienten.
Während seiner offiziellen Expedition zur Erforschung der "Not im Spessart" im Jahre 1852 beschrieb Virchow ein an Kretinismus leidendes Geschwisterpaar:
„Die beiden Brüder führten ein völlig tierisches Leben. Durch Harn und Exkremente der Bewohner völlig verfaultes Stroh, das die Atmosphäre der scheußlichen Räumlichkeit verpestete, dient beiden als Lagerstätte, und sie verlassen diese nur, um mit Hilfe von großen Stöcken im Dorfe herumzulaufen und sich zu sonnen oder sich das ihnen angewiesene Brot zu holen und gierig zu verschlingen. Besserungsversuche in Bezug auf ihre Kleidung, die aus ungereinigten Lappen besteht, oder in Bezug auf ihre Lagerstätte, sind ohne Erfolg, da sie sogleich bemüht sind, das dargebotene Bessere zu zerstören und zu verunreinigen, um es auf den gewohnten Stand zurück zu führen; ähnlich verfahren sie mit etwa gestohlenen Viktualien, die sie nicht sogleich aufzuzehren vermögen. Sie werden deshalb von den Dorfbewohnern gehasst und mit Schlägen verfolgt.“
Seinen Kretinismus-Vortrag vor der Physico-Medika (Würzburger Fachgesellschaft) referierte sein Assistent Ernst Haeckel in einem Brief.
Virchows Kretinismus-Vortrag vor der Physico-Medika (Würzburger Fachgesellschaft) referierte sein Assistent Ernst Haeckel in einem Brief an seine Eltern vom 14.11.1852:
"Den zweiten Vortrag hielt Professor Virchow ... über ... den Kretinismus in Unterfranken. Er teilte darüber gleichfalls eine Menge für Mediziner höchst interessante Data mit, die auch in sozialer Hinsicht sehr wichtig sind ... z. B. empfahl er uns, eine Reise in die kretinreichsten Distrikte zu machen, weil man dort erst dahinterkomme, was die Natur für Karikaturen aus dem Menschen zu machen vermöge. Unter anderem habe er eine 21-jährige Kretine von 84 cm Höhe gesehen, deren Kopf 54 cm Umfang hatte, und deren Fuß 17 cm lang war, und dergleichen mehr. Übrigens ist es wirklich erstaunlich, was für eine Masse Kretins es hier gibt, in einem kleinen Orte fand er deren über 20. Besonders häufig sind sie am Abhang des Gebirgs, in der Nähe des Flusses. In den trocknen Ebenen und im Gebirg selbst fehlen sie. Er meint, dass der Kretinismus hauptsächlich von lokalen Ursachen, von Miasmen oder so etwas herrühre."
Bei der Erörterung der Ursachen der Erkrankung verkannte Virchow den Zusammenhang mit dem bereits hypothetisch diskutierten Jodmangel, obwohl ihm dessen Korrelation zum Kropf bekannt war. Statt dessen favorisierte er ätiologisch ein durch Luft oder Wasser verbreitetes, infektiöses Agens, also ein flüchtiges Miasma, welches er auch fälschlicherweise an der Entstehung des Kindbettfiebers beteiligt sah.
Zur Linderung des oft traurigen Schicksals der Betroffenen empfahl Virchow Bildung und Erziehung. Der katholischen Kirche, welcher er im allgemeinen kritisch gegenüber stand, attestierte er einen bedeutsamen Beitrag zur Kretinismusprophylaxe:
„Das sicherste Heilmittel gegen das in Rede stehende Übel hat unstreitig die katholische Kirche auf dem Konzilium in Trient dort angeordnet, wo sie jedem Pfarrer zur heiligen Pflicht macht, jeder Verehelichung ein mehrmaliges, umsichtsvolles Brautexamen und eine gründliche Belehrung vorher zu geben.“
Publikationsorgane
Alle Würzburger Veröffentlichungen Virchows übereinander gelegt ergeben einen Stapel von ca. 3.000 Druckseiten. Sie erschienen überwiegend in folgenden, von ihm selbst herausgegebenen Publikationsorganen:
- Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin: von Virchow 1847 in Berlin zusammen mit B. Reinhardt begründete Zeitschrift. Erscheint seitdem regelmäßig bis heute (umbenannt in "Virchows Archiv"). Im "Archiv" veröffentlichte Virchow vorzugsweise allgemeine Konzepte und Ideen. 1854 erschien hier (Bd. VIII) sein berühmter Artikel "Zellularpathologie".
- Verhandlungen der physikalisch-medicinischen Gesellschaft von Würzburg: Als Hauptakteur der wissenschaftlichen Gesellschaft war Virchow auch ihr Schriftführer und nutzte ihre "Verhandlungen" zur Publikation von ausführlichen Kasuistiken und anatomisch-pathologischen Untersuchungen zu zahlreichen Forschungsthemen. In den "Verhandlungen" erschien auch seine sozialmedizinische Studie über die Verbreitung des Kretinismus in Unterfranken.
- Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten Medizin: Nach dem Tod seines Begründers Cannstadt übernahm Virchow ab 1851 zusammen mit seinen Kollegen Scherer und Eisenmann die Redaktion der Jahresbände und bereicherte sie durch eigene Beiträge.
- Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie: von Virchow herausgegebenes 1. Handbuch der Pathologie. Er verfasste u. a. ihre 371 Seiten lange Einleitung (1. Band, erschienen 1854) mit einem breiten Abriss der allgemeinen Pathophysiologie.
Daneben publizierte Virchow in verschiedenen anderen "Journals". Als er 1856 seinen Assistenten Haeckel mit Veröffentlichungen in der "Wiener Medizinischen Wochenschrift" beauftragte, kam es zu einer Auseinandersetzung mit der "jüngeren Wiener Schule", deren Hauptrepräsentant Rokitansky neben Virchow der berühmteste zeitgenössische Pathologe war.
Als Virchow 1856 seinen Assistenten Ernst Haeckel mit Publikationen in der "Wiener Medizinischen Wochenschrift" beauftragte, die naturgemäß dem Kreis um Rokitansky nahestand, reagierte die sog. "Jüngere Wiener Schule" gereizt.
Virchow war gerade dabei, den bisher dominierenden Pathologen, Karl von Rokitansky (1804-1878) abzulösen. Dieser war Inhaber des in Wien 1844 eingerichteten, ersten pathologischen Lehrstuhls im deutschen Sprachraum (Würzburg gründete den zweiten nur ein Jahr später). Zusammen mit dem Kliniker Skoda und Dermatologen von Hebra gehörte Rokitansky zum führenden Dreigestirn der um die Jahrhundertmitte berühmten sog. jüngeren Wiener Schule. Der von ihm ausgeweitete pathologische Unterricht im Sektionssaal bewirkte mittelbar in den Wiener Frauenkliniken den dramatischen Anstieg des Kindbettfiebers, dessen Ätiologie schließlich Semmelweis aufklärte. Als Virchow, der die Mehrzahl seiner Arbeiten in selbst herausgegebenen Publikationsorganen veröffentlichte, seine pathologischen Vorstellungen auch in der "Wiener Medizinische Wochenschrift" zu verbreiten begann, fühlte sich Rokitansky mit seiner Wiener Anhängerschar (im folgenden Zitat als Tschechen-Clique der sogenannten "Wiener Schule" apostrophiert) offenbar bedroht.
Virchows Assistent Ernst Haeckel beschrieb die Kontroverse anschaulich in einem Brief an seine Eltern vom 20.02.1856:
"Anfangs dieses Semesters machte mir Virchow den ehrenvollen Antrag, auserwählte Vorträge aus seinem demonstrativen Kursus (der pathologischen Anatomie unde Histologie), besonders über seltene Fälle und weniger bekannte Gegenstände, auszuarbeiten und nach Wien an die "Wiener Medizinische Wochenschrift" zu schicken, deren Redakteur Dr. Wittelshoefer ihn um öftere Einsendungen ersucht habe. Obgleich ich verschiedene Einwendungen (über Nichtfähigkeit, Zeitmangel usw.) dagegen machte und dadurch ihm auszuweichen suchte, drang er doch so in mich, dass ich mich ernstlich entschloss, die Sache zu versuchen. Es kamen auch bald zwei sehr merkwürdige Fälle von Typhus (Nervenfieber), welche sich vortrefflich dazu eigneten und bei deren Gelegenheit Virchow einen klassischen Vortrag über "die Beziehungen des Typhus zur Tuberkulose" hielt. Diesen arbeitete ich also aus und schickte ihn nach Wien. Er erschien in den beiden ersten Nummern dieses Jahrgangs (1856) der "Wiener Medizinischen Wochenschrift". Darauf erscheint - doch ich will hierüber meinen Redakteur selber reden lassen, der in einer Anmerkung zu dem einige Wochen später in Nr. 7 erschienenen zweiten Aufsatz "über Fibroid des Uterus" folgende Anmerkung macht:
"Wir müssen wiederholt bemerken, dass die unter obiger Aufschrift "Aus dem pathologisch-anatomischen Kurse des Professor Virchow in Würzburg" erscheinenden Artikel mit Zustimmung und unter Überwachung des Herrn Professor Virchow gearbeitet werden und dass sie teils selten interessante Fälle, teils solche Kapitel enthalten, die der berühmte Professor nicht veröffentlichte. - Wir haben eine gleiche Erklärung bereits vor 14 Tagen in der Voraussicht abgegeben, dass die niedrige Gehässigkeit der Tschechen-Clique der sogenannten "Wiener Schule" mit ihrem Schweifenanhange gegen uns mit der bekannten ordinären Verdächtigung hervortreten werde; - unsere Erklärung wurde nicht beachtet. Herr Heschl in Krakau, als Famulus der österreichischen Tschechen-Clique, übernahm es, in einem mit ungewohntem Zynismus ausgestatteten Schreiben an Herrn Haeckel, der in unseren Aufsätzen ausgesprochenen Ansicht Virchows in der "Zeitschrift für praktische Heilkunde" entgegen zu treten. Über den sachlichen Inhalt jenes Artikels abzuurteilen kömmt uns nicht zu, der Angegriffene selbst wird wissen, sein Recht zu wahren. Die perfide Verdächtigung aber, die dabei uns treffen sollte, müssen wir selbst beleuchten usw. usw."
Dies ist der kurze Sachverhalt! Virchow hat nun inzwischen eine Entgegnung gegen meine Angreifer geschrieben, welche wahrscheinlich in der nächsten Nummer zugleich mit meinem 3. Aufsatz über "Ovarien-Zystoide" erscheinen wird. Außerdem hat er es mir überlassen, mich noch speziell selbst zu verteidigen, wozu ich natürlich nicht die mindeste Lust habe, da ich doch noch ein gar zu junger Rekrut bin! Wie süß aber, für Virchow angegriffen zu werden!"
Persönliches
Mit seinem "scharfen und kalten Verstand" sowie "eisigen Enthusiasmus" war Virchow ein Forschertyp par excellence, viel weniger ein warmherziger akademischer Lehrer. Auch mangelte es seinem "festen, fast starren Charakter" an Humor oder gar Selbstironie. Seinen Kindern gegenüber zeigte er wohl mehr Strenge als Güte. Sehr häufig bekamen sie ihren Vater wegen seines gewaltigen Arbeitspensums jedoch nicht zu sehen.
Wenn Virchow auch keine persönliche Nähe zuließ und von seinen Studenten folgerichtig nur wenig geliebt wurde, so bewunderten und verehrten sie ihn um so mehr als hochinteressanten Lehrer und berühmten Forscher mit modernen politischen Auffassungen, zudem diese in vielen Punkten der herrschenden, restaurativen Politik zuwiderliefen und Gemeinsamkeiten mit den oppositionellen Strömungen der progressiven Burschenschaften erkennen ließen. Auch sein kämpferisches Engagement wirkte auf viele Zuhörer faszinierend.
Wie groß und fest seine Anhängerschaft war, zeigte sich 1852 anlässlich seiner Ablehnung eines Rufes nach Zürich, als ihn die nahezu vollzählig versammelten Würzburger Medizinstudenten aus Dank für sein Bleiben mit einem Fackelzug ehrten.
Virchows ungeheures Selbstvertrauen, mit dem er seine Anschauungen unbeirrt zu vertreten und durchzusetzen pflegte, grenzte an den Glauben der eigenen Unfehlbarkeit, weswegen er auch an seinen nicht eben seltenen Fehleinschätzungen trotz wachsender, gegenteiliger Evidenz unbelehrbar jahrzehntelang festhielt.
Obwohl Virchow Medizin studiert hatte, zeitlebens als Mediziner arbeitete und Wert auf Umgang mit Kranken legte, war er nicht der Typ des praktischen Arztes, sondern ein ausgesprochener Naturwissenschaftler, der nicht nur in der Pathologie brillierte, sondern darüber hinaus auch auf so unterschiedlichen Feldern wie Hygiene, Medizingeschichte und Anthropologie. Derselbe Mann, der als Prosektor Hunderte von Leichen sezierte, engagierte sich gleichzeitig mit großem Engagement in der Sozialpolitik, von seiner revolutionären Agitation 1848 über die Mitbegründung der liberalen Fortschrittspartei bis hin zur langjährigen Mitgliedschaft im preußischen Abgeordnetenhaus und leidenschaftlichen Opposition zur Politik von Ministerpräsident Bismarck. Während seiner Würzburger Jahre musste er sich jedoch aus der Politk heraushalten.
Virchows Würzburger Schüler und späterer Assistent Ernst Haeckel lernte seinen Lehrer im täglichen persönlichen Umgang gut kennen. Nach seinem 1. studentischen Jahr in Würzburg schilderte er in einem Brief an seine Eltern vom 16.11.1853 den preußischen Wissenschaftler als Prototyp eines objektiven, strengen, sachlich-nüchternen Geistes:
"Überall tritt in seinem ganzen Wort und Werk Dir der absolute Verstandesmensch mit klarer und schneidender Schärfe entgegen; tiefe Verachtung und höchst feinwitzige Verspottung Andersdenkender, religiöser Rationalismus oder noch mehr, politischer Radikalismus usw. (bekanntlich ist Virchow wegen seiner radikalen politischen Ansichten aus Berlin, wohin er sehr gern möchte, förmlich verbannt!), dabei außerordentliche Festigkeit des Charakters. Mich erinnert er mit seiner klaren logischen Schärfe, mit dem feinen, aber beißenden Witz, mit dem hohen Selbstbewusstsein oft sehr an Hiecke. In der Ausführung des Vortrags übertrifft er ihn fast noch. -"
Als Assistent hatte Haeckel mit Virchow noch engeren Umgang. In seinem Elternbrief vom 21.05.1856 beschrieb er die Beziehung zu seinem Chef als problematisch:
"Mit dem persönlichen Verhältnis zu dem Chef, jetzt der schwierigste Punkt, will sich´s noch immer nicht so recht machen! Es wird auch schwerlich anders werden, sicherlich niemals gemütlich. Wenn Virchow nur nicht so äußerst zurückhaltend wäre und so gar nichts von dem verlauten ließe, was er eigentlich will und meint. So hat er gegen mich z. B. auch noch nicht einmal ein Wort des Lobes oder des Tadels hören lassen, obwohl er, namentlich zu letzterm, reichliche Gelegenheit hatte. Alles sieht er so fabelhaft ruhig, ungerührt und objektiv passiv an, dass ich seine außerordentliche stoische Ruhe und Kaltblütigkeit täglich mehr bewundern lerne und bald ebenso hoch schätzen werde wie die außerordentlich klare Schärfe seines Geistes und den Überfluss seines Wissens. Wenn er meinem schäumenden Sprudelgeiste nur etwas davon abgeben könnte! Nun, mit der Zeit wird das schon werden! Jetzt bin ich wenigstens schon so weit gekommen, dass ich mir jeden Satz, den ich zu ihm sage, eine Viertelstunde lang überlege und ihn dann vor dem Aussprechen noch zehnmal im Munde herumdrehe. Schweigen werde ich dabei vortrefflich lernen! Der einfache Grund davon ist der, dass ich mir in der ersten Zeit, wo ich alle Gedanken so ungeniert herausplauderte, wie ich gewohnt bin, mir entweder das Maul so verbrannte, dass ich nachher wie mit kaltem Wasser begossen dastand, oder aber von ihm so ad absurdum geführt wurde, dass ich mir als der trivialste Wurm unter allen dummen Menschen vorkam. Die lohnendste Antwort, die ich bisher noch erlangen konnte, war nämlich, als ich ihm eine Idee vortrug, die ich über eine mikroskopische Beobachtung gefasst und von der ich mir Wunder was versprach. - "Ja", sagte Virchow mit seiner gewöhnlichen Ruhe, nachdem er mich angehört, "die Idee habe ich auch einmal in einer gewissen Periode meines Lebens gehabt!"
Am Ende dieses Briefes schlägt Haeckels Bewunderung von Virchows Charakter in Ambivalenz um:
"Wie oft habe ich schon dieser ruhigen, klaren, scharfen Größe gegenüber die kleinliche Alltäglichkeit meines unsteten ... Geistes verwünscht! ... Und doch gibt es Stunden, in denen ich nicht mit Virchow tauschen möchte. Kann Virchow wohl je so eines entzückenden Genusses sich erfreuen wie ich ihn so oft in meiner subjektiven Naturbetrachtung, sei es einer schönen Landschaft oder eines allerliebsten Tierchens oder einer niedlichen Pflanze genieße? Sicher nicht! Auch müsste es schrecklich auf der Welt sein, wenn alle Männer so nüchtern und verständig wären ...“
Bezüglich der Unfähigkeit zur „subjektiven Naturbetrachtung“ hätte Virchows Familie, insbesondere seine kleine Tochter, dem Assistenten Haeckel widersprochen: Ihr Vater schrieb ihr wunderbar zarte Briefe über Blumen...
Virchows ungeheurer Schaffensdrang
Virchows Vater Carl legte größten Wert auf die sorgfältige Erziehung seines Sohnes, der früh außergewöhnliche Talente zeigte. Er förderte ihn, wo er konnte, und legte so die Grundlage für den Aufstieg Rudolfs an die Spitze der deutschen Wissenschaft.
Anders als in Berlin, wo er auch als Sozialmediziner, Anthropologe und nicht zuletzt als Politiker in Erscheinung trat, konzentrierte sich Virchow während seiner Würzburger Jahre ganz auf die Pathologie, wobei er ein gewaltiges Arbeitspensum absolvierte, ermöglicht durch eine Kombination dreier ungewöhnlichen Eigenschaften, von denen jede für sich schon außergewöhnliche Produktivität garantiert:
- Ungeheure Motivation: von ihm selbst als "heißen Drang zur schaffenden Tätigkeit" beschrieben
- Minimales Schlafbedürfnis: In Virchows Arbeitszimmer brannte das Licht gewöhnlich bis um 3 Uhr, obwohl der Unermüdliche frühmorgens aufzustehen pflegte.
- Rasche Ausdrucksfähigkeit: Davon profitierte er gleichermaßen als Referent wie Autor.
Virchows Würzburger Tätigkeit gliedert sich in 5 Hauptaktivitäten:
- Institut: Als Prosektor seziert Virchow während seiner 7 Jahre in Würzburg fast 1000 Leichen. Außerdem betreut er die von seinem Amtsvorgänger Mohr übernommene pathologisch-anatomische Präparatesammlung.
- Lehre: Als Professor ist Virchow auch für die Lehre der Pathologie zuständig. Zu seinen Hauptveranstaltungen zählte neben der Pathologievorlesung der berühmte Mikroskopierkurs sowie jedes Semester eine Vorlesung über ein allgemein interessierendes Thema, z. B. kontagiöse oder angeborene Krankheiten.
- Forschung: Die Zahl seiner Forschungsthemen ist beeindruckend lang; alle Würzburger Publikationen übereinander gelegt ergeben einen Stapel von 3.000 Druckseiten
- Editor: Virchow engagiert sich als Herausgeber mehrerer Publikationsorgane, in denen der überwiegende Anteil seiner zahlreichen eigenen Arbeiten erscheint.
- Gesellschaft: Virchow war die treibende Kraft der "Physikalische-Medicinische Gesellschaft".
Das Arbeitszimmer des Arbeitswütigen beschrieb sein Assistent Haeckel als „kleines, einfenstriges Stübchen, in welchem es so kunterbunt mystisch und genial liederlich aussieht, dass eine Hexenküche oder, besser, das Laboratorium eines mittelalterlichen Alchimisten, auch nur eine schwache Vorstellung davon geben kann.“
Familienleben
Virchow war im November 1849 von Berlin nach Würzburg gewechselt. Seine Verlobte Rose Mayer blieb bis zu ihrer Hochzeit im August 1850 in Berlin und folgte ihrem Mann erst danach an den Main. Ihre erste gemeinsame Wohnung war in der Eichhorngasse nicht weit vom Pathologischen Institut; kurze Zeit später bezogen sie eine größere Wohnung in der Nähe der Residenz. Nach Einstellung von Nachwuchs und Virchows Gehaltserhöhung 1852 leisteten sie sich zusätzlich eine Sommerwohnung im benachbarten, ebenfalls im Maintal gelegenen Veitshöchheim in der Nähe des fürstbischöflichen Barockparks.
Von ihren insgesamt 6 Kindern kamen 3 in Würzburg zur Welt: 1851 August, 1852 Hanna und 1855 Adele. Als Vater scheint Virchow ziemlich streng gewesen zu sein. Am Ende einer Schiffahrt, welche die Familie mainabwärts über Frankfurt bis nach Heidelberg führte, hielt es der Familienvater für erforderlich, die unter der ausgelassenen Ferienstimmung offenbar gelittene preußische Disziplin wieder herzustellen bzw. "den Gehorsam durch fühlbare Strenge wieder herzustellen".
Angesichts seines gewaltigen Arbeitspensums hatte Virchow jedoch relativ wenig Zeit für seine Familie, worunter wohl nicht nur seine Frau Rose litt.
Virchow hat seine zukünftige Frau Rose (1832-1913), liebevoll "Röschen" genannt, 1847 in Berlin kennengelernt, als er häufig ihren Vater, Prof. Carl Mayer, den Vorsitzenden der Berliner Gesellschaft für Geburtshilfe, besuchte, um über die politischen und philosophischen Fragen der März-Revolution zu diskutieren.
Vor seinem Umzug nach Würzburg (November 1849) verlobte sich Virchow mit Rose. Auf Wunsch des Brautvaters wurde vor der Hochzeit eine halbjährige Bewährungsphase eingelegt, währenddessen Rose in Berlin wartete. Nach ihrer Heirat Mitte 1850 in Berlin folgte Rose ihrem Mann an den Main.
Ihre Hochzeitsreise führte das Paar in die Schweiz, wo sich Virchow für die Bergwelt des Berner Oberlandes (Eiger, Mönch und Jungfrau) begeisterte. Da sein weniger robustes "Röschen" leicht außer Atem geriet, setzte er sie bei langen Bergwanderungen aufs Pferd. Sein Besuch im berühmten eidgenössische Kretinenhospital - diese Gelegenheit ließ er sich auch in den Flitterwochen nicht entgehen - intensivierte sein Interesse am Kretinismus, den er, nach Würzburg zurückgekehrt, gründlich erforschte und in seiner Arbeit über die Verbreitung des Kretinismus in Unterfranken ausführlich beschrieb.
Rudolf und Rose Virchow hatten sechs Kinder; drei davon kamen in Würzburg zur Welt. Darüber hinaus sind die Informationen über ihre Ehe spärlich. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sie keine gleichberechtigte Partnerschaft im modernen Sinne führten. Vielmehr dürfte der ehrgeizige und selbstbewusste Professor seiner jungen Frau gegenüber - sie war bei der Hochzeit 18 - die Rolle eines ebenso liebevollen wie dominanten Familienpatriarchen gespielt haben, der sich mehr seiner Forschung widmete als seiner Familie.
Von ihrer Berliner Umgebung getrennt und ihrem arbeitswütigen Gatten vernachlässigt, hatte es Rose im fremden Würzburg schwer. Außerdem neigte sie zur Melancholie und kränkelte häufig. Zu ihren Schwierigkeiten trug auch die Abneigung ihres Schwiegervaters bei, der in seinen Briefen aus seiner Abneigung ihr gegenüber keinen Hehl machte. Rudolf tat sein bestes, um zwischen ihnen zu vermitteln, scheint jedoch im Konflikt zwischen Vater- und Gattenliebe nicht eindeutig genug Partei für seine Frau ergriffen zu haben.
Die gedrückte Athmosphäre - "Rose weint viel" meldete Virchow seinem boshaften Vater - besserte sich nach Einstellung von Nachwuchs, der nicht nur Roses Vereinsamung beendete, sondern auch einen positiven Einfluss auf die Einstellung ihres Schwiegervaters hatte, der nun dazu überging, die Familie mit fetten Gänsebrüsten aus der pommerschen Heimat zu verwöhnen.
Ihre größte Urlaubsreise führte die Familie 1854 für 4 Wochen in Virchows Heimat nach Pommern, wo sie sich, nach dem Besuch seiner Eltern im ostpommerschen Schievelbein, im Ostseebad Midroy erholte. Man reiste mit der Bahn, nachdem die Strecke von Würzburg nach Schweinfurt gerade fertiggestellt worden war und somit erstmalig eine direkte Bahnverbindung nach Pommern bestand. Der Professor nutzte die Ferien zur Untersuchung des Bindegewebes von Meeresquallen mit seinem Reisemikroskop und zu anderen histologischen Studien. Außerdem verfasste er einen umfänglichen Reiseführer für die pommerschen Ostseebäder mit Ratschlägen zum medizinisch richtigen Baden. Auch im Urlaub bekam die leidgeprüfte Familie ihren rastlosen Vater wohl nur selten zu Gesicht.
Virchows Einstellung zu Religion und Kirche
Anders als in Berlin, wo Virchow gegen staatliche Repression kämpfte, kritisierte der nominelle Protestant und faktische Atheist im katholischen Würzburg den großen staatlichen Einfluss der Kirche. Obwohl mächtige kirchliche Medien seiner Meinung nach „ihre Angriffe von der atheistischen medizinischen Fakultät allmählich auf die ganze Universität übertragen, so dass der Rektor kürzlich den Staatsanwalt zur gerichtlichen Verfolgung aufgefordert hat“, scheute er sich nicht vor Provokation katholischer Theologen.
- Seine Aussage gegenüber einem Würzburger Theologieprofessor entwickelte sich später zum geflügelten Wort: „Ich habe Tausende von Leichen seziert, aber keine Seele darin gefunden.“
- Während der Sezierübungen fragte er seine Studenten gelegentlich: "Herr Kandidat, haben Sie schon einmal beim Präparieren eine Seele gefunden?"
- Einem jungen Kollegen soll er den guten Rat gegeben haben: "Denken Sie nie über Dinge nach, zu deren Erforschung das menschliche Hirn absolut nicht genügend ausgebildet ist!"
Nach Virchows Entschluss zur Rückkehr nach Berlin fand am 19.07.1856 ihm zu Ehren in Würzburg eine große akademische Abschiedsfeier statt, auf der ein orthodoxer Katholik, den die antiklerikale Einstellung des liberalen Berliners schon lange geärgert hatte, Virchow ein letztes Mal zu provozieren suchte.
Virchows Doktorand und Assistent Ernst Haeckel schilderte seinen Eltern in einem Brief vom 21.07.1856 den Vorfall:
"Von den geladenen Gästen, nämlich sämtliche Professoren der Universität, waren nur etwa die Hälfte da, darunter jedoch einer, dessen Anwesenheit uns furchbar ärgerte und wirklich ein Meisterstück von Frechheit und Unverschämtheit war. Es war dies ein Professor der Mathematik, Mayr, ursprünglich Jesuitenschüler und katholischer Pfaff, der nicht nur Virchow und Kölliker wegen Entweihung der Sonntagsfeier öfter denunziert hatte, sondern auch sonst in der schuftigsten Weise als geheimer und öffentlicher Feind derselben aufgetreten war. Dieser infame Kerl hatte nun die Frechheit, sich Virchow grade gegenüber zu setzen, obgleich ich ihm zweimal zurief, dass dieser Platz reserviert sei. Das war denn doch zu toll, und ich organisierte eine förmliche Kabale gegen ihn, durch die ich ihn auch glücklich bald entfernte. Zuerst stellte ich mich mit mehreren Bekannten unmittelbar vor ihn hin, als er im Saal umherging, und brachte ein lautes Pereat auf die Jesuiten und Ultramontanen, die Männer der Lüge und des Scheins, aus. Dies brachte ihn schon ganz in Wut und außer Fassung, noch mehr aber die Reden, welche ihm zwei Bekannte, die sich neben ihn setzen mussten, über Virchows Verdienste um Freiheit und Liberalismus des Denkens und Glaubens, usw. halten mussten. Er drückte sich schleunigst infolgedessen, worauf ich ihm aus dem Torweg noch nachrief, dass es allerdings sehr passend wäre, wenn die ultramontanen Spione sich beizeiten drückten."
Rückkehr nach Berlin
Nach sieben Jahren in Würzburg kehrte Rudolf Virchow 1856 wieder an seine alte Wirkungsstätte in der Berliner Charite zurück. Im Anschluss an den Tod des Pathologen Meckel im Januar 1856 setzte ein regelrechter Wettlauf um die vakante Professur ein. Neben Virchow zählten Robert Remak (1815-1865) und der später berühmte Chirurg Theodor Billroth (1829-1895) zu den aussichtsreichsten Bewerbern.
Als ehemaliger Aktivist der März-Revolution von 1848 war Virchow im preußischen Kultusministerium zwar nicht in bester Erinnerung. Dank seiner Zellularpathologie war er jedoch mittlerweile so berühmt, dass er siegreich aus dem Wettlauf hervorging. Das großzügige Stellenangebot von Fakultät und Ministerium kombinierte den Lehrauftrag für Pathologie mit der Prosektur (Einheit von Theorie und Praxis), einem angemessenen Gehalt (mehr als doppelt so hoch wie in Würzburg) und dem Versprechen des Neubaus eines eigenen Instituts.
Darüberhinaus bewogen Virchow folgende Gründe zur Rückkehr:
- Mit der Konzeption der Zellularpathologie hatte er seine pathologische Forschung zum krönenden Abschluss gebracht. Was er jetzt brauchte, war eine große Bühne zu ihrer Verkündung. Dafür eignete sich die kommende Weltstadt Berlin besser als die Würzburger Provinz.
- Dem Atheisten bzw. nominellen Protestanten war die Aussicht unbehaglich, dass seine nun schulpflichtig werdenden Kinder in einer Würzburger Schule katholisch erzogen würden.
- Den Wahlberliner plagte Heimweh. Nach Aussage eines Assistenten fühlte er sich in Würzburg „förmlich verbannt“.
Dem gegenüber waren die Bemühungen seiner Würzburger Kollegen, ihn am Main zu halten, zum Scheitern verurteilt. Das Münchener Ministerium verlieh dem Ausländer aus Preußen sogar den bayerischen Verdienstorden. Zu Virchows großer Abschiedsparty im Juli 1856 kamen ca. 150 Kollegen.
Virchow wurde in Würzburg von seinen Kollegen und Schülern am 09.07.1856 mit einem großen Fest verabschiedet, welches sein Assistent Ernst Haeckel besuchte und in einem Brief an die Eltern vom 21.07.1856 wie folgt beschrieb:
"Am Sonnabend, 19.07. abends, gaben wir, d. h. eine Auswahl von 120 Medizinern, Virchow das feierliche Abschiedsfest, ein grand Souper mit Bier im "Englischen Garten". Da es bald im Freien zu kühl wurde, mussten wir hineingehen und das feierliche Abendessen in den sehr hübsch dekorierten Sälen begehen. Als Virchow um halb sieben Uhr kam, wurde er mit feierlichem Tusch von den Musikern und Hurra von uns empfangen. Dann hielt Beckmann, als Präsident des Festkomitees, eine außerordentlich schöne, herzliche und tiefdurchdachte Rede, nach welcher er ihm unser Festgeschenk, einen sehr schönen, prachtvollen, silbernen Pokal, von Strube in Leipzig für 130 Taler gearbeitet, überreichte.
Virchow war sehr überrascht, erfreut und, soviel es sein kalter Verstand zulässt, selbst gerührt. Er antwortete und dankte in einer sehr langen und vortrefflichen Rede, in welcher er uns sein ganzes wissenschaftliches und damit zugleich auch politisches und religiöses Glaubensbekenntnis auseinandersetzte, sehr offen, wahr und liberal, und deshalb von uns mit Begeisterung aufgenommen. Virchow wies namentlich darauf hin, wie sein ganzes wissenschaftliches und menschliches Streben und Denken, Dichten und Trachten einzig und allein der rücksichtslosen, unbedeckten Wahrheit, ihrer vorurteilsfreien Erkenntnis und unveränderten Verbreitung gelte; wie er in dem konsequenten Streben nach diesem einen Ziel seine einzige Befriedigung finde, sich dadurch viel Feinde, aber auch tüchtige und edle Freunde und Schüler erwerbe, und wie er diesen Weg der rücksichtslosen, lautern Wahrheit stets verfolgen werde, auch in Zukunft, unbeirrt von allen Anfeindungen. Dann ermunterte er uns, immer in unserm Streben zu beharren, da die studierende Jugend, und insbesondere die medizinische... das einzige kernhafte Element sei, aus dem sich immer wieder ein guter Stamm deutscher Männer voll Wahrheit und Kraft rekrutieren könne. Dazu ermahnte er uns, immer mehr alle Vorurteile abzulegen, mit denen wir leider von Kind auf an so vollgestopft werden, und die Dinge so einfach und natürlich anzusehen, wie sie sind. Er schloss mit einer Schilderung seiner ganzen bisherigen Laufbahn und hob namentlich hervor, wieviel er Würzburg verdanke, weshalb ihm dies teuer war und ihm immer lieb und wert sein werde.
Beckmanns Rede gefiel mir eigentlich noch besser, da er nicht nur die Verstandesseite berücksichtigte und Virchows glänzende Verdienste um die Wissenschaft sehr hübsch hervorhob, sondern auch dem Gemüt sein Recht ließ und mit Wärme den großen Einfluss dartat, den sich Virchow zugleich um unsere rein menschliche Ausbildung erworben."
Auch der dritte Ruf an die Universität Zürich verhallte ungehört.
Am 6. Oktober 1856 reiste Virchow mit der Bahn von Würzburg nach Berlin, wo er in den folgenden 46 Jahren eine herausragende Rolle in Medizin, Anthropologie und Politik spielen sollte.
Laudatio Köllikers auf Virchow
Kurz nach Virchows Rückkehr nach Berlin 1856 würdigte der Würzburger Anatom Albert Kölliker die Verdienste von Virchow um die "Physikalisch-Medicinische Gesellschaft". Er führte aus, Virchow
"habe es verstanden, den Medizinern den wahren Wert der pathologischen Anatomie als der Basis ihrer ganzen Wissenschaft "zu vermitteln und sie davon zu überzeugen, "dass die Lehre von den krankhaften Veränderungen des Körpers nur dann wissenschaftliche und praktische Bedeutung hat, wenn sie zur Lebens- und Entwicklungsgeschichte derselben wird und die Prozesse von ihrem ersten Werden an durch alle Umbildungen bis zu ihrem letzten Ende verfolgt".
Weiter führte Kölliker in seiner Laudatio auf Virchow aus:
"Eine Prüfung hat uns auch in diesem Jahre betroffen, der Verlust unseres Virchow, der in diesem Herbste Würzburg verließ. Ich nenne ihn mit Bewusstsein und Stolz den Unseren. Ist doch gerade Würzburg und vor allem unsere Gesellschaft, der er fast vom Momente ihrer Gründung an gehörte, die Stätte gewesen, wo er eigentlich erst zu dem sich entfaltete, was er jetzt ist, und dürfen wir uns das Zeugnis geben, ihn von Anfgang an in seinem hohen Werte erkannt und - jeder nach seinen Kräften - seine Bestrebungen gefördert zu haben. Und damit niemand hierüber in Zweifel sei, so erlauben Sie mir, Ihnen hier das Wort zurückzurufen, das unser Freund bei der festlichen Zusammenkunft am 9. August, als wir zum letzten Male als Ganzes ihm gegenüberstanden, als Abschiedsgruß uns darbot: Er habe viel von uns gelernt. Hat Virchow von uns gelernt, so verdanken wir ihm noch weit mehr und ist sicherlich keiner unter Ihnen, der nicht bereit wäre, dies jederzeit offen und kräftig zu bekennen ... Ein solches Glied zu verlieren, das war für uns ein harter Schlag, umso mehr, da Virchow auch derjenige war, der den Gedanken, dass unsere Gesellschaft auch nach außen einen Wirkungskreis sich anbahnen müsse, mit der größten Begeisterung erfasst und denselben am eifrigsten gelebt hat, und wird es nicht gewöhnlicher Anstrengungen und Opfer bedürfen, um den großen uns treffenden Verlust auch nur einigermaßen zu ersetzen."
Schüler und Nachfolger Virchows in Würzburg
Virchows Bedeutung ist auch an der großen Zahl seiner Würzburger Schüler ablesbar, von denen nicht weniger als 50 bekannt oder sogar berühmt wurden, u. a.:
- Pathologen: Klebs, Eberth, Rindfleisch
- Anatomen: His, Gegenbauer, Czermak, Häckel, Goll, Grohe
- Kliniker: Kussmaul, Friedreich, Ziemsen, Gerhardt, Biermer
- Ethnographen: Bastian, Rohlfs, Nachtigal, Semper
Nach Virchows Weggang 1856 wurde der vakante Lehrstuhl zunächst zwei Jahre kommissarisch von Nicolaus Friedreich vertreten, danach sieben Jahre lang von August Förster. Ab 1865 berief Dekan Franz Rinecker, schon 1849 die treibende Kraft bei Virchows Berufung nach Würzburg, drei seiner Schüler nacheinander auf dessen ehemaligen Lehrstuhl. Sie sorgten dafür, dass der Geist ihres Lehrers bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Würzburger Pathologieinstitut präsent blieb.
- Friedrich von Recklinghausen, Direktor 1865-1872, hatte bei Virchow in Würzburg studiert und war anschließend in Berlin sechs Jahre lang sein 1. Assistent
- Edwin Klebs, Direktor 1872-1873, zählt ebenfalls zu Virchows Würzburger Studenten und späteren Berliner Assistenten
- Eduard von Rindfleisch, Direktor 1874-1906, war in Berlin Virchows Doktorand und Assistent.
Quellen
An Quellen zu Virchows Schaffen in Würzburg herrscht kein Mangel. Seine eigenen Würzburger Publikationen umfassen ungefähr 3.000 Druckseiten. Unter der Sekundärliteratur zu diesem Thema ragen die Briefe des Virchow-Schülers Ernst Haeckel hervor, die den Würzburger Universitätsbetrieb zur Zeit Virchows und dessen Charakter und rastloses Wirken lebendig und anschaulich schildern. Auch Virchows eigene Briefe an seine Eltern in Schievelbein (Ostpommern) sind aufschlussreich. Mehrere Vorlesungsmitschriften gewähren einen präzisen Einblick in seine akademische Lehre.
Primärliteratur
- Briefe an die Eltern: Über seine persönlichen Erfahrungen in Würzburg berichtete er seinem Vater.
- Sektionsprotokolle: Alle 7 Bücher mit handgeschriebenen Protokollen von fast 1.000 Sektionen blieben erhalten.
- Publikationen: Virchows zahlreiche Würzburger Veröffentlichungen erschienen überwiegend in von ihm selbst herausgegebenen Publikationsorganen.
Sekundärliteratur
- Vorlesungsmitschriften: Insgesamt 14 Mitschriften erlauben eine genaue Rekonstruktion der Entwicklung seiner akademischen Lehre
- Haeckel-Briefe: Die Briefe des Virchow-Schülers und späteren Assistenten Ernst Haeckel beschreiben am anschaulichsten Charakter und Tätigkeit seines Lehrers in Würzburg
Über Virchow in Würzburg gibt es viele Quellen. Keine jedoch schildert Leben und Wirken des Pathologen so lebendig und anschaulich wie der später berühmte Zoologe Ernst Haeckel in seinen zahlreichen Studentenbriefen aus Würzburg an die Eltern in Berlin.
Haeckel kam 3 Jahre nach Virchow im Herbst 1852 nach Würzburg, um dort bis zu Virchows Rückgang nach Berlin im Herbst 1856 Medizin zu studieren, unterbrochen von 1 Jahr Zoologiestudium in Berlin (Ostern 1854 bis Ostern 1855). Zu Haeckels wichtigsten Würzburger Lehrern gehörte neben Virchow vor allem Albert Kölliker, der sein embryologisches Interesse förderte, das später in der Formulierung des berühmten sog. ontogenetischen Grundgesetzes - die Ontogenese ist die Rekapitulation der Phylogenese - seine Krönung fand.
Nachdem Haeckel den berühmten Virchow als Medizinstudent kennengelernt hat, akzeptiert ihn dieser im Sommersemester 1856 als Doktorand und machte ihn zu seinem Sektionsassistenten.
Tertiärliteratur
Die Literatur über Virchow in Würzburg ist unübersehbar groß. Zu ihren wichtigsten Werken gehören u. a.:
- Virchow-Biographie von Erwin Heinz Ackerknecht (1957)
- Virchow-Biographie von Manfred Vasold (1988)
- Virchow-Biographie von Heinrich Schipperges (1994)
- Virchow-Biographie von Christian Andree (2002)
- Publikationen von Hans-Werner Altmann, ehemaliger Direktor des Pathologischen Instituts der Universität Würzburg