Geschichte
Geschichte des Würzburger Instituts für Pathologie
Das Pathologische Institut der Universität Würzburg besitzt heute als Referenzzentrum für Lymphknotenpathologie internationale Bedeutung. Damit setzt es eine lange, über 150-jährige Tradition fort, die 1845 - in früher Erkenntnis der Bedeutung der Pathologie für eine naturwissenschaftlich fundierte Medizin - mit der Gründung des 1. Lehrstuhls für pathologische Anatomie in Deutschland begann und schon 15 Jahre später unter dem 2. Lehrstuhlinhaber Rudolf Virchow (1849-1856) einen Höhepunkt mit weltweiter Resonanz fand.
Die Gründung des Lehrstuhls im Jahre 1845
Dass 1845 in Würzburg der zweite Lehrstuhl für anatomische Pathologie im deutschsprachigen Raum gegründet wurde - Wien hatte unter Führung von Karl Rokitansky (1804-1878), des damals berühmtesten Pathologen, ein Jahr vorher den Anfang gemacht - war kein Zufall. Vielmehr handelte es sich um den logischen Abschluss einer zielführenden Vorgeschichte, in der sich zwei unterschiedliche Entwicklungslinien gegenseitig förderten und verstärkten: die alte, fürstbischöfliche Bestattungstradition, welche die Bevölkerung mit der anatomischen Zergliderungskunst des menschlichen Körpers vertraut gemacht hatte, sowie die aufstrebende klinische Medizin, in der sich lokalisatorische Konzepte für die Krankheitsentstehung durchsetzten.
Schon die Würzburger Fürstbischöfe wurden seit Jahrhunderten gewohnheitsmäßig von Ärzten obduziert, genauer gesagt für spezielle Bestattungstraditionen exenteriert. Dabei wurden Leichenteile an drei verschiedenen Orten bestattet: die Eingeweide in der Kapelle auf dem Marienburg, das Herz im nahegelegenen Kloster Ebrach, der Rest der Leiche dagegen im Würzburger Dom, wobei die Transporte der Leichenteile zu ihrem letzten Ruheort aufwendig inszenierte öffentliche Rituale waren.
Die veröffentlichten, lateinisch abgefassten Sektionsberichte - sie blieben seit Ende des 17. Jahrhunderts nahezu vollständig erhalten - protokollierten gewissenhaft pathologische Veränderungen der sterblichen Überreste der fürstbischöflichen Hochwürden. Auf diesem Wege gewöhnte sich die Bevölkerung an die Leichenschau. Was für die sterblichen Überreste der höchsten weltlichen und geistlichen Herren recht war, konnte dem kleinen Mann nur billig sein. So unterblieb in Würzburg der anderenorts verbreitete Widerstand gegen Sektionen.
Da Anatomie und Pathologie zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch vereint waren, führten die Bestrebungen der jungen Pathologen nach mehr Selbständigkeit zu Spannungen mit der alten Mutter Anatomie, die sich damals viel mehr für vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte interessierte. Symptomatisch dafür waren die klinischen Prosektoren wie z. B. Franz Caspar Hesselbach, der sich lange Jahre mit dem Anatomieordinarius Iganz Döllinger um die Verteilung der Zuständigkeiten stritt und ihm 1811 die Vorlesung über Pathologie abnahm. Unter Hesselbachs Nachfolger als Prosektor, seinem Sohn Adam, ging der Konflikt mit den Anatomen weiter.
Die in Würzburg vor allem von den Klinikern unter wesentlicher Beteilung von Johann Lukas Schönlein und Franz von Rinecker forcierte Entwicklung zur Institutionalisierung der Pathologie als eigenständiges Fach gelangte 1845 ans Ziel, nachdem der Widerstand der Anatomie, unter deren Obhut die "pathologische Anatomie" bisher ein abhängiges Dasein gefristet hatte, gebrochen worden war. Insbesondere hatte sich der seinerzeitige Anatomieordinarius Martin Münz (1779-1849) gegen die drohende und 1845 dann erfolgende Abspaltung und Verselbständigung der Pathologie von seinem Fach nach Kräften gesträubt.
In der medizinischen Fakultät stand er jedoch gegenüber den an der Pathologie interessierten Klinikern auf verlorenem Post. Der Dekan der medizinischen Fakultät, Marcus, begründete den Wunsch seiner Kollegen nach einer selbständigen Pathologie wie folgt:
"Unter den einzelnen Zweigen der medizinischen Wissenschaft hat sich im Lauf der Zeit besonders die pathologische Anatomie zu einer solchen Vollständigkeit erweitert, dass sie nicht mehr als ein einzelner Zweig der Anatomie im allgemeinen erscheint, sondern durch ihre Selbständigkeit und durch ihren mächtigen Einfluss auf die praktische Medizin alle Kräfte eines Mannes in Anspruch nimmt ...".
Die Klinik als Schrittmacher bei der Etablierung der Pathologie in Würzburg
Neben der anatomischen Zergliederungskunst des menschlichen Körpers hat die Pathologie jedoch noch eine andere Wurzel - die klinische Medizin. Ziel der Pathologie ist die Entdeckung von Korrelationen zwischen klinischen Symptomen und Befunden der Autopsie. Es wurde von Giovanni Morgagni 1761 in seiner berühmten Abhandlung über "De sedibus et causibus morborum" (Über Sitz und Ursachen der Krankheiten) medizingeschichtlich wirksam definiert. Es dauerte dann aber noch fast 100 Jahre, bis an den medizinischen Hochschulen eigenständige Lehrstühle für Pathologie entstanden. In Würzburg vollzog sich diese Entwicklung wie folgt:
- Im Geiste Morgagnis wurden in Würzburg schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts regelmäßig gezielt Obduktionen der im städtischen Juliusspital gestorbenen Patienten vorgenommen.
- Carl Caspar von Siebold (1736-1807), Professor für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe, nahm regelmäßig Sektionen in Anwesenheit von Studenten vor und führte anatomische Sezierübungen für angehende Chirurgen in den Unterricht ein. Er gab entscheidende Anstöße zur Entwicklung der Pathologie an der Würzburger Universitätsklinik.
- Franz Caspar Hesselbach (1759-1816) wurde als abgebrochener Gymnasiast von Siebold als Sektionsgehilfe engagiert und 1783 zum Prosektor befördert. Er gewann bald eigenes Gewicht, indem er ab 1799 selbständig klinische Präparierübungen und Obduktionen leitete und kurze Zeit später eigene Vorlesungen hielt. Im Bewusstsein seiner Verdienste - dafür wurde ihm 1807 der Ehrendoktortitel von der Fakultät verliehen - strebte er nach Unabhängigkeit von der Anatomie, der er trotz enger Beziehungen zur Klinik aus historischen Gründen nach wie vor unterstand.
- Barthel von Siebold (1764-1814) trat in die Fußstapfen seines Vaters Carl Caspar, zuerst als Anatom (1797-1803), dann als Chirurg (1803-1814). Er hielt in Würzburg als erster Vorlesungen über pathologische Anatomie.
- Lucas Schönlein (1793-1864) war der erste, der sich in Würzburg in pathologischer Anatomie habilitierte (1817). Dank seiner fortschrittlichen Auffassung nahm die Würzburger Fakultät einen großen Aufschwung. Auch als berühmter Kliniker hielt er gelegentlich Vorlesungen über pathologische Anatomie, bis er 1833, als restaurative Kräfte in Bayern die Oberhand gewannen, wegen drohender Kerkerhaft aus Würzburg fliehen musste. Über Zürich gelangte er schließlich nach Berlin, wo er an der Charite einer der klinischen Lehrer des jungen Virchow wurde, der die Würzburger Pathologie bald zu ungeahnten Höhen führen sollte.
Ehemalige Vorstände
In den Jahren seit Gründung des Instituts erlebte die Würzburger Pathologie 14 Direktoren sowie drei kommissarische Leiter. Während letztere jeweils nach etwa zwei Jahren abgelöst wurden, betrug die durchschnittliche Amtszeit der 13 berufenen und emeritierten Vorstände zwölf Jahre.
Weitaus am längsten wirkte Rindfleisch mit 32 Jahren; ihm folgen mit 26 bzw. 25 Amtsjahren die beiden unmittelbaren Vorgänger des gegenwärtigen Amtsinhabers, Altmann und Müller-Hermelink. Zusammen mit Schmidt, der das Institut 21 Jahre lang führte, bringen es die vier genannten Vorstände auf über 100 Amtsjahre, d. h. fast 2/3 der seit der Institutsgründung 1845 vergangenen Zeitspanne.
- 1809: geboren
- 1838: Habilitation in Würzburg
- 1842: Extraordinariat für pathologische Anatomie
- 1845 Ruf auf den Würzburger Lehrstuhl für Pathologie
- 1848: Tod an Lungentuberkulos
Bernhard Mohr (1809-1848) war erster Inhaber des 1845 in Würzburg neugegründeten Lehrstuhls für pathologische Anatomie, des zweiten derartigen Lehrstuhls im deutschen Sprachraum nach Wien.
Mohr war ein Schüler des Klinikers Schönlein. Er begann seine Karriere als klinischer Obduzent. Nach seiner Habilitation in pathologischer Anatomie 1838 musste er sich den Unterricht in diesem Fach mit dem Anatomieordinarius Martin Münz teilen; ab Sommersemester 1841 war er dann allein dafür zuständig.
Indem er erstmalig Sektionsprotokolle zusammen mit den dazugehörigen Krankengeschichten im Geiste Morgagnis publizierte (1838-1840), überzeugte er die Würzburger Kliniker vom Nutzen der Pathologie. Dank ihrer zähen Lobbyarbeit wurde er 1842 außerordentlicher Professor für die Leitung der pathologischen Leichensektion. Auch danach ließ die Medizinische Fakultät nicht locker und beantragte beim Ministerium für Mohr das Ordinariat in seinem Fach. Nach einem schwierigen, sich jahrelang hinziehenden Ernennungsprozess, in dem auch der zähe Widerstand des Anatomieordinarius Martin Münz (1779-1849) gegen die Abspaltung und Verselbständigung der Pathologie zu überwinden war, wurde Bernhard Mohr schließlich mit Wirkung zum 01.11.1845 zum 1. ordentlichen Professor der pathologischen Anatomie in Würzburg ernannt.
Wie mehrere Gutachten seiner Kollegen von der Medizinischen Klinik aus dem Berufungsverfahren beweisen, war Bernhard Mohr dort in hohem Maße anerkannt. Besonderer Wertschätzung erfreuten sich seine Vorlesungen zur Pathologie. Deswegen sahen die Förderer des jungen Institutspflänzchens besorgt in die Zukunft, als Mohr nach nur dreijähriger Amtszeit schon 1848 im Alter von 39 Jahren an Lungentuberkulose starb. Ihre Sorgen sollten sich jedoch als unbegründet erweisen. Mohrs Nachfolger wurde Rudolf Virchow.
1821: geboren in Schivelbein in Hinterpommern
1840: Beginn des Medizinstudiums in Berlin an der Pepiniere (militärärztliche Akademie)
1843: Dissertation über "de rheumate praesertim corneae" ("Doktorvater" Johannes Müller)
1844-1846: Assistenzarzt an der Charite in Berlin
1846-1849: Leiter der Prosektur der Charite
1847: Habilitation über "de ossificatione pathologica", Privatdozent
1847: Gründung des "Archiv für pathologische Anatomie ..."
1848: Reise nach Oberschlesien zur Aufklärung der dortigen Typhusepidemie
1848: Kampf um politische Reformen während der Märzrevolution, Amtsenthebung als Prosektor
1849-1856: Pathologieprofessur in Würzburg, die "7 fetten Jahre"
1856: Rückkehr nach Berlin an die Charite auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Pathologie
1858: Publikation der "Zellularpathologie"
1860-1901: langjährges Mitglied der Berliner Stadtverordenetenversammlung, des preußischen Landtags sowie des deutschen Reichstags
1861: Gründungsmitglied der Deutschen Fortschrittspartei
1863: Vorlesungen über "die krankhaften Geschwülste"
1865: zum Duell herausgefordert (abgelehnt) vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck
Rudolf Virchow (1821–1902) zählt wegen seiner Begründung der Zellularpathologie zu den größten Medizinern der Geschichte. Zwischen seinen frühen und späteren Jahren an der Berliner Charite leitete er von 1849-1856 als 2. Amtsinhaber das Pathologische Institut der Universität Würzburg. Diese Periode, die "7 fetten Jahre", gilt als die wissenschaftlich fruchtbarste seines langen Forscherlebens, in welcher sich auch seine epochale Erkenntis entwickelte stammt, dass "omnis cellula e cellula" ("Jede Zelle aus einer Zelle") stammt.
Medizinhistorisch Interessiere können sich gerne unsere Seiten zu Rudolf Virchows Wesen und Wirken in Würzburg anschauen.
- 1825 in Würzburg geboren
- Medizinstudium und klinische Assistenz in Würzburg
- 1856: kommis. Leiter der Würzburger Pathologie
- 1858: Ruf auf Heidelberger Lehrstuhl für Pathologie
- 1863: Erstbeschreibung der Friedreich´schen Ataxie
- 1882: Tod an Ruptur eines Aortenaneurysma
Nicolaus Friedreich (1825-1882) erlebte nach Vorbereitung seiner Karriere in Würzburg ihren Höhepunkt als Professor der Pathologie und Direktor der Medizinischen Kliniken in Heidelberg.
Schon sein Großvater und Vater wirkten als Medizinprofessoren in Würzburg. Der Sohn trat in ihre Fußstapfen, indem er in Würzburg Medizin studierte, wo er seine pathologische Ausbildung bei Rudolf Virchow erhielt, der ihn außerordentlich prägte. So bekannte er sich lebenslang zu den Grundsätzen der Zellularpathologie. 1853 habilitierte sich Friedreich mit "Beiträgen zur Lehre von den Geschwülsten innerhalb der Schädelhöhle".
Als Virchow 1856 Würzburg verließ, um an die Charite nach Berlin zurück zu kehren, leitete Friedreich den verwaisten Lehrstuhl kommissarisch während der unruhigen, 1,5-jährigen Übergangszeit, bis die Fakultät 1858 August Förster zum Nachfolger Virchows berief.
Friedreich erhielt fast zeitgleich einen Ruf nach Heidelberg auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Pathologie. Er selbst hatte das Großherzoglich-Badische Ministerium in Karlsruhe von der Notwendigkeit überzeugt, die Pathologie als selbständiges Fach auch in Heidelberg zu etablieren. In seiner ersten Heidelberger Zeit wirkte Friedreich als Pathologe und las u.a. ein umfangreiches Kolleg über pathologische Anatomie. Nach seiner Berufung zum Direktor der Medizinischen Kliniken konzentrierte er sich auf die Innere Medizin und gab die Pathologie an Julius Arnold ab. Außerdem betrieb Friedreich eine große Privatpraxis.
Als Forscher konzentrierte sich Friedreich auf die Entdeckung klinisch-pathologischer Korrelationen insbesondere auf neurologischem Gebiet (z.B. Friedreich´sche Ataxie, s. unten). Dabei war er nicht zuletzt deswegen erfolgreich, weil er Innere Medizin und Pathologie gleichermaßen beherrschte. Jedoch nahm seine Empfindlichkeit gegenüber Kritik manchmal fast paranoide Ausmaße an. 1882 verblutete er an der Ruptur eines Aortenaneurysma.
1863 beschrieb er mit seiner Arbeit "Über degenerative Atrophie der spinalen Hinterstränge" - publiziert in Virchows Archiv - die seitdem nach ihm benannte Ataxie. Dabei handelt es sich um ein progressives, in später Kindheit beginnendes neurologisches Syndrom, bei dem eine spinozerebellare Dysfunktion zu schweren Gangstörungen führt. Friedreich differenzierte das gewöhnlich autosomal rezessiv vererbte Syndrom von der chronischen Neurolues (Tabes dorsalis, progressive Paralyse). Seine klinisch-pathologische Charakterisierung wurde nie in Frage gestellt, so dass die Erkrankung weltweit seinen Namen trägt.
- 1822: geboren in Weimar
- Ausbildung als Zeichner
- Assistentenjahre in Jena als Kliniker
- Autodidaktische Fortbildung zum Pathologen
- 1850: Lehrbuch der Pathologie publiziert
- 1852: a. o. Prof. für Pathologie in Göttingen
- ab 1854: Atlas der mikroskop. Pathol. publiziert
- 1858: Berufung nach Würzburg
- Sammlung pathologischer Präparate
- 1861: Buch über menschliche Missbildungen
- 1865: Tod im Alter von 43 Jahren
August Förster (1822-1865) wurde 1858 erster regulärer Nachfolger von <link v2 virchow.htm>Virchow in der Würzburger Pathologie, nachdem Friedreich das Institut in der Übergangszeit geleitet hatte. Er war von Hause aus Kliniker und berühmt wegen seiner zum Teil selbstillustrierten Lehrbücher, wobei ihm seine Ausbildung als Zeichner zugute kam.
Seinem didaktischen Talent verdankte er denn auch den Ruf auf den berühmten Würzburger Lehrstuhl. Die Fakultät hatte nämlich in erster Linie nach einem guten Lehrer für den großen <link v2 v2_mekka.htm>Medizinstudentenandrang gesucht. Tonangebend in der Berufungskommission war Rektor <link v2 v2_kollegen.htm>Rinecker, der schon Virchow an den Main geholt hatte und nach dem Tode Försters nacheinander drei Virchow-Schüler zu Würzburger Chefpathologen machte (Recklinghausen, Klebs, Rindfleisch).
Entsprechend seiner Vorgeschichte engagierte sich Förster in Würzburg vorwiegend in der akademischen Lehre und als klinischer Pathologe, weniger als Forscher und Wissenschaftler. Mit seinem durch einen Atlas komplettierten Lehrbuch schuf er das damals bedeutendste pathologische Unterrichtswerk, das erst durch ein Werk von Rindfleisch, seines 3. Nachfolgers in Würzburg, verdrängt wurde. Auch sein Werk über die Missbildungen des Menschen war dank seiner sorgfältigen Illustrationen bemerkenswert.
Nach nur siebenjähriger Amtszeit - auch Virchow und Försters Nachfolger Recklinghausen dienten der Würzburger Pathologie 7 Jahre - starb der 3. Inhaber des pathologischen Lehrstuhls der Universität Würzburg 1865.
- 1833: geb. in Gütersloh/Westfalen
- ab 1852: Medizinstudium in Bonn, Würzburg, Berlin
- 1855-56: Studium bei Virchow in Würzburg
- 1858-64: Assistent bei Virchow in Berlin
- 1864: Pathologieprof. in Königsberg ohne Habilitation
- 1865: Ruf auf Pathologielehrstuhl in Würzburg
- 1870: Freiwilliger im deutsch-französischen Krieg
- 1871: Monographie über das Lymphgefäßsystem
- 1872: Pathologieordinarius in Straßburg
- 1877: Rektor der Straßburger Universität
- 1882: Erstbeschreibung der Neurofibromatose
- 1910: Tod im Alter von 77 Jahren
Friedrich v. Recklinghausen (1833-1910) war bei Rudolf Virchow in die pathologische Lehre gegangen, zunächst als Student in Würzburg, dann, von 1858-1864, als Assistent in Berlin, nachdem er zuvor andere große Pathologiezentren, vor allem Wien und Paris, auf einer Fortbildungsreise besucht hatte.
Als er 32-jährig als Nachfolger Försters die Professur für Pathologie in Würzburg antrat - zuvor lehrte er das Fach 1/2 Jahr lang in Königsberg - war er schon berühmt, vor allem durch seine Untersuchungen zum Lymphgefäßsystem - der Titel seiner 1. Publikation lautete: "Die Lymphgefäße und ihre Beziehung zum Bindegewebe" - und zur Emigration der Blutleukozyten ins entzündliche Gewebe (Entdeckung der Wanderzellen), womit er bei seinem Lehrer Virchow auf wenig Gegenliebe stieß, der die "Eiterkörperchen" auch weiterhin auf eine lokale Zellvermehrung zurückführte. Schon Recklinghausens 1855 auf lateinisch verfasste Dissertation handelte von Theorien der Pyämie.
9 Jahre nach Virchows Abgang zur Charite auf den Pathologen-Chefsessel in Würzburg berufen (1865), war Recklinghausen dort der erste von drei nacheinander berufenen Virchow-Schülern (ihm folgten Klebs und Rindfleisch). Alle drei wurden, wie schon Virchow 1849, von Franz Rinecker nach Würzburg geholt, dem in Berufungsfragen besonders erfolgreichen Universitätsrektor. Ebenfalls wie Virchow, verließ auch Recklinghausen nach nur 7 erfolgreichen Jahren - so entdeckte er mykotische und bakterielle Metastasen, klärte definitiv die Herkunft der Eiterzellen und versammelte später berühmte Schüler um sich wie Ludwig Aschoff und M. B. Schmidt - 1872 die Würzburger Pathologie, um dem Ruf auf den lukrativ ausgestatteten Lehrstuhl von Straßburg zu folgen.
Im Anschluss an den siegreichen Krieg 1870/71 über Frankreich, an dem Recklinghausen - wie viele berühmte deutsche Mediziner - als Freiwilliger teilnahm, war das Elsaß mit dem 1871 gegründeten Deutschen Reich wiedervereinigt und die Straßburger Universität neubegründet und als Aushängeschild der deutschen Kultur großzügig mit finanziellen Mitteln ausgestattet worden. Insofern war die Straßburger Pathologie für Recklinghausen außerordentlich attraktiv.
In der Folge kamen viele Studenten aus dem In- und Ausland nach Straßburg zu Recklinghausens berühmten Pathologievorträgen und Sektionsdemonstrationen. Zur Vorbereitung auf ihre Pathologieprüfung, in der Recklinghausen die fachgerechte Durchführung einer Sektion verlangte, lernten sie ein <link v2 verseinleit.htm>Gedicht, welches ebenso korrekt wie amüsant den Ablauf einer Standardsektion beschreibt. Zu den bekanntesten Mitarbeitern seiner Straßburger Zeit zählen u.a. Langhans, Köster und Ponfick, der Gründer der deutschen Fachgesellschaft für Pathologie. 5 Jahre nach seiner Berufung wurde Recklinghausen in Straßburg 1877 Rektor der Universität, an der er den Höhepunkt seiner Karriere erlebte.
1882 erschien seine klassische Publikation "Über die multiplen Fibrome der Haut und ihre Beziehung zu den multiplen Neuromen", in welcher er den nachher allgemein so genannten "Morbus Recklinghausen" (cafe-au-lait-Flecken sowie multiple Hautfibrome in Verbindung mit Tumoren der Nervenbahnen und fibrösen Knochenläsionen) detailliert an Hand der Autopsiebefunde zweier Patienten beschrieb. Die Arbeit erschien in der Festschrift zur Erinnerung an den 25. Jahrestag der Gründung des Pathologischen Instituts von Berlin und war seinem Lehrer Rudolf Virchow gewidmet.
Recklinghausen starb 1910 im Alter von 77 Jahren nach unauffälligem Privatleben.
- 1834: geboren in Königsberg
- 1855: Studium bei Virchow in Würzburg
- 1858: Promotion u. Approbation in Berlin
- 1859: Habilitation (Pathologie) in Königsberg
- 1861-66: Assistent bei Virchow in Berlin
- 1866-72: Pathologieprofessur in Bern
- 1870: Militärarzt im deutsch-franz. Krieg
- 1872-73: Pathologieprofessur in Würzburg
- 1873-82: Pathologieprofessur in Prag
- 1882-92: Pathologieprofessur in Zürich
- 1893: erzwungener Rücktritt in Zürich
- 1894: Privatlabor in Karlsruhe/Straßburg
- 1895-1900: Pathologe in den USA
- 1905-1910: Privatforscher in Berlin
- 1913: Tod in Bern (Schweiz)
Der Ostpreuße Edwin Klebs (1834-1913) war der 2. Virchow-Schüler auf dem Würzburger Lehrstuhl für Pathologie (die beiden anderen waren sein Vorgänger Recklinghausen und Nachfolger Rindfleisch). Er wurde 1872 hauptsächlich zur Wahrnehmung der "Anforderungen der praktischen Medizin" berufen, weniger als Vertreter der pathologischen Forschung, welcher - besonders der kometenhaft aufsteigenden Bakteriologie - jedoch seine eigentliche Neigung und Leidenschaft galt. Infolgedessen vernachlässigte er die klinische Pathologie so sehr, daß die medizinische Fakultät erleichtert war, als er schon nach 3 Semestern Würzburg wieder verließ, um einem Ruf nach Prag zu folgen.
Von Rudolf Virchow während seines Studienjahres 1855 in Würzburg für die Pathologie begeistert, wurde Klebs einer seiner berühmtesten Schüler. Er zählt zu den innovativsten Forschern der experimentellen Pathologie der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und insbesondere zu den Begründern der modernen Infektionspathologie. Da er jedoch seine vielversprechenden Arbeiten häufig vor dem letzten, entscheidenden Schritt beendete - was mit seinem unsteten Charakter zusammenhängen mag - gelangen ihm keine Beweise für die bakterielle Ätiologie von Infektionskrankheiten. Deshalb zählt er nicht zu den ganz Großen seiner Wissenschaft. Sein bedeutsamster und bis heute aktueller Beitrag zur Pathologie ist die Paraffineinbettung histologischer Gewebeproben.
Nach 5 Semestern Medizinstudium in seiner Heimatstadt Königsberg (Ostpreußen) wechselte er 1855 nach Würzburg, um den berühmten Virchow zu hören. Als dieser 1856 an die Charite wechselte, folgte ihm Klebs zur Beendigung seines Studiums an die Spree. Das Thema seiner Dissertation lautete: "De mutationibus, quae in intestino inveniuntur, tuberculosis" (Über die Veränderungen des Intestinums bei Tuberkulose). Darin vertrat der junge Klebs die These "Tuberculosis non est hereditaria". Am Ende seines langen Forscherlebens, nachdem Robert Koch das Tuberkelbakterium nachgewiesen hatte, wandte sich Klebs verstärkt der Tuberkulinforschung zu.
Nach seiner Approbation in Berlin 1858 kehrte Klebs in seine Heimatstadt Königsberg zurück, wo er sich 1859 in pathologischer Anatomie habilitierte. 1860 traf er anlässlich der Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte in Königsberg seinen Doktorvater Virchow, der ihm eine Assistentenstelle in seinem Institut in Berlin anbot. Klebs akzeptierte. Seine 5 pathologischen Lehrjahre an der Charite (1861-1866) waren offenbar mühsam, denn erst 1864 rückte er von der 3. in die 2. Assistentenstelle auf, was sein Jahresgehalt von 200 Mark auf 300 Mark steigerte. Während dieser Zeit arbeitete er überwiegend an pathologisch-anatomischen Themen.
Die Berliner Durststrecke endete 1866 mit seiner Berufung als Extraordinarius nach Bern. Schon im folgenden Jahr bekam er das Ordinariat. Der Ostpreuße heiratete eine Schweizerin (Rosa Grossenbacher) und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Klebs bezeichnete die Berner Phase (1866-72) in der Rückschau als die glücklichste seines Lebens. In dieser Zeit (1869) machte er auch seine bedeutsamste Entdeckung, eine methodische Innovation, die bis heute den Alltag der Pathologen prägt: die Paraffineinbettung histologischer Gewebeproben, von ihrem Erfinder als "Einschmelzmethode" bezeichnet.
Klebs´ Hinwendung zur Bakteriologie, die in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts am laufenden Bande Triumphe feierte mit der Aufklärung der Ätiologie vieler wichtiger Infektionskrankheiten, erfolgte während des deutsch-französischen Krieges (1870-1871). Patriotisch gesinnt wie seine Landsleute und in der Tradition seiner Familie - sein Vater und 6 dessen Brüder kämpften in der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon - meldete sich Klebs als nunmehr Schweizer Staatsbürger zum freiwilligen Dienst in der preußischen Armee.
Während der heißen Kriegsphase im Herbst 1870 obduzierte Klebs im Bahnhofslazarett Karlsruhe 115 Soldaten mit Schußverletzungen, von denen fast 3/4 an Septikämie oder Pyämie gestorben waren. Im Wundsekret entdeckte er Bakterien, von ihm als "Microsporon septicum" bezeichnet. In ihnen erkannte er die Ursache der entzündlichen Veränderungen (Eiterung, Abszess, Pyämie, Septikämie). Damit stellte er sich eindeutig auf die Seite der Vertreter der Bakterientheorie. Dies war damals keineswegs selbstverständlich, wie das Beispiel des berühmten Wiener Chirurgen Theodor Billroth zeigt. Klebs publizierte seine "Beiträge zur pathologischen Anatomie der Schußwunden. Nach Beobachtungen in den Kriegslazarethen in Carlsruhe 1870 und 1871". Bewiesen wurde die infektiöse Genese der Wundinfektion 7 Jahre später (1878) durch Robert Koch in seinen "Untersuchungen über die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten".
Diese Schrift enthält Kochs früheste Formulierungen seiner später berühmten Postulate für den Erregernachweis einer Infektion. Klebs drückte diesen Sachverhalt 1 Jahr früher wesentlicher deutlicher aus, als er 1877 auf der 50. Jahresversammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in München in seinem Vortrag "Über die Umgestaltungen der medizinischen Anschauungen in den letzten 3 Jahrzehnten" im Rahmen seines Bekenntnisses zur mikrobiellen Genese von Infektionskrankheiten bemerkte: "Dass aber in der That alle diese Krankheitsprozesse (Infektionskrankheiten) auf ähnlichen Ursachen beruhen, kann in dreifacher Art bewiesen werden: 1. durch die anatomische Untersuchungen der erkrankten Organe, 2. durch die Isolierung und Züchtung der Krankheitskeime und 3. durch die Neuerzeugung der gleichen Processe durch Uebertragung dieser Keime auf gesunde Thiere".
Ihre endgültige Form erhielten die Postulate 1884 durch Koch in seiner Arbeit über die Tuberkulose. Wenn es auch Koch war, der die Anwendung der Postulate bei seinen Erregernachweisen von Milzbrand, Tuberkulose und Cholera beispielhaft demonstrierte, so ist es Klebs´ Verdienst, sie erstmalig klar formuliert zu haben, so dass es berechtigt ist, von Koch-Klebs´schen Postulaten zu sprechen.
Unglücklicherweise gelang es Klebs kein einziges Mal, den selbst aufgestellten Anforderungen gerecht zu werden und einen lückenlosen Erregerbeweis zu führen, obwohl er sich mit mit großer Energie und Einfallsreichtum darum bemühte. Insbesondere fahndete er nach den Erregern von Diphtherie, Syphilis, Pocken und Kuhpocken, Typhus, Lepra und Malaria. Dabei war er mehrfach auf der richtigen Spur, brach jedoch seine Untersuchungen vor dem letzten, beweisenden Schritt ab. Zum Scheitern trug auch bei, daß Klebs in Übereinstimmung mit einer damals verbreiteten Vorstellung fälschlicherweise Übergangsformen zwischen verschiedenen Bakterienformen für möglich hielt (Pleomorphismus). So glaubte er lange Zeit an die Existenz von nur zwei Hauptgruppen von "Schistomyceten" (Bakterien), die er als Microsporine und Monadine bezeichnete.
Besonders nahe kam Klebs dem Nachweis des Diphtherie-Erregers, worüber er auf dem Wiesbadener Internistenkongress 1883 referierte. Er unterschied dabei zwar fälschlicherweise zwischen einer "microsporinen" und "bacillären" Form der Erkrankung. Die stäbchenförmigen Erreger letzterer Form beschrieb er jedoch so detailliert - inkl.der später so genannten Ernst-Babes-Polkörperchen - dass angenommen werden kann, er habe die Erreger tatsächlich gesehen. Den endgültigen Beweis ihrer kausalen Rolle für die Diphtherie unter Erfüllung der Koch-Klebs´schen Postulate lieferte Friedrich Loeffler 1884.
Die Originalität der bakteriologischen Forschung von Klebs bezeugen auch seine methodischen Beiträge. So entwickelte er mit seinem Schüler Tiegel 1881 ein Verfahren zur Sterilfiltration von Flüssigkeiten auf der Basis von "Thonzellen". Anschließend suchte er nach einem festen Nährboden und fand ihn in der sog. Hausenblase, der aufbereiteten Innenhaut der Schwimmblase von Fischen. Bei ihrem Einsatz unterliefen ihm jedoch konzeptionelle Fehler, so daß Klebs letztendlich der große bakteriologische Wurf versagt blieb.
Dauerhaft eingegangen in die Mikrobiologie ist Edwin Klebs mit der Genusbezeichnung Klebsiella, von Trevisan bereits 1885 vorgeschlagen. Dies erscheint insofern symptomatisch, als Klebs die Ehrung grundsätzlich unzweifelhaft verdient, jedoch nichts speziell zur Abgrenzung der Klebsiellen beitrug. (Die heutige Spezies Klebsiella aerogenes wurde 1883 von dem Berliner Pathologen Carl Friedländer isoliert.)
Ebenso unermüdlich wie in seiner experimentellen Forschung betätigte sich Klebs als Gründer und Herausgeber medizinischer Fachzeitschriften. So gründete er in seiner Berner Zeit (1866-1872) das "Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte", aus dem später die "Schweizer Medizinische Wochenschrift" hervorging. Das bedeutendste Ereignis seiner kurzen Würzburger Episode (1872-1873) war die Gründung des "Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie" zusammen mit Naunyn und Schmiedeberg. Das 1. Heft erschien am 14. Februar 1873 im Leipziger Vogel-Verlag (heute in Würzburg). Sofort nach seinem Wechsel nach Prag gründete Klebs 1873 den "Zentralverein deutscher Ärzte in Böhmen"; drei Jahre später die "Prager medizinische Wochenschrift".
Die Berufung auf den Pathologischen Lehrstuhl der Universität Prag 1873 erhielt Klebs dank der Fürsprache des einflußreichen Wiener Pathologen Rokitansky. Seine Prager Zeit (1873-1882) dürfte die wissenschaftlich fruchtbarste seines Forscherlebens gewesen sein. In sie fällt die Mehrzahl seiner bakteriologischen Untersuchungen. Daneben beschäftigte er sich u.a. mit Tumoren, Endokarditis und Kretinismus.
Klebs gab sich mit dem Erreichten jedoch nicht zufrieden. Nach dem Tod Rokitanskys 1878 erhoffte er sich - allerdings ohne Erfolg - einen Ruf auf dessen berühmten Wiener Lehrstuhl. Als dessen Nachfolger Heschl bereits 1881 starb, brachte sich Klebs in Wien abermals als Nachfolgekandidat ins Gespräch, offenbar mit solchem Nachdruck, dass er mehr Befremden als Sympathie auslöste und den ersehnten Ruf nicht bekam. Als die Prager Universität - eine der ältesten im deutschen Sprachraum - 1882 in einen deutschen und tschechischen Teil aufgespalten wurde, ärgerte dies Klebs - er war in die damit einhergehenden Wirren involviert - so sehr, daß er Prag den Rücken kehrte und nach Zürich wechselte.
Zürich markiert den Wendepunkt in Klebs´ Karriere. 1882 an den Limmat berufen, betonte er gleich in seiner Antrittsvorlesung über "Aufgaben und Bedeutung der experimentellen Pathologie" den hohen Stellenwert seiner Forschung und richtete später in Gestalt des "Chemikum" ein Experimentallabor ein. In der medizinischen Fakultät war er anfänglich so anerkannt, daß man ihn 1886-88 zum Dekan wählte. Von 1887-1889 erschien seine "Allgemeine Pathologie" in 2 Bänden, worin er eigenwillige frühere Unterteilung des Bakterienreiches in "Microsporine" und "Monadine" zugunsten moderner Auffassungen aufgab. In der Forschung wandte er sich der Tuberkulose zu, wobei seine Bemühungen, ebenso wie die des älteren Robert Koch - und in diesem Punkt genauso erfolglos - dem Tuberkulin galten. Sein bekanntester Schüler aus dieser Zeit ist Otto Lubarsch, der später als Ordinarius in Kiel (1913) und Berlin (1917) Karriere machte. Neben der Leitung des pathologischen Instituts betrieb Klebs in Zürich eine eigene ärztliche Praxis.
Die Wende in Zürich begann mit einer großen Typhusepidemie, die Klebs auf eine Verunreinigung des Züricher Sees zurückführte. Er glaubte, im Seewasser Salmonellen nachgewiesen zu haben, was Robert Koch in einem angeforderten Obergutachten nicht bestätigen konnte. Schon bei seinem Versuch einer Erstbeschreibung des Erregers 1881 hatte sich Klebs geirrt. Ursächlich für die Epidemie war vermutlich die Verunreinigung einer Wasserleitung durch Bauten am Seeufer.
In der Folge kam es zu einer Kontroverse über die Sanierung der Wasserversorgung. Während die Stadtverwaltung die Wasserentnahme aus dem See mit anschließender Filtration favorisierte, bestand Klebs auf einer doppelt so teuren Quellwasserlösung. Dabei verhielt er sich sehr undiplomatisch. Mit seiner Polemik provozierte er die Stadtverwaltung zu einer Gegendarstellung, die für ihn peinlich war und seiner Reputation erheblich schadete.
Klebs´ Charakter scheint problematisch gewesen zu sein. Er wurde als ungestüm und offen "bis zur Rücksichtslosigkeit und Grobheit" beschrieben. Widerspruch reizte ihn zu Ausbrüchen von Jähzorn, so "dass er sich nicht mehr kannte, dass er nicht mehr wusste, wo er war und was er sprach".
In seinen späteren Züricher Jahren gab Klebs die pathologisch-anatomische Forschung auf und vernachlässigte auch seine Aufgaben als Institutsleiter. Nachdem er alle Gruppen verärgert hatte - seine Mitarbeiter Lubarsch und Hanau schieden im Streit, seinen Kollegen missfiel Klebs´ barscher Umgangston, die Studenten verlangten eine offizielle Untersuchung der Zustände im pathologischen Institut - drängte ihn die Fakultät schließlich 1893 zum Rücktritt.
Nach dem Ende in Zürich verließ den nunmehr fast 60-Jährigen das Glück vollends, obwohl er energiegeladen immer neue Aufgaben suchte und dabei ruhelos durch die Welt reiste. Zunächst gründete er ein bakteriologisches Privatlabor in Karlsruhe, das jedoch auch nach der Verlegung nach Straßburg erfolglos blieb. Danach scheute er sich nicht, sein Glück in den USA zu suchen, wo er von 1895-1900 arbeitete, zunächst als Leiter eines Sanatoriums in Ashville (North Carolina), ab 1896 dann als Professor für pathologische Anatomie am Rush Medical College in Chicago, wo er gleichzeitig ein Labor an der Postgraduate School leitete.
Nach 5 Jahren in der Neuen Welt kehrte Klebs 1900 nach Europa zurück, zunächst in die ihm zur 2. Heimat gewordenen Schweiz. Im Emmental, dem Herkunftsort seiner Frau, blieb er jedoch nur ein halbes Jahr. Über die Zwischenstation Hannover zog er 1905 nach Berlin, wo Orth ihm im Pathologischen Institut ein Arbeitszimmer überließ. Dort wandte er sich wieder der Tuberkulose zu, dem beherrschenden Gegenstand seiner Altersforschung (von 71 seit 1890 publizierten Arbeiten kreisen 54 um die Tbc). Doch auch seine Impfversuche mit Tuberkelbakterien von Kaltblütern schlugen fehl. 1910 kehrte Klebs wieder in die Schweiz zurück, wo er bei seinem ältesten Sohn in Lausanne wohnte.
Noch in seinem letzten Lebensjahr (1913) drängte es den umtriebigen Greis zu einem Ortswechsel nach Bern. Dort, wo er von 1866-1870 nach eigenem Urteil seine glücklichsten Jahre erlebte, verbrachte der 80-Jährige die restlichen 7 Monate einer ruhelosen Existenz, welcher der lebenslang gesuchte, herausragende wissenschaftliche Erfolg versagt blieb, obwohl Klebs öfter kurz davor stand und mit ein bißchen Glück es durchaus hätte schaffen können, in die Annalen der Mikrobiologie als ein ganz Großer einzugehen.
- 1836: geboren in Köthen/Sachsen-Anhalt
- 1859-61: Assistent bei Virchow in Berlin
- 1862: Habilitation in Breslau
- 1862-65: Pathologieprofessur in Zürich
- 1865-74: Pathologieordinariat in Bonn
- 1867: Lehrbuch der pathol. Gewebelehre
- 1874: Ruf nach Würzburg
- 1878: Bezug des Institutsneubaus
- 1883: "Elemente der Pathologie" publiziert
- 1906: Emeritierung nach 32 Dienstjahren
- Tod im Alter von 72 Jahren
Eduard Rindfleisch (1836-1908), der 6. Inhaber des Würzburger Lehrstuhls für Pathologie, amtierte mit bisher unübertroffenen 32 Dienstjahren länger als seine 5 Amtsvorgänger zusammen genommen. Seine Büste findet sich im Institutsfoyer links neben dem Haupteingang.
Nach Recklinghausen und Klebs war er der dritte Virchow-Schüler auf dem Chefsessel der Würzburger Pathologie. Für das Fach begeisterte ihn sein Lehrer während des Medizinstudiums in Würzburg und später in Berlin, wo er bei Virchow 1859 promovierte und anschließend in dessen neugegründetem Institut 2 Jahre als Assistent diente. Anschließend bewährte er sich als universitärer Pathologe in Breslau, Zürich und Bonn. Schon 1872 bei der Recklinghausen-Nachfolge in Würzburg stand Rindfleisch an zweiter Stelle auf der Berufungsliste.1874 erfolgte dann der Ruf an das Institut, das er anschließend 3 Jahrzehnte bis ins nächste Jahrhundert führte.
Unter seiner Ägide wurde ein neues Gebäude in der Köllikerstraße bezogen, womit der alte Wunsch der Pathologie, Herr im eigenen Haus zu werden, endlich in Erfüllung ging. Dank Rindfleischs engagierter Beteiligung an der Planung bewährte sich der Neubau hervorragend.
Besondere Verdienste erwarb er sich als Lehrer und Pädagoge, sowohl im Hörsaal als auch als Schreibpult. Sein "Lehrbuch der pathologischen Gewebelehre" verdrängte das Werk eines früheren Würzburger Pathologieordinarius, August Förster, von der Bestsellerliste und entwickelte sich zum zeitgenössischen Standardwerk mit Übersetzungen ins englische und französische.
In der Forschung legte er den Schwerpunkt auf die Histologie. Erwähnenswert sind seine umfangreichen Untersuchungen zur Tuberkulose, wobei er vor Robert Kochs Nachweis des Tuberkel-Bazillus (1892) richtigerweise eine infektiöse Genese vermutete und den Begriff der "spezifischen Entzündung" prägte. Weniger Glück hatte er mit seinen Studien zu Knochenmark und Blutbildung, die nach seiner Ansicht mittels Kernausstoßung der Erythrozyten erfolgte. Von bleibender Bedeutung war wiederum die 1890 getroffene Abgrenzung des Myokardinfarktes von der Myokarditis.
"Metapathologisch" vertrat Rindfleisch die Auffassungen des Neovitalismus. Ähnlich wie sein Lehrer Virchow mit seinem Zellenstaat, leitete auch Rindfleisch politisch-moralische Postulate aus der Histologie als Gemeinschaft kooperierender Zellen ab. Während seiner Züricher Periode traf der Musikliebhaber Rindfleisch im Hause Wesendonck u. a. Friedrich Liszt und den von ihm musikalisch besonders geschätzten Richard Wagner.
- 1869: geboren in Würzburg
- Medizinstudium in Würzburg
- 1892: Promotion über kongenitale Hüftluxation
- 1893-1904: Schüler Rindfleischs in Würzburg
- 1897: Habilitation mit Arbeit über Endothelien
- 1902: Umfangreiche Geschwulstmonographie
- 1904: Pathologieprofessur in Köln
- 1905: Pathologieprofessur in Göttingen
- 1906: Pathologieprofessur in Würzburg
- 1910: Pathologieprofessur in München
Der Würzburger Max Borst (1869-1946), der auch überwiegend in seiner Vaterstadt Medizin studiert hatte, trat nach 10-jähriger Ausbildung bei Rindfleisch in Würzburg und einem anschließenden 2-jährigen Gastspiel in Köln (an der neugegründeten medizinischen Akademie) und Göttingen nach der Emeritierung seines Lehrers 1906 dessen Nachfolge in Würzburg an. Obwohl dem Institut nur 4 Jahre zu Diensten, bevor er 1910 einem Ruf nach München als Nachfolger Bollingers folgte, hinterließ er in der Würzburger Pathologie doch deutliche Spuren, indem er sie organisatorisch und inhaltlich durch Schaffung eigenständiger Abteilungen für Bakteriologie und experimentelle Pathologie modernisierte.
Nach seiner Habilitation 1897 "über das Verhalten der Endothelien bei der akuten und chronischen Entzündung" brillierte er als Wissenschaftler während seiner Würzburger Jahre durch Pionierarbeiten zur Transplantation zusammen mit dem Chirurgen Enderlen sowie mit grundlegenden Arbeiten zur Tumorlehre, seinem hauptsächlichen Forschungsgebiet. Dadurch knüpfte er an erfolgreiche Würzburger Assistentenjahre an, die in der Publikation eines umfangreichen Werkes über Geschwülste gipfelten und Borsts Renommee begründet hatten.
Diese seine bedeutsamste Arbeit, eine 2-bändige Monographie über "Die Lehre von den Geschwülsten", 1902 kurz vor Ende der 10-jährigen Pathologielehre bei seinem Lehrer Rindfleisch publiziert, soll auf fast 100 Dissertationen beruhen. Anknüpfend an grundsätzliche Ideen der Tumorenlehre von Johannes Müller und <link v2 virchow.htm>Rudolf Virchow, schuf er praktikable diagnostische Kategorien, die noch heute Grundlage der Klassifikation gut- und bösartiger Tumoren sind und als gängige Einteilungsprinzipien u.a. auch der WHO-Klassifikation zugrunde liegen.
Ein Jahr nach der Machtergreifung 1934 erwies Borst der Würzburger Pathologie einen letzten Dienst, indem er sich dafür einsetzte, daß bei der Wahl eines Nachfolgers für den emeritierten M.B. Schmidt die fachliche Qualifikation Vorrang vor parteiideologischen Gesichtspunken behielt und mit seinem Münchener Schüler Hermann Groll ein würdiger Kandidat auf den renommierten Würzburger Lehrstuhl für Pathologie berufen wurde.
- 1865: Geburt
- 1897: Habilitation (Pathologie) in Wien
- 1906: Pathologieprofessur in Prag
- 1910: Pathologieprofessur in Würzburg
- 1913: Rücktritt vom Amt in Würzburg
- 1913: Rückkehr nach Österreich
- 1920: Tod an Herzinsuffizienz
Richard Kretz (1865-1920), ein Österreicher, der 1910 die Nachfolge von Max Borst in Würzburg antrat, enttäuschte die in ihn gesetzten hohen Erwartungen der Medizinischen Fakultät. Er verzichtete bereits nach 3 Jahren freiwillig auf den Lehrstuhl, um eine kleine Prosektur in seiner Heimat anzutreten, wo er sich in Ruhe pathologischen Forschungen sowie seinem großen landwirtschaftlichen Besitz in Oberösterreich widmete, bis ein sich in den letzten Jahren rasch verschlechterndes Herzleiden seine Aktivitäten bremste.
Nach pathologischer Ausbildung bei Kundrat in Wien hatte sich Kretz 1897 mit Forschungsarbeiten zur Leberzirrhose habilitiert. Dabei wies er nach, daß degenerative und regenerative Prozesse mit begleitendem Ab- und Umbau der Leberarchitektur das Wesen der Krankheit ausmachen. Später wandte er sich der Immunologie zu, wobei er Gedanken und Ideen von Paul Ehrlich und Emil v. Behring aufgriff und sie auf die pathologischen Gewebsreaktionen bakterieller Infektionen übertrug.
9 Jahre nach seiner Habilitation wurde Kretz 1906 auf den Lehrstuhl für Pathologie der Universität Prag (damals noch innerhalb der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie) als Nachfolger Chiaris berufen. 4 Jahre später folgte er 1910 dem Ruf auf den Würzburger Lehrstuhl. Bevor Kretz sich schon 3 Jahre später wieder nach Österreich zurückzog, überraschte er als akademischer Lehrer, indem er mit der Tradition der systematischen Abhandlung der Pathologie brach und statt dessen im Rahmen seiner Vorlesungen lieber interessantes Obduktionsmaterial demonstrierte und Kasuistiken diskutierte.
- 1863: geboren in Leipzig
- 1890-1906: Assistenz in Straßburg
- 1906: Pathologieprofessur in Düsseldorf
- 1907: Pathologieprofessur in Zürich
- 1911: Pathologieprofessur in Marburg
- 1913: Pathologieprofessur in Würzburg
- 1916/17: Universitätsrektor im 1. Weltkrieg
- 1921: Umzug in aktuelles Pathologiegebäude
- 1934: Emeritierung
Martin Benno Schmidt (1863-1949) amtierte nach dem nur 3-jährigen Intermezzo seines Vorgängers Kretz in der Würzburger Pathologie 21 lange Jahre. Seine Büste ziert, neben der von Rindfleisch, das Foyer des Pathologischen Instituts (links neben dem Haupteingang).
Der Straßburger Schüler von Recklinghausen wurde nach Karrierestationen in Düsseldorf (an der dortigen neugegründeten medizinischen Akademie), Zürich und Marburg 1913 nach Würzburg berufen, nachdem er schon 3 Jahre zuvor bei der Borst-Nachfolge ernsthaft im Gespräch gewesen war. Im 1. Weltkrieg, während dessen die Zahl der Studenten drastisch zurückging, diente er seiner Universität zugleich als Rektor, um sich nach Kriegsende wieder voll auf die Pathologie zu konzentrieren. 1921 leitete er den Umzug des Instituts in einen Neubau am Rande des Luitpoldkrankenhauses im Würzburger Stadtteil Grombühl, der noch heute die Würzburger Pathologie beherbergt. Trotz verlockender Angebote aus medizinischen Hochburgen wie Straßburg, Leipzig, Berlin und Wien hielt er Würzburg bis zu seiner Emeritierung 1934 die Treue. Selbst danach blieb er noch weitere 10 Jahre bis 1944 wissenschaftlich aktiv.
Zu seinen wichtigsten Forschungsthemen zählte neben der Pathologie des Knochens (Rachitis und Osteomalazie) und des Amylois (ein von <link v2 virchow.htm>Virchow entdecktes, extrazellulär abgelagertes, pathologisches Protein) vor allem der Eisenstoffwechsel, wobei er den Zusammenhang zwischen alimentärem Eisenmangel und folgender Eisenmangelanämie und deren Reversibilität durch Eisensubstitution experimentell untersuchte.
Noch größere Bedeutung hatte M.B. Schmidt als akademischer Lehrer. Nicht weniger als 5 seiner Schüler - Heinlein, Leupold, Letterer, Kirch und Erich Müller - wurden später ordentliche Professoren für Pathologie an deutschen Universitäten. Wegen ihres Wirkens fand seine Auffassung von der Pathologie weite nationale Verbreitung.
- 1888: geboren in der Oberpfalz (Bayern)
- 1913-21: Pathologieassistenz in München
- 1921: Habilitation bei Max Borst
- 1934: Berufung nach Würzburg
- 16.03.1945: Institutszerstörung im Krieg
- 1947: Tod im Amt
Hermann Groll (1888-1947) leitete die Würzburger Pathologie während des Hitler-Regimes, ohne selbst Nationalsozialist zu sein oder sein Amt in diesem Geiste zu führen. Infolgedessen wurde er nach Kriegsende und Zusammenbruch 1945 nicht abgesetzt, sondern blieb bis zu seinem Tode 1947 Direktor des Instituts. Da dies jedoch durch das schwere Bombardement Würzburgs am 16. März 1945 fast völlig zerstört wurde, war er in der Ausübung seines Amtes in den letzten Jahren stark eingeschränkt.
Nach der Emeritierung Schmidts war die Neubesetzung des Würzburger Pathologielehrstuhls 1934, also ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, natürlich ein Politikum. Daß jedoch keine politische Berufung eines Linientreuen erfolgte, verdankt Würzburg der Intervention von Max Borst, der den Würzburger Lehrstuhl von 1906-10 innegehabt hatte und dafür sorgte, daß sein hochqualifizierter Schüler Groll, der sich bei ihm in der Münchener Pathologie nach 8-jähriger Assistenzzeit (1913-21) habilitiert hatte, berufen wurde.
Während seiner Amtszeit in Würzburg litt Groll unter der schlechten personellen Ausstattung des renommierten Instituts. Mangels Studenten war er bei seiner Forschung fast völlig auf die Hilfe von Doktoranden angewiesen. Sein bedeutendster Mitarbeiter war bis 1939 Prosektor Erich Müller, der nach Grolls Tod 1947 die Leitung des zerstörten Instituts für kurz Zeit kommissarisch ausübte.
- 1903: geboren bei Duisburg
- 1922-27 Medizinstudium
- 1930-39: Pathologieausbildung in Würzburg
- 1936: Habilitation in Pathologie
- 1939-45: Dienst in der Luftwaffe als Pathologe
- 1946: amerikanische Kriegsgefangenschaft
- 1947-48: Kommis. Leiter der Würzburger Pathologie
- 1948: Ruf auf den Erlanger Lehrstuhl
- 1952-53: Dekan der medizinischen Fakultät Erlangen
- 1954-57: Vorsitz. d. Berufsverbandes d. dt. Pathol.
- 1969: Vorsitz. d. Tagung d. dt. Gesell. für Pathologie
- 1971: Verwitwung und Emeritierung
- 1984: Tod
Nach Adoleszenz zur Zeit des 1. Weltkrieges begann Erich Müller (1903-1984) in den nicht minder schwierigen Nachkriegsjahren seine medizinische Ausbildung, die er in Göttingen, Innsbruck, Würzburg und Münster absolvierte. Nach ihrem Abschluß arbeitete er zunächst als Stipendiat der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, bis er 1930 die pathologische Ausbildung in Würzburg als Schüler von M.B. Schmidt begann, der ihn lebenslang prägte. Er habilitierte sich 1936 unter Schmidts Nachfolger, Hermann Groll, mit seiner "Untersuchung über Wesen und Entstehungsbedingungen des bindegewebigen Hyalins".
Als sich der Würzburger Prosektor 1939 auf die Übernahme einer Professor für Pathologie im brasilianischen Porto Alegre vorbereitete, blockierte der 2. Weltkrieg zunächst seine weitere wissenschaftliche Karriere. Während des Krieges war Müller als Pathologe der Luftwaffe an fast allen Fronten (Frankreich, Rußland, Afrika, Italien) im Einsatz. Eines seiner Hauptprobleme war die frühe Manifestation der Koronarsklerose, die wertvolle Piloten und Flugzeuge kostete. In Anerkennung seiner vorzüglichen Arbeit wurde Müller 1942 zum a.o. Professor ernannt und avancierte bis Kriegsende im Sanitätswesen der Luftwaffe zum ranghöchsten Pathologen.
Erich Müller wurde nach dem Tode Grolls 1947 zum kommissarischen Leiter des fast vollständig zerstörten Instituts ernannt, an dem er seine pathologische Ausbildung absolviert hatte. Obwohl die Restaurierbarkeit des Gebäudes lange in Frage stand, gelang es Müller, den Bestand des Institutes zu sichern und seine Arbeitsfähigkeit innerhalb eines Jahres wiederherzustellen.
1949 erhielt Müller einen Ruf auf den im Kriege glimpflich davon gekommenen Erlanger Lehrstuhl, so daß er in den folgenden zwei Jahrzehnten doch noch die pathologische Forschung treiben konnte, die ihm zu Beginn seiner Karriere wegen schlechter geschichtlicher Rahmenbedingungen zunächst versagt geblieben war.
- 1888: geboren in Siegen/Westfalen
- Medizinstudium in Marburg
- 1912: Promotion "summa cum laude"
- 1913: Wehrdienst als Regimentsarzt in Münster
- 1914-1928: im Würzburger Pathologieinstitut
- 1920: Habilitation über Herzpathologie
- 1928-46: Pathologieordinarius in Erlangen
- 1946: Erzwungener Rücktritt wg. "Umerziehung"
- 1948: Gründung eines privaten path. Instituts
- 1949-57: Pathologieordinarius in Würzburg
- 1957: Emeritierung
- 1973: Tod im Altersheim in Regensburg
Der Westfale Eugen Kirch (1888-1973) arbeitete in der Würzburger Pathologie insgesamt 22 Dienstjahre, aufgeteilt auf zwei Arbeitsperioden jeweils zu Beginn und gegen Ende seiner pathologischen Tätigkeit: 1914-1928 absolvierte er hier seine pathologische Ausbildung und die ersten Stufen seiner Karriere; von 1949-1957 leitete er dann das Institut bis zu seiner Emeritierung.
Der Siegerländer Kirch studierte im benachbarten Marburg Medizin. Im Fach Pathologie lernte er schon damals seinen späteren Würzburger Chef M.B. Schmidt näher kennen. Kirch promovierte 1912 mit einer "summa cum laude" bewerteten mikrobiologischen Dissertation. Ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkrieges leistete er 1913 seinen einjährigen Wehrdienst ab als Regimentsarzt in der preußischen Garnisonsstadt Münster.
Seine pathologische Ausbildung begann Kirch mit Kriegsbeginn 1914 in der Prosektur eines Armeecorps. Er setzte sie fort am Würzburger Pathologischen Institut unter Leitung von M.B. Schmidt, seinem Bekannten aus Marburger Studienjahren, der 1913 einem Ruf nach Würzburg gefolgt war. In den folgenden Jahren erlebte er die langwierigen Vorbereitungen auf den 1921 endlich stattfindenden Umzug in den Neubau des Instituts.
Sechs Jahre nach Beginn seiner pathologischen Ausbildung habilitierte sich Kirch 1920 mit Arbeiten zur Herzpathologie. Diese sollte auch später sein bedeutsamstes Forschungsgebiet bleiben. Indem er Hypertrophie und Dilatation des Herzens unter physiologischen und pathologischen Bedingungen studierte, gewann er Erkenntnisse von bleibender Bedeutung, die unter den Begriffen "cor pulmonale" und "Sportherz" heutzutage medizinisches Allgemeinwissen sind.
Auf Grund dieser bahnbrechenden Leistungen erhielt Kirch nach 14 Jahren in Würburg 1928 einen Ruf auf den Pathologielehrstuhl in Erlangen. Dort begann er sein Wirken mit einer programmatischen Antrittsvorlesung über das Sportherz. Auch während seiner 18 Jahre als Ordinarius in Erlangen stand das Herz im Mittelpunkt seines Interesses. So untersuchte er als erster die Herzen von Leistungssportlern, beschrieb deren physiologische Anpassung an gesteigerte Leistung und grenzte diese von pathologischen Degenerationsformen ab.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde Kirch 1946 im Rahmen von pauschalen Umerziehungsmaßnahmen seines akademischen Amtes enthoben. Deswegen gründete er zwei Jahre später mit einem Kollegen ein privates pathologisches Institut in Regensburg. Auch entfaltete er noch im selben Jahr erneut verschiedene Initiativen in Aus- und Fortbildung. Mitten in diesen Aktivitäten ereilte ihn 1949 ein Ruf auf den Würzburger Lehrstuhl.
Seine Annahme konnte Kirch nicht leicht gefallen sein. Schließlich lag das Würzburger Institut am Ende des 2. Weltkrieges in Trümmern, genauso wie die meisten anderen Gebäude der altehrwürdigen Stadt. In den ersten Nachkriegsjahren hatte es Erich Müller als kommissarischer Leiter zwar geschafft, die Ruine vor dem Abbruch zu bewahren und ihre Funktionsfähigkeit als Pathologieinstitut notdürftig wieder herzustellen. Doch war dieser 1948 dankbar einem Ruf auf Kirchs alten Lehrstuhl in Erlangen gefolgt, der im Kriege glimpflicher davon gekommen war.
Eugen Kirch ließ sich jedoch nicht abschrecken, so beklagenswert der äußere Zustand des Gebäudes auch war, dessen Neubau und Inbetriebnahme er als junger Assistent vor ca. 30 Jahren miterlebt hatte. Tatkräftig setzte er die von E. Müller begonnene Instandsetzung des Instituts fort. Indem er für seine Ausstattung mit (regendichten) Dächern, Heizungen und Labors sorgte, kann er als sein 2. Gründer gelten.
Die Berufung auf den ihm aus früheren Zeiten wohlbekannten Lehrstuhl seines alten Mentors M.B. Schmidt hatte natürlich einen besonderen Reiz. Bei dürftigster materieller und personeller Ausstattung musste er anfangs alle Vorlesungen und Kurse selbst halten, trotz hoher Studentenzahlen. Doch langsam besserten sich die Zustände. Nach Abschluß der Reparaturarbeiten in den unteren Etagen wurde auch das Dachgeschoß des Instituts mit der Dienstwohnung für seinen Direktor renoviert. Davon profitierten auch die übrigen Mitarbeiter anläßlich von Institutsfeten.
Nach seiner Emeritierung 1957 kehrte Kirch in das ihm aus der Nachkriegszeit bekannte Regensburg zurück. In seinen letzten Lebensjahren litt er unter fast vollständiger Vertaubung und den Folgen eines Schlaganfalls. Vier Monate nach dem Tode seiner Frau starb Eugen Kirch am 2.4. 1973 in Alter von 85 Jahren einsam in einem Regensburger Altenpflegeheim.
- 1922: geboren in Endorf/Oberpfalz
- 1939-45: Medizinstudium im Wehrdienst in Berlin
- 1945-46: Assistent in Regensburger Lazarett
- 1946-47: Assistent am Krankenhaus Weiden
- 1948-50: Assistent in der Pathologie Regensburg
- 1950-65: im Pathologischen Institut Würzburg
- 1954: Habilitation, Ernennung zum Oberarzt
- 1957-59: kommis. Leiter der Würzburger Pathologie
- 1960: außerplanmäßiger Professor in Würzburg
- 1965: Ruf auf Pathologielehrstuhl in Homburg/Saar
- 1987: Emeritierung
- 2001: Publikationen der "Geschichte des Histopathologie"
- 2014: Tod im Alter von 92 Jahren
Der Oberpfälzer Georg Dohm absolvierte sein Medizinstudium im 2. Weltkrieg im Rahmen des Wehrdienstes an der Militärärztlichen Akademie in Berlin. Die "Peppiniere" hatte 100 Jahre vorher schon einmal einen späteren Leiter der Würzburger Pathologie ausgebildet - Rudolf Virchow.
Nach dreijähriger klinischer Tätigkeit in der heimischen Oberpfalz zu Beginn seiner medizinischen Karriere spürte Dhom seine Berufung zum Pathologen. Er begann seine pathologische Ausbildung 1948 am einem privaten Institut in Regensburg bei Eugen Kirch. Ihm folgte er 1950 anläßlich von dessen Berufung an die Würzburger Pathologie.
1954 habilitiert, diente Dhom dem Institut zunächst weitere drei Jahre als Oberarzt, um 1957 - nach der Emeritierung seines Lehrers Kirch - mit dessen kommissarischer Leitung betraut zu werden. Die langwierigen Nachfolgeverhandlungen fanden erst 1959 mit der Berufung H.W. Altmanns ihren Abschluss. Danach wurde Dhom 1960 in Anerkennung seiner Leistung zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Er diente der Würzburger Pathologie unter ihrem neuen Leiter noch fünf weitere Jahre, bis er 1965 auf den Homburger Lehrstuhl für Pathologie der Universität des Saarlandes berufen wurde. In der Leitung dieses Instituts über 22 lange Jahre bis zu seiner Emeritierung fand Georg Dhom seine Lebensaufgabe.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählte die Tumorepidemiologie. Um diese machte er sich mit der Gründung des saarländischen Krebsregisters verdient. Es lieferte jahrzehntelang als einziges deutsches Krebsregister verlässliche Zahlen zur Tumorepidemiologie (dank der saarländischen Meldepflicht). Auch der Pathologie endokriner Organe, und hier insbesondere der Nebenniere, galt sein wissenschaftliches Interesse. Dagegen beruhte Dhoms hohes internationales Ansehen überwiegend auf seinen Forschungen zum häufigsten Tumor des Mannes: dem Prostatakrebs.
Die Jahre nach seiner Emeritierung 1987 im Alter von 65 Jahren widmete Dhom einem während seiner Berufsjahre zu kurz gekommenen Interesse, der "Geschichte der Histopathologie", so der Titel der umfangreichen, nach über 10-jähriger Arbeit 2001 herausgekommenen Monographie. Dabei handelt es sich mehr um eine "Geschichte der Histopathologen". Ihre Wirkungsstätten besuchte er im Rahmen seiner Recherchen zur Einsichtnahme in lokale Archive allesamt.
Georg Dohm starb 92-jährig verwitwet am 7. Nov. 2014 in Homburg/Saar.
- 1916: geboren in Herford
- Medizinstudium an 5 Universitäten
- Pathologieausbildung in Freiburg bei Büchner
- anschließend Professur an der FU Berlin
- 1959: Pathologieordinarius in Würzburg
- 1985: Emeritierung
- 2011: Tod im Altersheim in Würzburg
Der Westfale Hans-Werner Altmann begann sein Medizinstudium in Berlin und setzte es in schwieriger Zeit in Würzburg, Freiburg und Königsberg fort. Die ersten drei Orte sollten auch in seiner späteren Karriere als Pathologe eine große Rolle spielen.
Nach Ende des 2. Weltkrieges kehrte Altmann zum Abschluß seines Studiums nach Freiburg zurück. Dort absolvierte er auch als Schüler F. Büchners seine pathologische Lehre. Nach seiner Habilitation ging er an die TU Berlin und erwarb sich wissenschaftliches Renommee.
1959 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl der Würzburger Pathologie als Nachfolger des zwei Jahre zuvor emeritierten Eugen Kirch. Die Neubesetzung hatte sich wegen langer Verhandlungen mit dem Spitzenkandidaten der 1. Berufungsliste, Erich Letterer, in die Länge gezogen. Als dieser selbst nach Zusicherung aller seiner Forderungen überraschend absagte, erging der Ruf an Hans-Werner Altmann. In der Reihe der 14 Würzburger Lehrstuhlinhaber ist er nach Rudolf Virchow der Zweite, der von Berlin an den Main berufen wurde.
Da Altmann die Zugeständnisse erbte, die Letterer in zähen Verhandlungen dem bayerischen Kultusministerium abgerungen hatte- eine erhebliche Aufstockung der personellen und finanziellen Mittel - konnte er die Aktivitäten des Würzburger Instituts beträchtlich ausweiten. Als er 3 Jahre später (1962) einen Ruf nach Freiburg auf den Lehrstuhl seines Lehrers F. Büchner erhielt, sagte er zwar ab, nutzte jedoch die Gelegenheit, um für das Institut aus den Verhandlungen zur Rufabwendung weitere Zuwendungen an Baumitteln und Einrichtungsgegenständen zu erhalten. So konnte unter seiner Ägide - er leitete die Würzburger Pathologie 26 Jahre lang - eine grundlegende äußere und innere Erneuerung des Instituts stattfinden.
Nach seinem Um- und Ausbau etablierte Altmann neue Forschungsmethoden wie Elektronenmikroskopie, Histoautoradiographie, Histochemie und Immunochemie. Für die angewandte Zytologie, die wegen ihrer Rolle in der Tumordiagnostik stark an Bedeutung gewann, gründete er sogar eine eigenständige Abteilung, eine der ersten ihrer Art in Deutschland.
Unter Altmanns Regie erlebte die klinische Pathologie einen großen Aufschwung. Getragen wurde er nicht - wie in alten Zeiten - von einer Ausweitung der Sektionen, deren Frequenz stagnierte, sondern von der Zunahme histologischer Untersuchungen intraoperativ oder bioptisch entnommener Gewebeproben. Damit einher ging eine Verschiebung der Rolle des Pathologen. Während er früher in erster Linie nach dem Scheitern aller therapeutischen Bemühungen den vielfach ratlosen Klinikern die wahren Todesursachen ihrer Patienten vor Augen führte, wurde er nun wesentlich früher in den diagnostischen Prozeß eingegliedert, wo er oft genug, besonders bei Tumoren, das letzte Wort hat.
Hans-Werner Altmann starb im Alter von 95 Jahren am 31.07.2011 in einem Würzburger Altersheim. In der Todesanzeige einiger seiner Schüler heißt es: "Wir trauern um einen unvergessenen Lehrer von scharfsinnigem Geist, Weitblick und Erkenntnisvermögen, einen wortgewandten Redner und sprachbegabten Schriftsteller mit umfassendem Wissen und unbestechlichem Urteilsvermögen. Den Lauf der Dinge mit kluger Gelassenheit und heiterer Überlegenheit zu betrachten, zu beurteilen und zu beeinflussen, wohl auch zu ertragen, hatte er eine seltene Begabung. Er war zwar distanziert-verhalten, doch ein warmherziger Mensch ..."
- 1943: geboren in Tübingen
- 1962-68: Med-Studium in Tübingen, Montpellier, Kiel
- 1970-85: Pathologieausbildung in Kiel bei Karl Lennert
- 1985: Pathologieordinarius in Würzburg
- 1991-94: Dekan der Medizinischen Fakultät
- 2009: Emeritierung
Der Schwabe Hans Konrad Müller-Hermelink begann sein Medizinstudium mit 19 Jahren in seiner Vaterstadt Tübingen. Nach einem Auslandssemester im südfranzösischen Montpellier wechselte er nach Kiel, wo der sein Studium 1968 abschloss und 2 Jahre später mit einem Thema aus der Pathologie promovierte. Damit waren die Weichen für seine wissenschaftliche Karriere in dreifacher Weise gestellt: Erstens wurde er Pathologe, zweitens blieb er die nächsten anderthalb Jahrzehnte an der Ostsee in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. Vor allem aber spezialisierte er sich in Kiel unter dem Einfluss seines renommierten Lehrers Karl Lennert auf die Lymphomforschung. Ihr widmete er den größten Teil seines Forscherlebens, in dessen ca. 40-jährigem Verlauf über 500 Publikationen erschienen. Nach der Übernahme des Pathologieordinariats in Würzburg 1985 leitete er das Institut 25 lange Jahre. Zu seinen herausragende Leistungen zählt der dortige Aufbau eines Referenz- und Konsultationszentrums für Lymphknotenpatholologie mit Tausenden von Einsendungen jährlich aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Auf der Basis dieses umfangreichen Anschauungsmaterials zur Lymphompathologie entwickelte sich Müller-Hermelink zu einem der weltweit führenden Lymphomexperten und erarbeitete als Mitglied der entspr. WHO-Kommission die aktuelle Klassifikation der Lymphome.
Institutsgebäude
Während seiner über 150-jährigen Geschichte residierte das Pathologische Institut der Universität Würzburg in vier verschiedenen Gebäuden.
Als die Universität Würzburg 1845 einen Lehrstuhl für Pathologie einrichtete, gab es noch kein eigenständiges Institutsgebäude. Deswegen musste der 1. Lehrstuhlinhaber, Bernhard Mohr, seinen Dienst in einem alten Barockgebäude antreten, das schon seit über 100 Jahren die Anatomie beherbergte: dem Gartenpavillon des Juliusspitals, der heutigen Poliklinik der Universität. Auch Mohrs Nachfolger, Rudolf Virchow, musste sich nach seinem Amtsantritt 1849 noch 4 Jahre lang mit dem Provisorium begnügen.
Als seit 1850 die Studentenzahlen dank des Pathologen Virchow und Anatomen Kölliker enorm stiegen, wurde es in dem ehrwürdigen Gebäude zu eng. Deswegen ließ das bayerische Kultusministerium einen Neubau errichten, das "Kollegiengebäude", welches die drei Kernfächer Anatomie, Physiologie und Pathologie unter einem gemeinsamen Dach vereinte. Die Pathologie blieb bis 1878 unter diesem gemeinsamen Dach, fühlte sich dort jedoch nicht glücklich und strebte schon bald nach topographischer Unabhängigkeit.
Die 3. Heimstätte der Würzburger Pathologie war das erste, ausschließlich den eigenen Belangen dienende und in jeder Hinsicht funktionsgerechte Institut in der Köllikerstraße, welches 1878 bezogen wurde. Da der damalige Leiter der Pathologie, Eduard Rindfleisch, von Anfang an in die Planungen einbezogen wurde, entsprach das Ergebnis in jeder Hinsicht den Bedürfnissen der Pathologie. Trotzdem residierte die Pathologie nur 43 Jahre in dem Gebäude.
Mit dem Umzug der Universitätskliniken an den Würzburger Stadtrand in Grombühl musste die Pathologie als Dienerin der Klinik abermals die Koffer packen und 1921 einen Neubau am Rande der neuen Kliniken beziehen, ihr gegenwärtiges Domizil. Es blickt auf eine besonders wechselvolle Vergangenheit zurück, die eng mit der allgemeinen deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert verbunden ist. Zunächst gefährdete und verzögerte der 1. Weltkrieg lange Jahre die Fertigstellung des Gebäudes. Nach erfolgreichem Abschluss wurde es 24 Jahre später kurz vor Ende des 2. Weltkrieges so gründlich zerstört, dass seine weitere Nutzung unmöglich schien. Trotzdem stand es wieder auf. Heute übertrifft das Gebäude mit über 100 Dienstjahren bereits seine drei Vorgänger, die es zusammen auf 76 bringen.
Ursprünglich als Gartenpavillon gedacht, wurde das Gebäude wahrscheinlich von 1703-1714 von Josef Greising errichtet, vielleich aber auch von Antonius Petrini, für den die Form des Gebäudes spricht. Es wurde 1726/1727 auf Anweisung des damaligen Fürstbischofs Franz v. Hutten durch die beiden Flügelbauten ergänzt und zum Theatrum Anatomicum der Universität umgebaut. Interessant sind die beiden, wahrscheinlich von Peter Wagner stammenden Sandsteinfiguren an der westlichen (zum Garten hin gelegenen) Längsseite. Sie zeigen 2 Anatomen, der linke ein Herz haltend, der rechte einen Totenschädel.
Im späteren Verlauf mehrfach umgestaltet und erweitert (1788, 1817, 1826), diente das ehrwürdige Gebäude über 100 Jahre lang von 1726-1853 der Anatomie. Hier wirkten eine Reihe illustrer Wissenschaftler, unter denen besonders Carl Caspar von Siebold, Albert Kölliker und Rudolf Virchow hervorzuheben sind. Nach dem gemeinsamen Umzug von Anatomie und Pathologie ins neugebaute Kollegiengebäude nutzte man den alten Bau u. a. als Gewächshaus, Sommeraufenthaltsraum für Rekonvaleszente des Juliusspitals, Festsaal und als Archiv, bis er im 2. Weltkrieg kurz vor dessen Ende am 16. März 1945 stark beschädigt wurde. Der Wiederaufbau in einfacher Form zog sich bis 1958 hin, wonach man das Gebäude als Veranstaltungszentrum und Festsaal nutzte. Im Zuge einer erneuten Revovierung 1999/2000 wurde im Festsaal der Stuck nach alten Fotographien wiederhergestellt. Nach Spuren der anatomische Vorgeschichte des Gebäudes sucht man in seinem Innern heute jedoch vergeblich.
Das Gebäude selbst blieb erhalten und lässt sich besichtigen. Der Zugang erfolgt gewöhnlich durch das Juliusspital hindurch von der Juliuspromenade aus (Nr. 19) in Höhe der Straßenbahnhaltestelle. Nach Durchschreiten des Juliusspitals (Straßenflügel, Innenhof, Gartenflügel) erreicht man seinen parkartigen Garten, auf dessen Ostseite (rechts) sich der Pavillon befindet.
Da es aufgrund enormer Steigerung der Studentenzahlen in vorherigen Gebäude zu eng wurde, ließ das bayerische Kultusministerium im benachbarten botanischen Garten einen Neubau errichten, das "Kollegiengebäude", welches die drei Kernfächer Anatomie, Physiologie und Pathologie unter einem gemeinsamen Dach vereinte. Nach diesem Konzept wurde wenige Jahre später auch das speziell für Virchow errichtete, erste Berliner Pathologische Institut erbaut.
Erste Hausherren im 1853 eingeweihten neuen Institut waren der Pathologe Virchow und der Anatom und Physiologe Kölliker. Sie waren mit dem Entwurf nicht besonders glücklich, zumal der Bauherr ihnen keinen Einblick in die Pläne gewährt hatte. Auch Virchows rasch wechselnde Nachfolger - August Förster, Friedrich Recklinghausen, Edwin Klebs und Eduard Rindfleisch - konnten sich mit der Konstruktion nicht anfreunden. Es war nur folgerichtig, dass die Pathologie nach institutioneller Verselbständigung auch topographische Unabhängigkeit wünschte.
Nach Umzug der Pathologie wurde das Gebäude abgerissen. Wo Virchow vor vielen Jahrzehnten Medizingeschichte schrieb, parken heute Autos.
Auf das erste, ausschließlich den eigenen Belangen dienende und in jeder Hinsicht funktionsgerechte Institut wartete die Würzburger Pathologie 33 lange Jahre.
Erst 1878, nach 1,5-jähriger Bautätigkeit, ging der Wunsch nach einem separaten Institutsbau in Erfüllung. Da der damalige Leiter der Pathologie, Eduard Rindfleisch, vom Universitätsbaumeister Georg Johann Lutz von Anfang an in die Planungen einbezogen wurde, entsprach das Ergebnis, im Unterschied zu den bisherigen Zuständen, in jeder Hinsicht den Bedürfnissen der Pathologie. Die funktionellen Beschaffenheit der Räume reflektiert die Priorität von studentischer Ausbildung und Sektionstätigkeit (inkl. Demonstration ihrer Ergebnisse für die Klinik) gegenüber experimenteller Forschung.
Trotzdem residierte die Pathologie nur 43 Jahre in dem Gebäude. Mit dem Umzug der Universitätskliniken an den Würzburger Stadtrand in Grombühl musste die Pathologie als Dienerin der Klinik abermals die Koffer packen und 1921 einen Neubau am Rande der neuen Kliniken beziehen.
Der alte Pathologiebau blieb zwar erhalten, wurde aber in der Folge als Fabrikgebäude zweckentfremdet schließlich ebenfalls zugunsten eines Parkplatzes abgerissen.
Das gegenwärtige Institut blickt auf eine besonders wechselvolle Vergangenheit zurück, die eng mit der allgemeinen deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert verbunden ist. Zunächst gefährdete und verzögerte der 1. Weltkrieg lange Jahre die Fertigstellung des Gebäudes. Nach erfolgreichem Abschluss wurde es 24 Jahre später kurz vor Ende des 2. Weltkrieges so gründlich zerstört, dass seine weitere Nutzung unmöglich schien. Trotzdem stand es wieder auf. Heute übertrifft das Gebäude mit über 100 Dienstjahren bereits seine 3 Vorgänger, die es zusammen auf 76 bringen.
Ende des 19. Jahrhunderts war die Würzburger Pathologie mit ihrem 1878 bezogenen Institutsgebäude am Rande des Juliusspitals in der heutigen Köllikerstraße ganz zufrieden. Nachdem jedoch die Universitätskliniken an den Stadtrand auf das Gelände des Luitpoldkrankenhauses im Vorort Grombühl umgezogen waren, musste die Pathologie als Dienerin der Klinik folgen.
Zwar wurde der Neubau oberhalb der Versbacher Straße schon 1911 geplant und 1915 im Rohbau fertiggestellt. Wegen des Krieges und der anschließenden Wirren verzögerte sich die Vollendung jedoch bis 1921. Das hatte den tröstlichen Nebeneffekt, dass die festliche Einweihung an einem historischen Datum stattfinden konnte, nämlich dem 100. Geburtstag Rudolf Virchows, dem zweiten Lehrstuhlinhaber der Würzburger Pathologie.
Aber auch der Schutzheilige der Würzburger Pathologie konnte die Zerstörung des Instituts am Ende des 2. Weltkrieges nicht verhindern. Am 16. März 1945, als ein schweres Bombardement die Stadt Würburg fast völlig vernichtete, wurden auch die Universitätskliniken getroffen und mit ihnen das Pathologische Institut, das bis auf die Mauern ausbrannte und zu mehr als 60 % zerstört wurde.
Dass man hier auch in Zukunft Pathologie treiben könnte, überstieg wohl die Vorstellungskraft des obdachlos gewordenen Institutsdirektors Hermann Groll. Doch dieses Wunder geschah. Das Verdienst dafür gebührt zunächst dem ab 1947 amtierenden kommissarischen Leiter Erich Müller, der unter schwierigsten Bedingungen den Bestand des Instituts sicherte und seine Arbeitsfähigkeit wieder herstellte.
Der eigentliche Instandsetzung des Gebäudes fällt in die Amtszeit des 1949 berufenen Eugen Kirch. Er sorgte für seine endgültige Bedachung und Einrichtung von Hörsälen und Laboratorien. Somit gilt er zurecht als zweiter Gründer des Instituts. Unter Kirchs Nachfolgern Hans-Werner Altmann und Hans Konrad Müller-Hermelink wurde das Institut bedeutsam erweitert und ausgebaut.
Mittlerweile ist die äußere Renovation des schönen, spätklassizistischen Baukörpers nahezu vollendet. Wie man sieht, hat sich der Wiederaufbau gelohnt.
Wesen und Wirken von Virchow in Würzburg
Rudolf Ludwig Karl Virchow (* 13. Oktober 1821 in Schivelbein, Pommern, Königreich Preußen; † 5. September 1902 in Berlin) zählt wegen seiner Begründung der Zellularpathologie zu den größten Medizinern der Geschichte. Zwischen seinen frühen und späteren Jahren an der Berliner Charite, trat er damals im Jahr 1849 als 28-järiger die Professur für Pathologie an der Universität Würzburg an und war damit bis ins Jahr 1856 der 2. Amtsinhaber der Pathologischen Instituts. Diese Periode, auch bekannt als die "7 fetten Jahre", gilt als die wissenschaftlich fruchtbarste seines langen Forschungslebens. Er war ein überzeugter Verfechter der Schwann´schen Lehre von der Zellentstehung in einem amorphen Blastem und entwickelte in Würzburg seine epochale Erkenntnis, dass "omnis cellula e cellula" (Jede Zelle aus einer Zelle) stammt. Die von ihm begründete Zellpathologie sollte viele Jahrzehnte die Grundlage der medizinischen Forschung bilden.
Historisches Archiv
Dank der fachgeschichtlichen Interessen seiner jüngeren Leiter verfügt das Pathologische Institut der Universität Würzburg über ein Archiv.
Das Archiv umfasst hauptsächlich Schriften zu folgenden Themenbereichen:
- Geschichte der Medizin und Pathologie im Allgemeinen
- Geschichte der Universität Würzburg und des pathologischen Instituts
- Literatur über Rudolf Virchow
- Schriften, Reden und Briefe von Rudolf Virchow
- Nachrufe auf bekannte Pathologen
Sektionsgedicht
Die folgende Anleitung zur Sektion in Versen entstand Ende des 19. Jahrhunderts am Pathologischen Institut in Straßburg. Sie beschreibt den Ablauf der vor allen Dingen von Rudolf Virchow hinsichtlich Vollständigkeit und Aufeinanderfolge standardisierten Autopsie. An ihrem Ablauf hat sich bis heute wenig geändert.
In Unterschied zu früher wird Medizinstudenten jedoch heute nicht mehr ihre fachgerechte Durchführung abverlangt, anders als Ende des 19. Jahrhunderts in Straßburg. So war denn der Anlaß für die Verfassung des Gedichtes ein mnemotechnischer - in den Worten des Dichters:
"Beim Werke, das wir jetzt beginnen,
Stellt mancher sich so tapsig an,
Scheint mancher manchmal so von Sinnen,
Daß der es nur begreifen kann,
Der selber im Amphitheater
Gestanden ohne Notberater.
So hab´ auch ich einst mitgemacht,
So wurd´ auch ich einst ausgelacht.
Doch seht, mit meinem guten Herzen
Möcht´ ich euch sparen solche Schmerzen.
Ich mach´, ist´s auch nach Tag und Jahr,
Ein alt´ Versprechen doch noch war;
Ich hoff´, daß niemand drüber muckt,
Erscheint es schwarz auf weiß gedruckt!"
"Es ist der Bauch mit vielen Dingen,
Auch wenn er leer ist, angefüllt;
Wie die gradatim man enthüllt,
Zu merken will oft schwer gelingen.
Zu End´ ist fortan diese Pein:
Ich pauk´ es Euch mit Versen ein!"
Die mit viel Witz, Humor und nicht zuletzt examensvorbereitender Detailiertheit verfaßten Verse bekunden den Siegeszug der Virchowschen Standardsektion, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Medizin längst zur weltweit akzeptierten und praktizierten SOP (standard operating procedure) avanciert war.
Der in den Versen häufig als "Meister" oder schlicht als "er" apostrophierte Prüfer ist kein geringerer als der Pathologiedirektor Friedrich von Recklinghausen, einer der berühmtesten Mediziner der Straßburger Universität gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Einleitung
Manch einer nützt nicht viel im Leben,
Ist doch im Tod nicht ganz verloren,
Wenn er dazu ist auserkoren,
Als Material sich herzugeben,
Damit daran die Herrn Studenten
Nun das Sezieren lernen könnten.
Manch andrer war auch manches nütze,
Muß doch der Menschheit nochmals dienen;
Säh´ der gingsum vergnügte Mienen
Und hörte wohl auch schlechte Witze,
Dächt´ er mit Recht: als Material
Hol euch der – Tod einst auch einmal!
Drum ehret die entseelten Leiber,
So nackt sie auch vor euch sich zeigen;
Sind sie erst eurem Messer eigen,
Ob Kinder, Männer oder Weiber, -
Ehrt sie vor allem jederzeit
Durch Ernst, Geschick und Sauberkeit!
Inspektion
Nach dieser Introduktion
Beginn ich mit der Inspektion.
Den Leichnam sollst du überblicken
Nicht bloß von vorne, auch vom Rücken.
Rasch wirst du dir darüber klar,
Was männlich und was weiblich war.
Dafür ja schon bei einem Kind
Die Zeichen doch recht deutlich sind.
Erröt´ nicht angesichts der Blöße,
Nenn lieber schnell die Körpergröße,
Sag, wie die Knochen sind gebaut
Und wie beschaffen ist die Haut.
Ob Anämie, Blutüberfluß,
Ob Cyanose, Ikterus,
Ob Flecken, ob ein Ausschlag da,
Findst du etwas, diktier´ es ja!
Weißt du nicht sicher: Ist das Schmutz?
Mit einem Schwamm darüber putz´!
Darfst Narben, Wunden nicht vergessen,
Hast sie vielmehr genau zu messen.
Entdeckst du eine Tätowierung,
Dient dir´s wohl gar zur Orientierung,
Wes Geistes Kind der Mensch gewesen:
Aus solchen Zeichen läßt sich lesen!
Denn ließ mit einer Balleteuse
In ihres vollen Busens Blöße
Sich einer seinen Thorax schmücken,
Läßt´s tief in puncto puncli blicken.
Ödem, Geschwülste und dergleichen,
Beim Weib der Schwangerschaften Zeichen,
Beim Kind zumal den Nabelstand
Diktiere laut und recht gewandt.
Und gründlich kannst du ohne Hasten
Den Leichnam unterdes betasten.
Du hast selbst schöner Brüste wegen,
Dich dabei niemals aufzuregen.
Weh, wenn da Arges unterliefe!
Nein, reinen Sinnes einfach prüfe
Fettpolster und Muskulatur!
Die Thoraxform, des Bauchs Figur,
Ob eingesunken, aufgetrieben,
Wird auch in´s Protokoll geschrieben,
Desgleichen die Asymmetrieen.
Drauf prüf´ in Hüftgelenk und Knieen,
Am Arm, der Totenstarre Stärke,
Dann greif´ zum Messer – auf zum Werke!
Beim Werke, das wir jetzt beginnen,
Stellt mancher sich so tapsig an,
Scheint mancher manchmal so von Sinnen,
Daß der es nur begreifen kann,
Der selber im Amphitheater
Gestanden ohne Notberater.
So hab´ auch ich einst mitgemacht,
So wurd´ auch ich einst ausgelacht.
Doch seht, mit meinem guten Herzen
Möcht´ ich euch sparen solche Schmerzen.
Ich mach´, ist´s auch nach Tag und Jahr,
Ein alt´ Versprechen doch noch wahr;
Ich hoff´, daß niemand drüber muckt,
Erscheint es schwarz auf weiß gedruckt!
Schädelhöhle
Von einem Warzenfortsatz gehe
Der Hautschnitt auf die Scheitelhöhe
Zum andern Fortsatz in der Norm,
Daß er bekommt Hufeisenform.
Und darauf frei das Schädeldach
Bis an den Orbitalrand mach´.
Die Schuppe auch vom Occiput
Befrei´ von jedem Weichteil gut.
Waagrecht durchsäg´ den Schädel, rund
Dann zwischen Stirnbeinhöcker und
Dem obern Rand der Orbita,
Doch schon´ des Schädels Inhalt ja!
Die Säge hinten fingertief
Unter dem Lambdawinkel lief.
Drauf mit der Darmscher´ stumpfer Spitze,
Gesetzt, daß sie zu fest nicht sitze,
Die Dura mater abgewühlt,
Das Dach gelöst und abgespült.
(Hängt fest die Dura an dem Dach,
Die Sache etwas anders mach.
Durchschneide sie dann ringsum fein,
Stich auf die Crista galli ein,
Von dieser noch die Falx zu trennen.
Wirst jetzt den Deckel heben können!)
Nun wird das Schädeldach betrachtet,
Die Form und Dicke wohl beachtet,
Ob´s sehr, ob´s wenig transparent,
Ob Impressionen man erkennt;
Auch an den Nähten den Befund
Tu möglichst laut und deutlich kund;
Doch sage nie die Diagnos´ -
Hier gilt es die Beschreibung bloß!
Den medianen Sinus drauf
Mit langem Flachschnitt schneide auf.
Wenn du hier ein Gerinnsel findest
Nach Art und Schichtung du´s verkündest.
Faß jetzt mit der Pinzette zu,
Durchschneid´ die Dura rings in Ruh
Vorsichtig mit der kleinen Scher –
Mit einem Messer ist´s zu schwer.
Nun eine Hälfte umgeklappt,
Damit man alles fein ertappt,
Was in und unter ihr nicht stimmt;
Drauf man die andere Hälfte nimmt,
Die Dura wird gespannt gehoben,
Und senkrecht sticht man ein von oben,
Löst so die Falx vom Hahnenkamm
Und zieht sie nun nach hinten stramm;
Durchtrennt sie flott am queren Sinus,
- Wer das nicht weiß, hat schon ein minus! –
In toto drauf die Dura wird
Zart abgeputzt und inspiziert.
Bevor du noch an Weitres denkst,
Die Studien du darauf lenkst,
Wie stark die Gyri ausgeprägt,
Siehst wohl auch, was du – angesägt.
Weißt du es richtig anzupacken,
Legst du den Klotz jetzt in den Nacken!
Gehirn
Es gilt verschied´nes zu durchschneiden:
Den Riechnerv erst und dann den zweiten,
Worauf sich beide Karotiden
Sogleich der Messerklinge bieten.
Jetzt rechts, dann links den Schädel legen –
Es ist das des Tentoriums wegen,
Das hinten hart am Felsenknochen
Von innen her wird abgestochen.
Es stützet das Gehirn gewandt
Von jetzt an deine linke Hand.
Es folgen dann am Augenspalt
Vier weit´re Nerven alsobald.
Durchschneid´ sie alle möglichst tief,
Sonst geht es später dir wohl schief!
Vom Fünften dann zwei Äste noch
Am runden und ovalen Loch.
Der Siebt´ und Achte treten ein
Mehr hinten in das Felsenbein,
Die neunten, zehnten, elften Paare,
Je am Foramen jugulare.
Durchschneid´ das Kopfmark drauf recht tief;
Der Schnitt geht meistens etwas schief.
Das Hirn nun fast zu Boden fällt;
Nur an den Vertebrales hält
Es eben wie an einem Faden.
Durchtrenn´ auch diese – fort mit Schaden!
Und jetzt versuch´ dich mit der Waage!
Wie dir´s gelingt, das ist die Frage!
Mein lieber Freund, ein wenig schneller
Greif nach dem saubern Hartholzteller!
Und mit der Oberseite jetzt
Gleich das Gehirn daraufgesetzt.
Rasch wasch´ auch einmal deine Hände,
Und nun zur Schädelbasis wende
Den Blick nochmals gemess´ne Zeit,
Ob darin etwa Flüssigkeit,
Tumoren oder gar Fissuren,
Ob and´re patholog´sche Spuren;
Die Sinus jetzt noch aufgemacht:
So wär´ auch dieser Teil vollbracht!
In der Fissure Silvii
Fein sorgsam nach Tuberkeln sieh,
Worauf dieselbe schleunigst wird
Mit flacher Klinge präpariert.
Nun hast du das Gehirn zu wenden
Das Kopfmark nach dem Obduzenten.
Die Pia weiter beiderseit
Den großen Kanten nach durchschneid´;
Sie wird nach außen abgezogen,
Doch gilt´s vorsichtig hier zu proben,
Ob fest, verwachsen, trüb sie sei;
Das alles ist nicht einerlei.
Ist das Gehirn schon weich und schmierig,
Wird jetzt die Sache gründlich schwierig,
Und auch wenn es noch ganz normal,
Gelingt es doch nicht allemal.
Da kann man seine Kunst erst zeigen;
Der Rest ist freilich meistens ... Schweigen!
Seitenventrikel
Die Hemisphären, wer geübt,
Erst etwas auseinander schiebt;
Der Balken so zu sehen wäre; -
Nimmt dann die linke Hemisphäre,
Und hebt ein wenig sie nach oben:
Das Messer wird weit vorgeschoben,
Daß man die ganze Klinge nütze
Und nicht nur schnitzle mit der Spitze.
Die Klinge halb nach rechts geneigt
Schneid´ unterhalb der Balkenwindung;
Das ist der Schnitt, mit dem man zeigt
Der Technik vollkommne Ergründung.
Wer des Ventrikels Boden schont,
Mit stillem Beifall wird belohnt.
(Laut hab´ ich "ihn" nie loben hören,
Das kann ich nöt´genfalls beschwören!)
Vollend´ in des Ventrikels Ecken
Den Schnitt, ihn gänzlich aufzudecken.
Hast glücklich du´s zu Weg gebracht,
Hab´ sorgsam weiter darauf acht,
Ob drin die Flüssigkeit vermehrt,
(Wobei denn die Erfahrung lehrt:
Gelang das Kunststück leichter Hand,
ein inn´rer Wasserkopf bestand!)
Der Ganglien Färbung dir betrachte,
Bestreich´ mit einem Finger sachte
Dann auch einmal das Ependym,
Ob kleine Körnchen nicht auf ihm,
Ob es nicht wenigstens verdickt.
Du denkst: potz Blitz, ist das verzwickt!
Verzwickter ist´s, auf solche Sachen
Gar erst noch einen Reim zu machen!
Rechts hat dasselbe zu geschehen;
Brauchst dir den Teller nur zu drehen,
So hast du alles handgerecht;
Machst du es anders, ist es schlecht.
3. Ventrikel
Durch das Monro´sche Loch geschoben
Des Messers Spitze, und nach oben
Mitsamt dem Plexus durchgekappt
Den Balken, und zurückgeklappt!
Rasch dann das Velum präpariert,
Bis zum Vierhügel inspiziert.
Die Zirbeldrüse drauf durchschneide,
Den Balken lege hübsch zur Seite,
Nachdem er seitlich eingeschnitten.
So kannst du der Ventrikel dritten
Beschaun mit aller Muße ganz
In spiegelnder Beleuchtung Glanz.
4. Ventrikel, Kleinhirn
Giebst du etwas auf meine Winke
Schieb unter´s Kleinhirn flach die Linke;
Den Oberwurm mit langem Schnitte
Durchschneid´ darauf entlang der Mitte:
Hast jetzt auch den Ventrikel offen,
Und unverletzt, das will ich hoffen!
Durch jede Kleinhirnhemisphäre
Erfolgt ein Schnitt nun, der primäre,
nach außen hübst von mitten innen;
Kannst links dabei, auch rechts beginnen; -
Und dazu perpendikulär
Schneid´ fächerförmig, radiär!
Führ´ diese sekundären Schnitte –
´s ist eine wohlgemeinte Bitte! –
Den linken Fingern parallel,
Sonst schneid´st du dich mit dem Skalpell.
Zuletzt mit sanftem Wasserstrahl
Durchblättre dann dein Werk einmal.
Großhirn
Die beiden Großhirnhemisphären
Nun vollends zu sezieren wären;
In deines ersten Schnitt´s Vollendung
Giebst du der Sache diese Wendung:
Im halben Rechten leg´ den Schnitt,
Triffst so der Basis Ganglien mit;
Schneid´ bis zur Rinde, mit Geschicke
Läßt du hier stehen eine Brücke.
Senkrecht zur neuen Fläche dann
Leg´ weiter den Primärschnitt an.
Denk dir, daß jede Hemisphäre
Gleich einer Apfelsine wäre,
Die durch den Hauptschnitt erstlich wird
Gleichmäßig kunstgerecht halbiert;
Dann der Primärschnitt unverweilt
Die ob´re Hälft´ zu Vierteln teilt;
Das äuß´re Viertel löse drauf
In die verschied´nen Schnitze auf –
(Das tun die sekundären Schnitte,
Die ich nicht zu vergessen bitte!)
Die Ganglien noch übrig bleiben:
Zerleg´ sie in frontale Scheiben.
Was nur im Großhirn ist zu sehen,
Kann dir so nimmermehr entgehen!
Hat man das gründlich inspiziert,
Wird alles wieder reponiert.
Nach allzu gründlichem Tranchieren
Ist das so leicht nicht auszuführen,
Was sich zumal zu zeigen pflegt.
Wird das Gehirn jetzt umgelegt,
Um auch der Basis beizukommen;
Da wird manch böser Spott vernommen!
Es läßt die Pia ohne Mühen
Sich nun von Pons und Kopfmark ziehen,
Worauf auch diese ein´gemal
Durchschnitten werden hübsch frontal.
Nun heißt´s, ein kleines Kunststück machen
Und alle diese Siebensachen
- So viele wurden meist daraus -
Zum eig´nen und des Meisters Graus –
Fein pünktlich nochmals abzuwiegen;
Man lasse nicht das Beste liegen!
Die Differenz von beiden Malen
Soll ja die zerebrospinalen,
Nun abgeflossnen Liquormassen
Nach ihrer Menge schätzen lassen.
Dann wär´ das schwere Werk vollbracht:
Der kann sich freu´n, der´s recht gemacht!
Thorax und Bauch
Vom Adamsapfel in der Mitte
Am Nabel links in keckem Schnitte
Bis zur Symphyse schneide man
Und wend´ die ganze Schneide an.
Vorsichtig durch des Bauches Decken,
Um nicht dem Darme eins zu stecken;
Dann kerbt man beide Rekti ein:
„Er“ macht das ganz besonders fein!
Drauf gilt´s mit ein´gen Messerzügen
Den Brustkorb sauber frei zu kriegen,
Wälzt man die Haut nicht tüchtig um,
Nimmt das der Meister gerne krumm.
Nun überblickt man schnell bei Lichte
Des Bauch´s sonst düstere Geschichte,
Und bringt da recht vornehmlich bei,
Was etwa nicht in Ordnung sei.
Man sehe, ob im kleinen Becken
Nichts Patholog´sches zu entdecken,
Denn tut man das erst hinterher,
Ist oft die Diagnose schwer.
Zumal, wenn´s gilt, den Bauch zu füllen,
Um eines Pneumothorax willen:
Es wird ja, ist darauf Verdacht,
Voll Wasser ganz der Bauch gemacht.
Das Zwerchfell sticht man an darunter,
Und trifft sich´s, steigen Bläschen munter
An´s Tageslicht mit viel Getös:
Versäumt man´s, wird der Meister bös.
Nun greift man zu dem Knorpelmesser –
Das alte kleine ist oft besser,
Doch breche man es ja nicht ab,
Wozu der Staat sein Geld nicht gab!
Die Schneid´ ist senkrecht aufzusetzen,
Um nachher sich nicht zu verletzen.
Setz an der zweiten Rippe an,
Die erste kommt erst später dran.
Mit flottem Zieh´n, ganz leichtem Drücken
Durchtrennt in wenig Augenblicken
Nah an dem Knorpelknochensaum
Die Rippenknorpel man wie Schaum.
Dem Meister wenigstens gelingt es,
So leicht kein anderer vollbringt es;
Wird unsereinem es zu schwer,
Langt keck er nach der Knochenscher´.
Darfst jederzeit nach dieser greifen,
Die erste Rippe durchzukneifen,
Dem Platz zu lieb nach aussen mehr
Wird sie gezwickt von unter her.
Jetzt ist es Zeit, daß man gedenke
Der Brustbeinschlüsselbeingelenke:
Senkrecht die Spitze aufgesetzt
Im Bogen sie umstochen jetzt.
Weiß man nicht recht, wo sie gelegen,
Darf man die Schulter nur bewegen,
Und alsbald wird es offenbar,
Was eben noch sehr dunkel war.
Nun wird das Sternum abgehoben,
Man dreht und zieht und reißt nach oben,
Was noch den Deckel tückisch hält,
Dem Messer rasch zum Opfer fällt.
Was lang in dieser Brust geborgen
Begrüßt den späten Montagsmorgen,
Nun offenherzig, wie noch nie!
Rasch, liebes Freundchen, übersieh,
Wie sich die Lungen retrahierten,
Ob nicht die Pleuren exsudierten,
Ob man Tuberkel nicht gewahrt,
Wie groß, wie frei das Perikard!
Drauf gilt es, dieses einzuschneiden
Längs bis zur Basis, nach den Seiten
Nach links und rechts, du weißt ja schon,
Zum umgekehrten Ypsilon.
Der Körperhöhlenflüssigkeiten
Versichre man sich stets bei Zeiten.
Mit wahrer Virtuosität
Der Meister hier zu Werke geht.
Kostbarer, denn aus Malz und Hopfen,
Ist ihm ein jeder winz´ge Tropfen,
Den er mit wohlgekrümmter Hand
Dem toten Leibe noch entwandt.
Dem Praktikant wird bang und bänger,
Die Zeit den andern lang und länger:
Dies war ja noch Introduktion,
Jetzt kommt erst recht die Sektion.
Es macht oft schon zu Lebenszeiten
Ein Herz recht große Schwierigkeiten,
Bis Klarheit man darob erreicht,
Doch auch im Tode ist´s nicht leicht.
Ja, wenn im Kopf sich die Ideen
In wildem Tanz dem Menschen dreh´n,
Wer weiß noch, was die Regel heischt?!
Wie wird da oft ein Herz zerfleischt!
Wie oft mußt´ solchen Jammer schauen
Der Meister schon mit inn´rem Grauen!
Ich fürcht´, an seinem Leben zehrt´s,
Drum dicht´ ich schnell: Das Lied vom Herz.
Herz
(Melodie: Wohlauf Kameraden, auf´s Pferd etc.)
Schieb´ deine linke hohle Hand
Dem Herzen völlig unter,
Zieh´s nach der rechten Thoraxwand
In sichrer Haltung munter;
Das Herz bleibt dabei unverdreht
Und seine Spitz am höchsten steht.
So spannest du am besten an
Die Venae pulmonales,
Die im Examen manchen Mann
Beim Situs sehr fatales;
Dazwischen schneid´ den Vorhof ein,
Doch schone die Mitralis fein!
So sparst dem Meister du Verdruß
Und dir gelinde Schande.
Den linken Herzventrikulus
Eröffne längs der Kante;
Bis zu der Spitze schneide ja,
Sonst heißt´s: „Ist das geschnitten da?“
Vom linken Vorhof führe ein
Zwei Finger zur Mitralis,
Bringst du sie ohne Müh hinein,
Die Weite ist normalis.
Den Daumen dann der linken Hand
In des Ventrikels Schlitz gewandt!
Und in den linken Thorax d´rauf
Hinab das Herz versenke,
Daß beider Venae cavae Lauf
Zum Tageslicht sich lenke;
Grad´ zwischen beiden schneide dann
Den rechten Vorhof mutig an!
Darauf die Klappe überspring´,
Die man dreizipflig nannte,
Und dann in den Ventrikel dring´
Knapp vor der rechten Kante;
Schneid´ an der Spitze nicht zu weit,
Weil dort das Septum Halt! gebeut.
Den Daumen nun in´s rechte Herz
Den Index in das linke,
Heb´ so das Ganze schädelwärts,
Schneid´s ab recht flott und flinke,
Doch nicht zu nah am Herzen dran,
Daß man auch noch was sehen kann.
Du siehst, das ging ja ganz famos,
Der Meister selbst blickt heller,
Reicht dir sogar ganz anstandslos
Den nöt´gen Hartholzteller.
Nach vorn des Herzens Ohren steh´n,
Danach kannst du nicht irre geh´n.
Rechts führe nun die Darmscher´ ein
In des Ventrikels Mitte,
Such´ dir die Pulmonalis fein,
Dann zu in keckem Schnitte! –
Vorsichtig schone dabei nur
Die Papillarmuskulatur.
Am Septum ins Aortenrohr
Im linken Herzventrikel
Geh´mit derselben Schere vor,
Hab´ Acht, daß nicht ein Zwickel
Der Pulmonalis dabei fällt,
Und auch das Herzohr sich erhält.
Es war mir angenehme Pflicht,
Bis hierher dich zu führen,
Wie schade, daß ich für dich nicht
Kann diagnostizieren.
Darin glänzt ein für alle Mal
Ein jeder selbst von Fall zu Fall.
Das Lied vom Herz ward´ ziemlich lang,
Gottlob! Es ist gesungen!
Es geht in regelrechtem Gang
Jetzt weiter zu den Lungen.
Lungen
Faß´ fest der linken Lunge Spitze
Und reiß´ sie vom gewohnten Sitze
Nach abwärts und links außen hin –
Recht kräftig, das befriedigt ihn.
Schneid´ Bronchus und Gefäße knapp
Am Hilus miteinander ab.
Dann kannst du sie beruhigt stecken
Vorläufig in das Wasserbecken.
Nimm auch die rechte ohne Flausen
Und ziehe sie nach unten außen.
Durchschneide über deiner Hand
Am Hilus alles recht gewandt
In den bekannten großen Zügen;
Die größten grade noch genügen.
Darauf kannst du beruhigt stecken
Auch diese in das Wasserbecken.
(Sind beide Pleuren fest verklebt,
So sei zu trennen sie bestrebt
Mit deinen Fingern nur zuerst;
Ein Knorpelmesser dann begehrst
Du weiterhin mit Fug und Recht,
Geht es sonst gar nicht oder schlecht.
Zum Brustkorb senkrecht einen Schnitt,
Dann nimm die Rippenpleura mit.
Das weitere kann ich mir sparen:
Du hast wie oben zu verfahren.)
Jetzt aber kommt ein Hauptmoment,
Woran "er" jeden leicht erkennt,
Ob der nicht mit dem großen Haufen
Vorzeitig meistens fortgelaufen:
Jetzt nämlich wird der Klotz entfernt,
Was man nur durch Anschauung lernt.
Dann aber lernt man es auch faktisch,
Daß dieses gerade jetzt sehr praktisch!
Bevor die Lunge wird tranchiert,
Der Teller nämlich wird postiert
Topfeben auf der offenen Brust,
Da schneidet sich´s mit wahrer Lust!
Nun nimm die linke Lung´ herbei –
Die nämlich mit der Lappen zwei -;
Die wird auf ihrer Basis jetzt
Gleich einem Kegel aufgesetzt.
Den Hilus von dir abgewandt
Fixier´ sie mit der linken Hand.
Bis auf die Basis von der Spitz´
Zu schneiden gleich ist hier der Witz;
Und zwar, ist es auch etwas schwer,
Zum Hilus perpendikulär.
Darauf eröffne mit der Schere
Die Bronchien ins Periphere,
Auch die Gefäße, denn er spitzt
Stets d´rauf, ob nichts in diesen sitzt.
Bis du damit zu End´ gekommen,
Die rechte Lunge vorgenommen!
Hier gilt es sich recht festzukrallen
Zugleich in den drei Lappen allen.
Das übrige kann ich mir sparen:
Nur analog wie links verfahren!
Man achte auf Atelektase,
Auch auf Ödem und Hypostase,
Ob rauh der Schnitt, ob vielmehr glatt,
Ob frisch gestrichen, glänzend, matt,
Ob Härten, Hepatisation,
Tuberkel oder Käse schon,
Bronchiektasen und Kavernen?
Ja, Freundchen, da giebt´s viel zu lernen!
Bauch
Es ist der Bauch mit vielen Dingen,
Auch wenn er leer ist, angefüllt;
Wie die gradatim man enthüllt,
Zu merken will oft schwer gelingen.
Zu End´ ist fortan diese Pein:
Ich pauk´ es euch in Versen ein!
Nächst der Milz die linke Niere,
Dann die rechte obduziere,
Den Zwölffingerdarm zerlege,
Achte auf die Gallenwege;
Magen und Ösophagus
Nach der Regel folgen muß.
Dazu kommt das Pankreas,
Leber dann und Gallenblas´,
Drauf den Darm von dem Gekröse
Aufwärts erst, dann abwärts löse.
Nach der Blase, kannst es ahnen,
Geht´s zu den Geschlechtsorganen,
Rektum, Damm, zum guten Schluß:
Darmeröffnung, Hochgenuß!
Milz
Es dient die Milz verzwickten Zwecken
Im linken Hypochondrium,
Wo sie gewöhnlich zu entdecken,
Nur selten wandert sie herum.
Wenn man nach rechts den Magen zieht
Man sie zumeist schon liegen sieht.
Da faßt man am gewohnten Orte
Sie sicher mit der linken Hand,
Durchschneidet an der Eingangspforte
Ihre Gefäße und das Band.
Dann wird sie peinlich inspiziert,
Mit einem Längsschnitt platt halbiert.
Stimmt etwas nicht, so wird es eben
Genau zu Protokoll gegeben;
Ob sie zu groß, zu dick, zu dünn,
Zu klein, ob gar Infarkte drin,
Tuberkel, ja Amyloid,
Darauf der Pathologe sieht!
Mit „braun“ sei man niemals zu schnell:
In Straßburg aber ganz speziell!
Nieren
Doch weiter, weiter ohne Weile!
Nach rechts gewälzt die Därme schnell;
Ein Schnitt links von der Wirbelsäule,
Nach dieser und ihr parallel,
Wird uns in erster Linie frommen,
Der linken Niere beizukommen.
Nach außen Schnitt um sie im Bogen,
Darauf wird sie herausgezogen.
Den Hilus hohlhandwärts gewandt
Nimmt man sie in die linke Hand.
Vier Finger werden ausgestreckt,
Daß sie wie in der Presse steckt.
Die Nierenkapsel schneidet man
Entlang dem ganzen Rande an.
Man zieht sie ab, bald sehen wir
Sie zwischen Finger drei und vier
Zum bessern Halt nach außen hängen;
Dann gilt´s, daß ohne hartes Zwängen
Man bis auf´s Nierenbecken schneide
Und dabei doch die Hand vermeide.
So einer dabei Ängsten hätte
Mach´ er das letzte auf dem Brette!
Nun kommt als paariges Organ
Zunächst die rechte Niere dran.
Da gilt es erst noch Zugang schaffen,
Nach links die Därme alle raffen,
Der Blind-, der rechte Dickdarm wird
Von seinem Grund abpräpariert.
Man hilft mit leichten Messerzügen;
Bald hat man beide draußen liegen.
Des weitern trennt das Zwerchfell man
Von seinem Ansatz schleunigst dann,
Und zwischen Leber drauf und Niere
Das Zwerchfell man noch disseziere.
Der linke Thorax nimmt hierauf
Die Leber provisorisch auf.
Nicht gänzlich aus dem Aug´ verliere
Ureter man und Nebenniere.
Das Übrige wird ausgeführt
Wie linkerseits ist demonstriert.
Magen
Dem Duodenum und dem Magen
Geht es des Weitern an den Kragen,
Nachdem die Leber wohlbedacht
An ihren Platz zurückgebracht.
Die Därme lag´re man dabei,
Daß jene beiden möglichst frei.
Am untern End´ wird angeschnitten
Das Duodenum, und inmitten
Der Vorderfläche längs hinan
Geht es bis zu dem Magen dann.
Da aber hält die Darmscher nur
Sich an die große Kurvatur,
Bis sie an dem Ösophagus
Sich wieder vorlängs halten muß.
Dann wird es durch ein leichtes Drücken
Der Gallenblase meistens glücken,
Den wicht´gen choledoch´schen Gang
Zu finden und auch ihm entlang.
Er wird – ist´s grade indiziert –
Mit flacher Klinge präpariert,
Und, wenn aus Gründen dran zu halten,
Mit einer Schere noch gespalten.
Ist alles darauf wohl besehen,
Kann´s wieder etwas weiter gehen.
So mancher Magen knurrt schon lang
Und ist für etwas schnellern Gang!
Leber
Willst einen Fehler du vermeiden
Mußt du das Duodenum schneiden
Jetzt von der Leber – umgekehrt
Ist es dir wohlgemerkt verwehrt!
Dann aber holt die Leber man
Und läßt ein Stück vom Zwerchfell dran,
Um bei dem folgenden Tranchieren
Mit ihr bequemer zu hantieren.
Und ehe sie noch wird gewogen,
Vom Hilus aus wird abgezogen
Meist ohne Müh´ die Gallenblase,
Eröffnet über einem Glase.
Dann schau dir ihre Schleimhaut an,
Ob nicht etwas besondres dran.
Merk: hierzuland der Gallenstein
Ist laut Statistik ganz gemein,
Was nebenbei auch draus erhellt,
Wie oft Naunyn ihn vorgestellt.
Oft bei der Leber ist genug
Von rechts nach links ein Messerzug,
Ein Schnitt noch, der drauf senkrecht liegt,
Und weg das Messer! Das genügt!
Der Meister wenig Freud´ entwickelt,
Wenn man sein Material zerstückelt.
Und stets behalt man´s in den Augen:
Nur grosse Schnitte etwas taugen! –
Ist hier gestellt die Diagnos´,
Geht gleich die Darmablösung los.
Darmablösung
Jetzt liegt der Blinddarm schlechterdings
Am weit´sten neben draussen links.
Wer an die Regel sich will binden,
Der kann ihn blindlings sicher finden.
Charakteristisch ist der Griff!
Man merke sich den kleinen Kniff.
Nun steche man am Coecum ein,
Doch schneide man ja nicht hinein!
Leichtsinnig gar es zu durchtrennen
Hieß´ "seine" Nachsicht arg verkennen!
Nein: darauf steht die Todestrafe,
Das merk´ sich weislich jeder Brave!
Es wird nun wie ein Fidelbogen
Das Messer hin- und hergezogen;
Dabei soll das Guirlandenschneiden
Durch flottes Ziehen man vermeiden.
Mit Fug und Recht in Staunen setzt,
Wer nirgendswo den Darm verletzt.
Oft wird um Unterbindungsfäden
Dabei per Telegramm gebeten,
Die auch, darauf schon eindressiert,
Der Diener schleunigst präsentiert.
Ging´s bis zum Duodenum prächtig,
Bleibt doch der Zweifel immer mächtig,
Ob nicht bis an des Rektums Tiefen
Noch ein´ge Löcher unterliefen!
Denn wahrlich, eh´ man sich´s versah,
Ist irgendwo ein solches da,
Durch das, als wär´s für ihn gerichtet,
Sich gleich ein Askaride flüchtet.
Doch endlich kommt man an das End´;
Am Rektum wird nun auch durchtrennt.
Der Darm wird jetzt bei Seit´ gelegt,
Denn seine Stunde noch nicht schlägt,
Fein hübsch gesondert jedes Ende,
Sonst schaue einer, wie er´s fände!
Sofern „er“ an das Essen denkt,
Wird dir der Darm wohl gar geschenkt.
Doch denkt "er" daran furchtbar selten:
Die Regel bleibt als Regel gelten!
Blase
Der Blase geht es jetzt zu Leibe,
Die hier von feuchtem Zeitvertreibe,
Der oft zum Platzen sie gespannt,
Die allzu frühe Ruhe fand.
Du spannest ihre Vorderwand
Ein wenig mit der linken Hand
Und schneidest mit der Rechten quer,
Drauf machst du sie von Inhalt leer.
Riecht dieser ammoniakalisch,
So ist das meistens postmortalisch!
Ist trüb beim Mann er oder Weibe
Sag´ von Zystitis nichts bei Leibe,
Es sei denn, daß dazu sich finde
Noch eine Reihe andrer Gründe;
Und außerdem die Diagnos
Sollst du am Ende geben bloß!
Der Schleimhaut Farb´, der Wandung Dicke
Sind viel mehr wesentliche Stücke,
Findst du die hypertrophisch sehr,
So ist das meist trabekulär!
Geschlechtsorgane
Jetzt fragt es sich, ob dein Objekt
In Hosen oder Rock gesteckt; -
Im Leben meine ich natürlich,
Und übersehe, daß figürlich
Man oft im Leben sagen kann,
Es hab´ das Weib die Hosen an.
Ist es ein „Er“, kann´s interessieren
Die Hoden ihm zu inspizieren.
Sie werden beide ihm luxiert,
Sofern das Paar noch existiert.
Dann forscht man auf Halbierungsschnitten,
Ob er hier irgendwo gelitten.
„Ihr“ Apparat ist kompliziert;
Er wird in toto extirpiert.
Auf Beifall kannst du hier nur pochen,
Hältst du dich an die Beckenknochen;
Ringsum von oben geht der Schnitt,
So nimmt er gleich das Rektum mit,
Die Blase hart an der Symphyse,
So hast du damit gleich auch diese.
Mit Labien, Damm und Anus hat
Man ein komplettes Präparat.
Leg´s auf dem Teller dir zurecht, -
Du denkst wohl selbst: Das ist nicht schlecht;
Wenn´s auch entfernt nicht schön zu nennen!
Ein Mediziner weiß zu trennen
Den Eindruck toten Materials
Und wie´s im Leben allenfalls. –
Zum bessern Überblicke schneide
Jetzt seitlich auf die ganze Scheide,
Den Uterus vorn medial, -
So wenigstens ist es normal –
Dann oben nach den Tubenecken,
Ob nichts im Fundus zu entdecken.
Was alles hier ist bei den Frauen
Abnormes nur zu oft zu schauen,
Das überschreitet meine Grenzen,
Kannst dir´s bei „Ziegler“ leicht ergänzen. –
Beim Rektum pflegt man´s so zu halten,
Daß es von hinten wird gespalten.
(Anmerkung: Klar ist, daß beim Mann
Man´s gleichfalls extirpieren kann!)
Darmeröffnung
Nachdem Du hieran dich ergetzt,
Kommt noch der Darm zu guter Letzt.
So direkt vor dem Mittagsmahl,
Ist zwar die Arbeit sehr fatal.
´s ist eine Wohltat, wenn man grad
Zufällig einen Schnupfen hat,
Wenn´s dabei einem auch passiert,
Daß man ein Nasentröpfchen spürt,
Das peinlich baumelt an der Spitze, -
Kein Schnauben treibt´s von seinem Sitze.
Wenn ich dir gut zu Rate bin
Am dünnen End´ des Darms beginn´;
Denn wenn du folgest der Belehrung,
Sparst du zum Schluß die Hauptbescherung.
An des Gekröses Ansatz schneide,
Und flott dir auf der Schere gleite
Der ganze Darm grad wie geschmiert: -
Die Schmiere meist zur Wahrheit wird.
Was aufgeschnitten, sollst du stecken
Zum Waschen in das Kupferbecken.
Tätst nun das Schlitzen du beenden,
Hat´s damit noch nicht sein Bewenden:
Jetzt kommt zu deiner Peinigung
Erst noch die große Reinigung.
Noch einmal nimm des Dünndarms Ende
In deine sonst so reinen Hände,
Nachdem im Becken du gewühlt,
Vom Darm das Gröbste abgespült.
Ward auch der Schmutz nicht viel geringer,
Laß zwischen Daumen, Zeigefinger
Der linken Hand doch fröhlich gleiten
Den Darm, ihn sauber auszubreiten.
Mit einem Wasserstrahl von oben
Wird, was noch dransitzt, abgehoben,
Und rein, wenn gründlich es geschah,
Liegt deine Arbeit fertig da!
Diktiere schnell, was noch zu sagen,
Es wird in Bälde zwei Uhr schlagen;
Dann wasch befriedigt deine Hände,
Gottlob, nun sind wir ja zu Ende!
Wohltätig wirkt die frische Luft,
Wohl´tätger des Karboles Duft;
Des freuet sich der Medikus –
Und speist zu Mittag mit Genuß