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    Pathologisches Institut

    Virchows Charakter, in der Schilderung durch seinen Schüler Ernst Haeckel

    Ernst Haeckel als Student mit Eltern

    Virchows Würzburger Schüler und späterer Assistent Ernst Haeckel lernte seinen Lehrer im täglichen persönlichen Umgang gut kennen. Nach seinem 1. studentischen Jahr in Würzburg schilderte er in einem Brief an seine Eltern vom 16. 11. 1853 den preußischen Wissenschaftler als Prototyp eines objektiven, strengen, sachlich-nüchternen Geistes:

    "Überall tritt in seinem ganzen Wort und Werk Dir der absolute Verstandesmensch mit klarer und schneidender Schärfe entgegen; tiefe Verachtung und höchst feinwitzige Verspottung Andersdenkender, religiöser Rationalismus oder noch mehr, politischer Radikalismus usw. (bekanntlich ist V. wegen seiner radikalen politischen Ansichten aus Berlin, wohin er sehr gern möchte, förmlich verbannt!), dabei außerordentliche Festigkeit des Charakters. Mich erinnert er mit seiner klaren logischen Schärfe, mit dem feinen, aber beißenden Witz, mit dem hohen Selbstbewußtsein oft sehr an Hiecke. In der Ausführung des Vortrags übertrifft er ihn fast noch. -"

    Als Assistent hatte Haeckel mit Virchow noch engeren Umgang. In seinem Elternbrief vom 21. 5. 1856 beschrieb er die Beziehung zu seinem Chef als problematisch:

    "Mit dem persönlichen Verhältnis zu dem Chef, jetzt der schwierigste Punkt, will sich´s noch immer nicht so recht machen! Es wird auch schwerlich anders werden, sicherlich niemals gemütlich. Wenn Virchow nur nicht so äußerst zurückhaltend wäre und so gar nichts von dem verlauten ließe, was er eigentlich will und meint. So hat er gegen mich z.B. auch noch nicht einmal ein Wort des Lobes oder des Tadels hören lassen, obwohl er, namentlich zu letzterm, reichliche Gelegenheit hatte. Alles sieht er so fabelhaft ruhig, ungerührt und objektiv passiv an, daß ich seine außerordentliche stoische Ruhe und Kaltblütigkeit täglich mehr bewundern lerne und bald ebenso hoch schätzen werde wie die außerordentlich klare Schärfe seines Geistes und den Überfluß seines Wissens. Wenn er meinem schäumenden Sprudelgeiste nur etwas davon abgeben könnte! Nun, mit der Zeit wird das schon werden! Jetzt bin ich wenigstens schon so weit gekommen, daß ich mir jeden Satz, den ich zu ihm sage, eine Viertelstunde lang überlege und ihn dann vor dem Aussprechen noch zehnmal im Munde herumdrehe. Schweigen werde ich dabei vortrefflich lernen! Der einfache Grund davon ist der, daß ich mir in der ersten Zeit, wo ich alle Gedanken so ungeniert herausplauderte, wie ich gewohnt bin, mir entweder das Maul so verbrannte, daß ich nachher wie mit kaltem Wasser begossen dastand, oder aber von ihm so ad absurdum geführt wurde, daß ich mir als der trivialste Wurm unter allen dummen Menschen vorkam. Die lohnendste Antwort, die ich bisher noch erlangen konnte, war nämlich, als ich ihm eine Idee vortrug, die ich über eine mikroskopische Beobachtung gefaßt und von der ich mir Wunder was versprach. - "Ja", sagte Virchow mit seiner gewöhnlichen Ruhe, nachdem er mich angehört, "die Idee habe ich auch einmal in einer gewissen Periode meines Lebens gehabt!"

    Am Ende dieses Briefes schlägt Haeckels Bewunderung von Virchows Charakter in Ambivalenz um:

    "Wie oft habe ich schon dieser ruhigen, klaren, scharfen Größe gegenüber die kleinliche Alltäglichkeit meines unsteten ... Geistes verwünscht! ... Und doch gibt es Stunden, in denen ich nicht mit Virchow tauschen möchte. Kann Virchow wohl je so eines entzückenden Genusses sich erfreuen wie ich ihn so oft in meiner subjektiven Naturbetrachtung, sei es einer schönen Landschaft oder eines allerliebsten Tierchens oder einer niedlichen Pflanze genieße? Sicher nicht! Auch müßte es schrecklich auf der Welt sein, wenn alle Männer so nüchtern und verständig wären ...“

    Bezüglich der Unfähigkeit zur „subjektiven Naturbetrachtung“ hätte Virchows Familie, insbesondere seine kleine Tochter, dem Assistenten Haeckel widersprochen: Ihr Vater schrieb ihr wunderbar zarte Briefe über Blumen ...

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