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    Virchow über Kretinismus in Unterfranken

    Unter Virchows Studien zu regionalspezifischen Problemen - siehe auch "Not im Spessart" - gehört die über die Verbreitung des Kretinismus in Unterfranken zu den bekanntesten. Sie entstand im Rahmen seiner Tätigkeit für die "Physikalisch-Medicinische Gesellschaft", welche sich u.a. die "Erforschung der naturhistorischen und medizinischen Verhältnisse in Franken" zum Ziel setzte.

    Virchow hatte sich schon früher für Kretinismus interessiert und auf seiner Hochzeitsreise in die Schweiz das berühmte helvetische Kretinenhospital besucht. Zur Untersuchung des Kretinismus in der Umgebung von Würzburg fuhr er kreuz und quer durch Mainfranken, um die häufig der Öffentlichkeit entzogenen Kretins aufzuspüren. Ihre Prävalenz gab der statistisch sehr interessierte Pathologe mit 1 : 4.500 an.

    Virchow beschrieb anschaulich die nicht selten menschenunwürdigen Lebensverhältnisse von Kretins und veranlaßte Zeichnungen (vgl. Bild) von besonders typischen oder auffallend veränderten Patienten. Seinen Kretinismus-Vortrag vor der Physico-Medika (Würzburger Fachgesellschaft) referierte sein Assistent Ernst Haeckel in einem Brief.

    Bei der Erörterung der Ursachen der Erkrankung verkannte Virchow den Zusammenhang mit dem bereits hypothetisch diskutierten Jodmangel, obwohl ihm dessen Korrelation zum Kropf bekannt war. Statt dessen favorisierte er ätiologisch ein durch Luft oder Wasser verbreitetes, infektiöses Agens, also ein flüchtiges Miasma, welches er auch fälschlicherweise an der Entstehung des Kindbettfiebers beteiligt sah.

    Zur Linderung des oft traurigen Schicksals der Betroffenen empfahl Virchow Bildung und Erziehung. Der katholischen Kirche, welcher er im allgemeinen kritisch gegenüber stand, attestierte er einen bedeutsamen Beitrag zur Kretinismusprophylaxe:

    Das sicherste Heilmittel gegen das in Rede stehende Übel hat unstreitig die katholische Kirche auf dem Konzilium in Trient dort angeordnet, wo sie jedem Pfarrer zur heiligen Pflicht macht, jeder Verehelichung ein mehrmaliges, umsichtsvolles Brautexamen und eine gründliche Belehrung vorher zu geben.“

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