Edwin Klebs, Vorstand von 1872-1873

  • 1834: geboren in Königsberg
  • 1855: Studium bei Virchow in Würzburg
  • 1858: Promotion u. Approbation in Berlin
  • 1859: Habilitation (Pathologie) in Königsberg
  • 1861-66: Assistent bei Virchow in Berlin
  • 1866-72: Pathologieprofessur in Bern
  • 1870: Militärarzt im deutsch-franz. Krieg
  • 1872-73: Pathologieprofessur in Würzburg
  • 1873-82: Pathologieprofessur in Prag
  • 1882-92: Pathologieprofessur in Zürich
  • 1893: erzwungener Rücktritt in Zürich
  • 1894: Privatlabor in Karlsruhe/Straßburg
  • 1895-1900: Pathologe in den USA
  • 1905-1910: Privatforscher in Berlin
  • 1913: Tod in Bern (Schweiz)

Der Ostpreuße Edwin Klebs (1834-1913) war der 2. Virchow-Schüler auf dem Würzburger Lehrstuhl für Pathologie (die beiden anderen waren sein Vorgänger Recklinghausen und Nachfolger Rindfleisch). Er wurde 1872 hauptsächlich zur Wahrnehmung der "Anforderungen der praktischen Medizin" berufen, weniger als Vertreter der pathologischen Forschung, welcher - besonders der kometenhaft aufsteigenden Bakteriologie - jedoch seine eigentliche Neigung und Leidenschaft galt. Infolgedessen vernachlässigte er die klinische Pathologie so sehr, daß die medizinische Fakultät erleichtert war, als er schon nach 3 Semestern Würzburg wieder verließ, um einem Ruf nach Prag zu folgen.

Von Virchow während seines Studienjahres 1855 in Würzburg für die Pathologie begeistert, wurde Klebs einer seiner berühmtesten Schüler. Er zählt zu den innovativsten Forschern der experimentellen Pathologie der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und insbesondere zu den Begründern der modernen Infektionspathologie. Da er jedoch seine vielversprechenden Arbeiten häufig vor dem letzten, entscheidenden Schritt beendete - was mit seinem unsteten Charakter zusammenhängen mag - gelangen ihm keine Beweise für die bakterielle Ätiologie von Infektionskrankheiten. Deshalb zählt er nicht zu den ganz Großen seiner Wissenschaft. Sein bedeutsamster und bis heute aktueller Beitrag zur Pathologie ist die Paraffineinbettung histologischer Gewebeproben.

Nach 5 Semestern Medizinstudium in seiner Heimatstadt Königsberg (Ostpreußen) wechselte er 1855 nach Würzburg, um den berühmten Virchow zu hören. Als dieser 1856 an die Charite wechselte, folgte ihm Klebs zur Beendigung seines Studiums an die Spree. Das Thema seiner Dissertation lautete: "De mutationibus, quae in intestino inveniuntur, tuberculosis" (Über die Veränderungen des Intestinums bei Tuberkulose). Darin vertrat der junge Klebs die These "Tuberculosis non est hereditaria". Am Ende seines langen Forscherlebens, nachdem Robert Koch das Tuberkelbakterium nachgewiesen hatte, wandte sich Klebs verstärkt der Tuberkulinforschung zu.

Nach seiner Approbation in Berlin 1858 kehrte Klebs in seine Heimatstadt Königsberg zurück, wo er sich 1859 in pathologischer Anatomie habilitierte. 1860 traf er anläßlich der Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte in Königsberg seinen Doktorvater Virchow, der ihm eine Assistentenstelle in seinem Institut in Berlin anbot. Klebs akzeptierte. Seine 5 pathologischen Lehrjahre an der Charite (1861-66) waren offenbar mühsam, denn erst 1864 rückte er von der 3. in die 2. Assistentenstelle auf, was sein Jahresgehalt von 200 Mark auf 300 Mark steigerte. Während dieser Zeit arbeitete er überwiegend an pathologisch-anatomischen Themen.

Die Berliner Durststrecke endete 1866 mit seiner Berufung als Extraordinarius nach Bern. Schon im folgenden Jahr bekam er das Ordinariat. Der Ostpreuße heiratete eine Schweizerin (Rosa Grossenbacher) und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Klebs bezeichnete die Berner Phase (1866-72) in der Rückschau als die glücklichste seines Lebens. In dieser Zeit (1869) machte er auch seine bedeutsamste Entdeckung, eine methodische Innovation, die bis heute den Alltag der Pathologen prägt: die Paraffineinbettung histologischer Gewebeproben, von ihrem Erfinder als "Einschmelzmethode" bezeichnet.

Klebs´ Hinwendung zur Bakteriologie, die in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts am laufenden Bande Triumphe feierte mit der Aufklärung der Ätiologie vieler wichtiger Infektionskrankheiten, erfolgte während des deutsch-französischen Krieges (1870-71). Patriotisch gesinnt wie seine Landsleute und in der Tradition seiner Familie - sein Vater und 6 dessen Brüder kämpften in der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon - meldete sich Klebs als nunmehr Schweizer Staatsbürger zum freiwilligen Dienst in der preußischen Armee.

Während der heißen Kriegsphase im Herbst 1870 obduzierte Klebs im Bahnhofslazarett Karlsruhe 115 Soldaten mit Schußverletzungen, von denen fast 3/4 an Septikämie oder Pyämie gestorben waren. Im Wundsekret entdeckte er Bakterien, von ihm als "Microsporon septicum" bezeichnet. In ihnen erkannte er die Ursache der entzündlichen Veränderungen (Eiterung, Abszess, Pyämie, Septikämie). Damit stellte er sich eindeutig auf die Seite der Vertreter der Bakterientheorie. Dies war damals keineswegs selbstverständlich, wie das Beispiel des berühmten Wiener Chirurgen Theodor Billroth zeigt. Klebs publizierte seine "Beiträge zur pathologischen Anatomie der Schußwunden. Nach Beobachtungen in den Kriegslazarethen in Carlsruhe 1870 und 1871". Bewiesen wurde die infektiöse Genese der Wundinfektion 7 Jahre später (1878) durch Robert Koch in seinen "Untersuchungen über die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten".

Diese Schrift enthält Kochs früheste Formulierungen seiner später berühmten Postulate für den Erregernachweis einer Infektion. Klebs drückte diesen Sachverhalt 1 Jahr früher wesentlicher deutlicher aus, als er 1877 auf der 50. Jahresversammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in München in seinem Vortrag "Über die Umgestaltungen der medizinischen Anschauungen in den letzten 3 Jahrzehnten" im Rahmen seines Bekenntnisses zur mikrobiellen Genese von Infektionskrankheiten bemerkte: "Dass aber in der That alle diese Krankheitsprozesse (Infektionskrankheiten) auf ähnlichen Ursachen beruhen, kann in dreifacher Art bewiesen werden: 1. durch die anatomische Untersuchungen der erkrankten Organe, 2. durch die Isolierung und Züchtung der Krankheitskeime und 3. durch die Neuerzeugung der gleichen Processe durch Uebertragung dieser Keime auf gesunde Thiere".

Ihre endgültige Form erhielten die Postulate 1884 durch Koch in seiner Arbeit über die Tuberkulose. Wenn es auch Koch war, der die Anwendung der Postulate bei seinen Erregernachweisen von Milzbrand, Tuberkulose und Cholera beispielhaft demonstrierte, so ist es Klebs´ Verdienst, sie erstmalig klar formuliert zu haben, so daß es berechtigt ist, von Koch-Klebs´schen Postulaten zu sprechen.

Unglücklicherweise gelang es Klebs kein einziges Mal, den selbst aufgestellten Anforderungen gerecht zu werden und einen lückenlosen Erregerbeweis zu führen, obwohl er sich mit mit großer Energie und Einfallsreichtum darum bemühte. Insbesondere  fahndete er nach den Erregern von Diphtherie, Syphilis, Pocken und Kuhpocken, Typhus, Lepra und Malaria. Dabei war er mehrfach auf der richtigen Spur, brach jedoch seine Untersuchungen vor dem letzten, beweisenden Schritt ab. Zum Scheitern trug auch bei, daß Klebs in Übereinstimmung mit einer damals verbreiteten Vorstellung fälschlicherweise Übergangsformen zwischen verschiedenen Bakterienformen für möglich hielt (Pleomorphismus). So glaubte er lange Zeit an die Existenz von nur zwei Hauptgruppen von "Schistomyceten" (Bakterien), die er als Microsporine und Monadine bezeichnete.

Besonders nahe kam Klebs dem Nachweis des Diphtherie-Erregers, worüber er auf dem Wiesbadener Internistenkongreß 1883 referierte. Er unterschied dabei zwar fälschlicherweise zwischen einer "microsporinen" und "bacillären" Form der Erkrankung. Die stäbchenförmigen Erreger letzterer Form beschrieb er jedoch so detailliert - inkl.der später so genannten Ernst-Babes-Polkörperchen - daß angenommen werden kann, er habe die Erreger tatsächlich gesehen. Den endgültigen Beweis ihrer kausalen Rolle für die Diphtherie unter Erfüllung der Koch-Klebs´schen Postulate lieferte Friedrich Loeffler 1884.

Die Originalität der bakteriologischen Forschung von Klebs bezeugen auch seine methodischen Beiträge. So entwickelte er mit seinem Schüler Tiegel 1881 ein Verfahren zur Sterilfiltration von Flüssigkeiten auf der Basis von "Thonzellen". Anschließend suchte er nach einem festen Nährboden und fand ihn in der sog. Hausenblase, der aufbereiteten Innenhaut der Schwimmblase von Fischen. Bei ihrem Einsatz unterliefen ihm jedoch konzeptionelle Fehler, so daß Klebs letztendlich der große bakteriologische Wurf versagt blieb. 

Dauerhaft eingegangen in die Mikrobiologie ist Edwin Klebs mit der Genusbezeichnung Klebsiella, von Trevisan bereits 1885 vorgeschlagen. Dies erscheint insofern symptomatisch, als Klebs die Ehrung grundsätzlich unzweifelhaft verdient, jedoch nichts speziell zur Abgrenzung der Klebsiellen beitrug. (Die heutige Spezies Klebsiella aerogenes wurde 1883 von dem Berliner Pathologen Carl Friedländer isoliert.)

Ebenso unermüdlich wie in seiner experimentellen Forschung betätigte sich Klebs als Gründer und Herausgeber medizinischer Fachzeitschriften. So gründete er in seiner Berner Zeit (1866-72) das "Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte", aus dem später die "Schweizer Medizinische Wochenschrift" hervorging. Das bedeutendste Ereignis seiner kurzen Würzburger Episode (1872-73) war die Gründung des "Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie" zusammen mit Naunyn und Schmiedeberg. Das 1. Heft erschien am 14. Februar 1873 im Leipziger Vogel-Verlag (heute in Würzburg). Sofort nach seinem Wechsel nach Prag gründete Klebs 1873 den "Zentralverein deutscher Ärzte in Böhmen"; drei Jahre später die "Prager medizinische Wochenschrift".

Die Berufung auf den Pathologischen Lehrstuhl der Universität Prag 1873 erhielt Klebs dank der Fürsprache des einflußreichen Wiener Pathologen Rokitansky. Seine Prager Zeit (1873-82) dürfte die wissenschaftlich fruchtbarste seines Forscherlebens gewesen sein. In sie fällt die Mehrzahl seiner bakteriologischen Untersuchungen. Daneben beschäftigte er sich u.a. mit Tumoren, Endokarditis und Kretinismus.

Klebs gab sich mit dem Erreichten jedoch nicht zufrieden. Nach dem Tod Rokitanskys 1878 erhoffte er sich - allerdings ohne Erfolg - einen Ruf auf dessen berühmten Wiener Lehrstuhl. Als dessen Nachfolger Heschl bereits 1881 starb, brachte sich Klebs in Wien abermals als Nachfolgekandidat ins Gespräch, offenbar mit solchem Nachdruck, daß er mehr Befremden als Sympathie auslöste und den ersehnten Ruf nicht bekam. Als die Prager Universität - eine der ältesten im deutschen Sprachraum - 1882 in einen deutschen und tschechischen Teil aufgespalten wurde, ärgerte dies Klebs - er war in die damit einhergehenden Wirren involviert - so sehr, daß er Prag den Rücken kehrte und nach Zürich wechselte.

Zürich markiert den Wendepunkt in Klebs´ Karriere. 1882 an den Limmat berufen, betonte er gleich in seiner Antrittsvorlesung über "Aufgaben und Bedeutung der experimentellen Pathologie" den hohen Stellenwert seiner Forschung und richtete später in Gestalt des "Chemikum" ein Experimentallabor ein. In der medizinischen Fakultät war er anfänglich so anerkannt, daß man ihn 1886-88 zum Dekan wählte. Von 1887-89 erschien seine "Allgemeine Pathologie" in 2 Bänden, worin er eigenwillige frühere Unterteilung des Bakterienreiches in "Microsporine" und "Monadine" zugunsten moderner Auffassungen aufgab. In der Forschung wandte er sich der Tuberkulose zu, wobei seine Bemühungen, ebenso wie die des älteren Robert Koch - und in diesem Punkt genauso erfolglos - dem Tuberkulin galten. Sein bekanntester Schüler aus dieser Zeit ist Otto Lubarsch, der später als Ordinarius in Kiel (1913) und Berlin (1917) Karriere machte. Neben der Leitung des pathologischen Instituts betrieb Klebs in Zürich eine eigene ärztliche Praxis.

Die Wende in Zürich begann mit einer großen Typhusepidemie, die Klebs auf eine Verunreinigung des Züricher Sees zurückführte. Er glaubte, im Seewasser Salmonellen nachgewiesen zu haben, was Robert Koch in einem angeforderten Obergutachten nicht bestätigen konnte. Schon bei seinem Versuch einer Erstbeschreibung des Erregers 1881 hatte sich Klebs geirrt. Ursächlich für die Epidemie war vermutlich die Verunreinigung einer Wasserleitung durch Bauten am Seeufer.

In der Folge kam es zu einer Kontroverse über die Sanierung der Wasserversorgung. Während die Stadtverwaltung die Wasserentnahme aus dem See mit anschließender Filtration favorisierte, bestand Klebs auf einer doppelt so teuren Quellwasserlösung. Dabei verhielt er sich sehr undiplomatisch. Mit seiner Polemik provozierte er die Stadtverwaltung zu einer Gegendarstellung, die für ihn peinlich war und seiner Reputation erheblich schadete.

Klebs´ Charakter scheint problematisch gewesen zu sein. Er wurde als ungestüm und offen "bis zur Rücksichtslosigkeit und Grobheit" beschrieben. Widerspruch reizte ihn zu Ausbrüchen von Jähzorn, so "daß er sich nicht mehr kannte, daß er nicht mehr wußte, wo er war und was er sprach".

In seinen späteren Züricher Jahren gab Klebs die pathologisch-anatomische Forschung auf und vernachlässigte auch seine Aufgaben als Institutsleiter. Nachdem er alle Gruppen verärgert hatte - seine Mitarbeiter Lubarsch und Hanau schieden im Streit, seinen Kollegen mißfiel Klebs´ barscher Umgangston, die Studenten verlangten eine offizielle Untersuchung der Zustände im pathologischen Institut - drängte ihn die Fakultät schließlich 1893 zum Rücktritt.

Nach dem Ende in Zürich verließ den nunmehr fast 60-Jährigen das Glück vollends, obwohl er energiegeladen immer neue Aufgaben suchte und dabei ruhelos durch die Welt reiste. Zunächst gründete er ein bakteriologisches Privatlabor in Karlsruhe, das jedoch auch nach der Verlegung nach Straßburg erfolglos blieb. Danach scheute er sich nicht, sein Glück in den USA zu suchen, wo er von 1895-1900 arbeitete, zunächst als Leiter eines Sanatoriums in Ashville (North Carolina), ab 1896 dann als Professor für pathologische Anatomie am Rush Medical College in Chicago, wo er gleichzeitig ein Labor an der Postgraduate School leitete.

Nach 5 Jahren in der Neuen Welt kehrte Klebs 1900 nach Europa zurück, zunächst in die ihm zur 2. Heimat gewordenen Schweiz. Im Emmental, dem Herkunftsort seiner Frau, blieb er jedoch nur ein halbes Jahr. Über die Zwischenstation Hannover zog er 1905 nach Berlin, wo Orth ihm im Pathologischen Institut ein Arbeitszimmer überließ. Dort wandte er sich wieder der Tuberkulose zu, dem beherrschenden Gegenstand seiner Altersforschung (von 71 seit 1890 publizierten Arbeiten kreisen 54 um die Tbc). Doch auch seine Impfversuche mit Tuberkelbakterien von Kaltblütern schlugen fehl. 1910 kehrte Klebs wieder in die Schweiz zurück, wo er bei seinem ältesten Sohn in Lausanne wohnte.

Noch in seinem letzten Lebensjahr (1913) drängte es den umtriebigen Greis zu einem Ortswechsel nach Bern. Dort, wo er von 1866-70 nach eigenem Urteil seine glücklichsten Jahre erlebte, verbrachte der 80-Jährige die restlichen 7 Monate einer ruhelosen Existenz, welcher der lebenslang gesuchte, herausragende wissenschaftliche Erfolg versagt blieb, obwohl Klebs öfter kurz davor stand und mit ein bißchen Glück es durchaus hätte schaffen können, in die Annalen der Mikrobiologie als ein ganz Großer einzugehen.