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    Pathologisches Institut

    Virchow als Revolutionär in Berlin 1848

    Reisepass von Rudolf Virchow, ausgestellt von der preußischen Regierung

    Im Revolutionsjahr  1848 war Virchow politisch auf  seiten der sozialliberalen Reformer außerordentlich aktiv bis hin zur Teilnahme am Barrikadenbau. Der junge Prosektor der Berliner Charite, der in diesem Jahr ca. 180 Choleraleichen sezierte, wurde sogar als Abgeordneter in die preußische konstituierende Versammlung gewählt, mußte jedoch die Wahl wegen zu jungen Alters (unter 30) ablehnen.

    Seinen damaligen, mit politischen Aktivitäten gefüllten Tagesablauf schilderte er einem Brief nach Hause wie folgt:

    "Teils politische, teils medizinische Beschäftigungen füllen meinen ganzen Tag aus. Vormittags fesseln mich meine Amtsgeschäfte und mein Kurs, und ich kann höchstens noch eine Zeitung lesen; nachmittags habe ich allerlei Kommissionssitzungen, abends Versammlungen aller Art. Dreimal in der Woche hält unser Bezirksverein, der Friedrich-Wilhelmstädtische, Sitzung, wo ich Mitglied des Comites bin; einmal der Bezirks-Zentral-Verein, in dem die Abgeordeneten aller Bezirksvereine sitzen, und wo ich bisher auch Mitglied des Comites war; einmal wöchentlich ist General-Versammlung der Ärzte, wo ich Vizepräsident bin. Dazu kommen Klubs, Handwerker- und Maschinenbau-Arbeitervereine ..."

    Auch gegenüber weniger progressiven Kollegen an der Charite verbreitete Virchow seine „radikalen“ Überzeugungen, so z.B. gegenüber seinem Lehrer Lukas Schönlein, der bis zu seiner Vertreibung 1833 in Würzburg gelehrt hatte. Als Virchow Schönlein in einem Disput über die Todesursache eines Patienten, der unter der Symptomatik eines Schlaganfalls gestorben war, von einer embolisch-ischämischen Ätiologie überzeugen wollte, protestierte Schönlein mit der Bemerkung: „Sie sehen auch überall Barrikaden.“ 

    Hatte Virchow sich schon durch die in seinem Oberschlesien-Report ungeschminkt vorgetragene Kritik bei seinen Vorgesetzten unbeliebt gemacht, so brachte seine politische Aktivität während der Märzrevolution 1848 das Faß zum Überlaufen: Virchow wurde (wenn auch nur vorübergehend) seines Amtes als Prosektor der Charite enthoben. Dadurch verlor er gleichzeitig seine Dienstwohnung in der Klinik und mußte seine Mutter in Pommern bitten, ihm Bettzeug zu senden: „Da ich ein Schlafsofa besitze, so brauche ich bloß Laken und Überzüge zu Decken.

    Die Entlassung wurde bald zurückgenommen, nachdem Virchow dem preußischen Kultusministerium gegenüber erklärt hatte, auf weitere politische Agitation zu verzichten. Er war jedoch nicht auf die Stelle angewiesen wegen unabhängiger Einkünfte aus Vorlesungen und Publikationen. Da aber das hauptstädtische Pflaster für ihn zu heiß blieb, sah er sich gezwungen, seine preußische Heimat (vorübergehend) zu verlassen und sich im (deutschen) Ausland nach einer anderen Stelle umzusehen, was ihm nicht schwer fiel, da er sich schon einen Namen in der Welt der Pathologie gemacht hatte. Bald stand er in Berufungsverhandlungen, u.a. mit den Universitäten in Gießen und Zürich, folgte aber schließlich 1849 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Pathologie nach Würzburg.

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